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König Ludwig II.:Parallelwelt statt Auswanderung

Die Autoren Klaus Reichold und Thomas Endl haben dieses kuriose, aber noch unbekannte Auswanderungsthema in ihrer soeben erschienenen und flott erzählten Biografie über den "Märchenkönig" erstmals breit dargestellt. Insgesamt schildern sie Ludwig II. aus vielen neuen Blickwinkeln als Kind des 19. Jahrhunderts, der eine rasante gesellschaftliche und technische Entwicklung erlebt, bevor er sich in die Gegenwelten des Historismus und des Orientalismus flüchtet.

Aus den Akten las Reichold heraus, dass Ludwig II. seine Auswanderungspläne bis 1884 verfolgt hat. Demnach klopfte Löher immer fernere Territorien auf ihre Tauglichkeit ab, etwa die Inseln San Ambrosio, San Félix und den Juan-Fernández-Archipel vor Chile. Oder die Umgebung der ecuadorianische Hauptstadt Quito. Löher schickte Berichte über die Fidschi- und Samoa-Inseln, über Tahiti und Tonga, über La Réunion im Indischen Ozean, die Philippinen, und die persische Provinz Mazandaran sowie über Somalia.

Ludwig II. und seine Schlösser

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Für eine Ansiedlung schien ihm der Hindukusch in Afghanistan besonders geeignet zu sein. "Die Vorberge des Hindu-Kuh haben Ähnlichkeit mit den lieblichsten Alpengeländen", schrieb Löher in seiner Empfehlung, um dann zu schwärmen: "Was könnte bei einer solchen Lage aus den bedeutenden Städten Kabul und Herat unter einer geordneten Regierung werden!" Auch Ägypten stand hoch im Kurs: "Es dürfte kein Land der Erde geben, das interessanter wäre und zugleich für eventuelle Erwerbung der Herrschaft günstigere Chancen böte."

Letztlich riet er aber, sich die Sache gut zu überlegen. "Übersiedlung in ein fremdes Land, in ungewohntes Klima, unter neue Menschen und Verhältnisse ist ein höchst gewagtes Unternehmen. Sehr häufig verbindet sich damit unsägliches Elend." Bevor Ludwig II. eine längere Schiffsreise antrete, sei zu prüfen, "ob Neigung für Seekrankheit besteht."

Außerdem stünden der Besitzergreifung Hindernisse entgegen, als da wären "Korallenriffe und Meeresströmungen, Beunruhigungen durch wildes rohes Volk in der Nähe oder Fieber und Krankheiten". Auch der Hofsekretär Ludwig von Bürkel riet dem König von der Auswanderung ab - schon deshalb, weil in vielen Ländern "die ungeheure Mehrheit der Bewohner uncivilisiert" sei. "Es ist mir ein unfaßlicher Gedanke, daß Eure Majestät an einer von der Weltkultur so entlegenen Küste lande, um inmitten einer halbwilden Bevölkerung, an Leib und Gut bedroht, die Tage zu verbringen.

Tatsächlich, so resümiert Reichold, habe Ludwig II. seine Auswanderung immer weiter hinausgezögert. Bis er schließlich in eine andere Parallelwelt eintauchte - in die des Theaters und seiner Schlösser.

Klaus Reichold/Thomas Endl, Die phantastische Welt des Märchenkönigs, Edition Luftschiffer, 2017, 280 Seiten, 14,90 Euro.

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