Kratzers Wortschatz:Das Grausen des Maxi Pongratz

Kratzers Wortschatz: "Aufgepasst, es ist hai" - eine Warnung, die angesichts spiegelglatter Straßen am Mittwochabend in Dachau mehr als angebracht war.

"Aufgepasst, es ist hai" - eine Warnung, die angesichts spiegelglatter Straßen am Mittwochabend in Dachau mehr als angebracht war.

(Foto: Frederick Mersi/dpa)

"Dieses Seppelhafte, davor hat es mich immer gegraut", wird der Oberammergauer Musiker Maxi Pongratz in einem Hamburger Blatt zitiert. Wenn die Aussage so stimmt, dann ist das Werdenfelser Original rein sprachlich betrachtet tatsächlich zum Hanseaten mutiert.

Von Hans Kratzer

Grausen

Ein Zeit-Reporter aus Hamburg hat den Musiker Maxi Pongratz in dessen Wohnung in Obergiesing besucht und ein farbiges Porträt über ihn verfasst. Pongratz war Mitglied der aufgelösten Kapelle "Kofelgschroa". Unter anderem erfährt man in dem Artikel, dass der Künstler eigentlich mit seinem Heimatort Oberammergau beziehungsweise mit dem Klischee davon fremdelt. "Dieses Seppelhafte, davor hat es mich immer gegraut", wird Pongratz zitiert. Hier stellt sich freilich die Frage, ob ein authentischer Einheimischer wie Pongratz, dessen Werdenfelser Sprachfärbung hundert Meter gegen den Wind zu hören ist, das tatsächlich so geäußert hat. Ein Oberammergauer sagt statt "hat es mich gegraut" eigentlich: "Davor hat's mir immer gegraust."

Das Grauen ist im Bairischen ein "Grausen". Der Schriftsteller Albert Sigl schrieb 2005 in seinem Erzählbuch "Sonnham": "Und als sie den Toten im offenen Sarg anstarrten, da grauste es ihnen ein bisserl." Anderen wiederum graust es vor der Schule und vor dem Zahnarzt, es gibt aber auch welche, denen es vor gar nix graust.

Oft klebt etwas Derbes an diesem Wort. Hat einem eine Mahlzeit nicht behagt, so heißt es: "Er hat sich an Grausen gfressen!" Erstaunlicherweise tauchen das Adjektiv grauslich und dessen Variationen gräuslich und greislig immer öfter in der deutschen Standardsprache auf.

hai

Als am Mittwoch im ganzen Land Glatteisalarm herrschte, kam auch das uralte Adjektiv "hai" wieder zu Ehren. Besonders auf dem Land warnten manche: "Pass bloß auf, dassd ned hinfällst. Es ist hai." Übersetzt heißt das: Es ist glatt und rutschig. Der Aufklärer und Wortsammler Andreas Zaupser gebrauchte im 18. Jahrhundert das Wort "hahl" in eben dieser Bedeutung. Das Verb "halitzen" kannte Zaupser im Sinne von ausrutschen. Es wird heute nicht mehr verwendet, sehr wohl aber das verwandte Adjektiv "hal", das vor allem in der Oberpfalz, aber auch in Schweden gebräuchlich ist und im Süden Bayerns zu "hai" wurde. In Schmellers berühmtem Wörterbuch aus dem 19. Jahrhundert heißt es: "Aufm Eis is's hal." In Regensburg ist die Mischform "hail" bekannt (mittelhochdeutsch: haele). Außerdem gibt es noch das alte Wort "hoada". "Es is spiaglhoada", sagte ein älterer Mann am Mittwoch und deutete auf eine spiegelglatte Eisfläche. Das Wort steht aber auch für eine klare Frostnacht.

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