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Historie:Das Wunderkind aus Schwabach

Der alte Stich zeigt den Universalgelehrten Jean-Philippe Baratier im Alter von elf Jahren.

(Foto: Stadtmuseum Schwabach)

Der vor gut 300 Jahren geborene Jean-Philippe Baratier wurde nur 19 Jahre alt, erregte aber mit seinem enzyklopädischen Wissen europaweit Aufsehen

Von Hans Kratzer, Schwabach

Wenn von Wunderkindern die Rede ist, fallen einem sofort Namen wie Wolfgang Amadeus Mozart, Carl Friedrich Gauß und Marie Curie ein, die sich schon im Kindesalter als geistesstarke Genies hervortaten. Es gab aber auch Wunderkinder, die in Vergessenheit geraten sind, selbst in ihren Heimatorten. Auch in der Stadt Schwabach in Mittelfranken lebte vor gut 300 Jahren ein solches Genie. Jean-Philippe Baratier, im Januar 1721 im Haus Boxlohe 9 in Schwabach geboren, konnte schon mit drei Jahren fließend lesen. Leider wurde er nicht einmal 20 Jahre alt, aber seine außergewöhnliche naturwissenschaftliche und sprachliche Begabung machte ihn dennoch in Gelehrtenkreisen in ganz Europa bekannt. Da in einigen Wochen sein 300. Geburtstag gefeiert wird, wollen die Bürgerstiftung und das Kulturamt in Schwabach das Wirken und die Einzigartigkeit des Wunderkindes Baratier einem breiteren Publikum bekannt machen. Denn auch in Schwabach sei nicht mehr jedem geläufig, um wen es sich bei Baratier handelt, gibt Ralf Gabriel, der Vorsitzende der Bürgerstiftung, gerne zu. Auch im Stadtbild soll Baratier sichtbarer werden. Zum einen soll eine Bronzestatue aufgestellt werden, zum anderen wird ein Weg in der Innenstadt nach ihm benannt werden. Der französische Name verrät freilich, dass hinter Baratier weit mehr steckt als "nur" ein Stück Stadtgeschichte. Dass er zu einem damals europaweit bestaunten Geistesriesen in Fächern wie Theologie, Geschichte, Astronomie, Physik und Numismatik heranwuchs, ist auch das Ergebnis einer Marketing-Kampagne seines Vaters, des französisch-reformierten Predigers François Baratier, der dazu vor allem sein hugenottisches Netzwerk nutzte. Die Hugenotten waren in Schwabach sehr präsent. 3000 deutschen Schwabachern standen 500 französische Schwabacher gegenüber, die sich dort mit markgräflicher Erlaubnis ansiedeln durften. Es waren Protestanten calvinistischer Prägung, die Frankreich aus Glaubensgründen verlassen hatten. 1719 kam Vater Baratier als Pfarrer nach Schwabach, das einzige Kind erfreute sich einer besonderen Fürsorge der Eltern.

Als Sechsjähriger beherrschte Jean-Philippe die Sprachen Deutsch, Französisch, Latein, Griechisch und Hebräisch, kurz darauf sprach er auch Chaldäisch, Syrisch und Arabisch. Sein Vater förderte ihn sehr, aber auch er staunte. "Mir deucht, dass diese Sache wohl verdienete, von den Gelehrten untersucht zu werden", sagte er und warf damit bereits die bis heute aktuelle Frage der Hochbegabung auf. Als Elfjähriger übersetzte Baratier einen hebräischen Reisebericht aus dem Mittelalter und versah ihn mit eigenen Kommentaren. Fast alle griechischen Autoren hatte er bis dahin bereits gelesen, dazu die großen theologischen Traktate. Seine geistigen Kapazitäten schienen keine Grenzen zu kennen. 1734 entdeckte der 14-Jährige beim Anblick eines Globus die Astronomie und die Mathematik. Binnen weniger Monate entwickelte er astronomische Geräte und eine Methode zur Bestimmung der geografischen Länge, die auch in London und Paris Staunen hervorrief.

Auf einer Reise in den Osten machte die Familie 1735 Station in Halle, wo der Bub an der Universität sogleich die Prüfung zum Magister Artium ablegte und 14 Thesen aufstellte, die noch in der folgenden Nacht gedruckt und disputiert wurden. Der Zustrom von Professoren und Studenten war extraordinär, wie es hieß, alle wollten das Wunderkind sehen. Danach weilte er am Königshof in Berlin, wo ihn die Akademie der Wissenschaften, in der viele Hugenotten vertreten waren, zum Mitglied ernannte. In Halle nahm er das Studium der Rechte auf, befasste sich aber zudem enzyklopädisch mit allem Wissen der Erde. Gestärkt durch seine vielen Meriten und Auszeichnungen, knüpfte Baratier sein eigenes Netzwerk in Europa, lancierte Publikationen in der Presse, in wissenschaftlichen Zeitschriften und auf dem Buchmarkt. Schließlich wagte er es, den Akademien in London, Paris und Berlin Vorschläge zur Lösung eines der seinerzeit meistdiskutierten naturwissenschaftlichen Probleme mit höchst praktischer politisch-militärischer Bedeutung zu machen: der Bestimmung der Längengrade auf dem Meer.

Im Alter von nur 19 Jahren starb der in höfischen wie wissenschaftlichen Kreisen hochgeachtete junge Gelehrte am 5. Oktober 1740 in Halle. Schon seit seinem elften Lebensjahr hatte ihn ein kleiner Tumor am Zeigefinger geplagt, den man immer wieder wegschnitt, jedoch blieb alles Bemühen vergebens. Es war ein Krebsgeschwür, das sich unaufhaltsam ausbreitete.

Zu seinem 300. Geburtstag am 19. Januar 2021 widmet die Stadt Schwabach ihrem großen Sohn eine Vortragsreihe. Wenn Corona es zulässt, wird unter anderem der Bayreuther Romanist Günter Berger einen Festvortrag mit neuen Erkenntnissen über das gelehrte Wunderkind Jean-Philippe Baratier halten.

© SZ vom 20.11.2020/van
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