Alleinerziehende In der Armut gefangen

Die Alleinerziehende Sandra Altmeier mit ihrer 2-jährigen Tochter, deren Name nicht genannt werden soll. Wie viele andere Frauen kämpft sie ums finanzielle Überleben.

(Foto: Florian Peljak)

Söders Familiengeld war für Sandra Altmeier das große Versprechen - dann kam die Enttäuschung. Nun will die Hartz IV-Empfängerin vor Gericht erkämpfen, dass ihr das Geld ausgezahlt wird.

Von Lisa Schnell, Gstadt

Sandra Altmeier trägt gerne Samtkleider, ihren Kaffee trinkt sie mit Kardamom aus bunten Tontassen, jede ein wenig anders gebeult. Sie lebte lange in Indien, arbeitete mit Flüchtlingen. Die CSU kam ihr nicht als erstes in den Sinn, wenn sie in der Wahlkabine saß. Dann aber erlebte sie diesen Tag im Juni. Wäre Markus Söder ihr da über den Weg gelaufen, sie hätte den Ministerpräsidenten innig gedrückt.

Söder, das war für sie der Mann, der ihr ein neues Leben schenkt. Ein Leben, in dem sie vielleicht wieder arbeitet, in dem sie nicht die einzige auf dem Land ist, die kein Auto hat und ihre Tochter mit dem Fahrrad zur Kita bringen muss, 24 Kilometer. Söder lächelte sie von den Plakaten an, sie lächelte zurück und ging durch die Welt wie auf Wolken.

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So war das im Juni. Jetzt ist es November, feuchter Nebel zieht über die Felder in Oberbayern. Altmeier, die eigentlich anders heißt, macht in ihrer kleinen Wohnung in Gstadt am Chiemsee ihren Kaffee mit Kardamom, den gönnt sie sich. In der Küche hat sie den Holzofen eingeheizt, in den anderen Zimmern ist es kalt. Wärme kostet Geld und das hat sie nicht - obwohl es Söder doch versprochen hatte.

300 Euro mehr im Monat sollte sie durch sein neues Familiengeld haben. Sie hat es nicht und fühlt sich betrogen. Jetzt will die 41-Jährige vor Gericht ziehen, so wie etliche Hartz IV-Empfänger in Bayern. Altmeier hat drei Kinder, die Kleinste ist zwei Jahre alt, die anderen acht und zehn. Genau 1987,76 Euro hat sie im Monat für sich und drei Kinder. Davon muss alles bezahlt werden, von der Wohnung bis zu Essen. 300 Euro mehr, das ist nicht ein schönes Kleid oder eine Woche länger Urlaub. Ihre Kleider sind gebraucht, Urlaub kennen ihre Kinder nicht. 300 Euro, das heißt für sie in der Mitte des Monats keine Angst mehr haben, wie sie es zum Ende schafft.

Das Familiengeld aber wird mit ihren Hartz-IV-Leistungen verrechnet, es löst sich einfach auf. So will das nicht Söder, sondern so wollen es die Juristen des Bundessozialministeriums, das von SPD-Mann Hubertus Heil geführt wird. Bis jetzt gab es deshalb viel Empörung: Die SPD zeigte auf Söder, der es nicht schaffe, ein Gesetz juristisch einwandfrei zu formulieren. Söder höhnte, ausgerechnet die SPD nehme den Ärmsten Geld. Noch immer streitet der Freistaat mit Berlin. Altmeier will, dass etwas passiert.

Etwa 120 Klagen hat ihr Anwalt Marc Schneider für seine Klienten gegen die Bescheide ihrer Jobcenter von München bis Bayreuth eingereicht. Etwa 80 Prozent von ihnen sind alleinerziehende Mütter wie Altmeier. Wie die Richter entscheiden, kann niemand voraussagen. Die Urteile aber gelten immer nur für den Einzelfall und können je nach Gericht unterschiedlich ausfallen. Erst mit einem Urteil des Bundessozialgerichts könnte die Regelung gekippt werden, so Schneider. Nur wer geklagt habe, bekomme dann das Familiengeld rückwirkend ausgezahlt. Bis dahin könne es Jahre dauern.

Altmeier will durchhalten. Es geht ihr um das Geld, fast noch wichtiger aber ist ihr etwas anderes - Anerkennung. Sie hasst dieses Wort: Hartz IV. Es klingt nach Mutter mit Kippe im Mund und Kind vor der Glotze. In Altmeiers Küche leuchtet über dem Fenster eine Lichterkette aus Filzblumen, die sie für ihre Kinder gebastelt hat. Auf dem Holzbüffet stehen selbst gebackene Dinkel-Kakao-Plätzchen. Ihre Kleine tapst auf sie zu, wankend, so wie es Zweijährige tun in Strumpfhosen und mit Windelhintern. Blick nach oben zur Mama, ein Kinderjuchzen, dann tapst sie weiter. Altmeier aber hat da was gerochen. Sie muss schnell los, die "Kakastrophe" beheben; dann erzählt sie, wie so ein Tag einer alleinerziehenden Mutter mit drei Kindern aussieht, die ja "nichts arbeitet".