Grundschule in Bayern:Es trifft Kunst und Musik

Grundschule in Bayern: Anna Stolz von den Freien Wählern ist seit Herbst Staatsministerin für Unterricht und Kultus in Bayern.

Anna Stolz von den Freien Wählern ist seit Herbst Staatsministerin für Unterricht und Kultus in Bayern.

(Foto: Robert Haas)

Um nach der Pisa-Schlappe in den Grundschulen Lesen, Schreiben und Rechnen zu stärken, werden die kreativen Fächer zusammengelegt. Religion bleibt unangetastet.

Von Anna Günther

"Kein Fach soll wegfallen, wir haben ein ganzheitliches Bildungssystem", sagte Kultusministerin Anna Stolz (Freie Wähler) am Dienstag in München. Sie stellte gleich zu Beginn der Pressekonferenz nach dem Ministerrat klar, dass ein Streichkonzert von ihrer "Pisa-Offensive" für die Grundschulen nicht zu erwarten ist. Wochenlang war darüber debattiert worden, wo in der Stundentafel gestrichen werden muss, damit Bayerns Grundschüler vom kommenden Schuljahr an mehr Stunden für Deutsch- und Matheunterricht bekommen. Dass bei Lesen, Schreiben und Rechnen dringend nachgebessert werden muss, hatte die jüngste Pisa-Studie gezeigt, in der deutsche Kinder sehr schlecht abgeschnitten hatten.

Besonders hitzig waren der Religions- und der Englischunterricht diskutiert worden. Nun ist klar, dass es die kreativen Fächer trifft. In jeder Jahrgangsstufe der Grundschule werden Schüler und Schülerinnen dafür eine Stunde Deutsch mehr pro Woche haben. In der ersten und dritten Klasse auch eine Stunde mehr Mathematik. Zwar wird dafür im engsten Sinn kein Fach gestrichen, aber Kunst, Musik sowie Werken und Gestalten werden zu einem Verbundfach zusammengespannt. Damit geht Zeit für jedes einzelne Fach verloren. Auch Englisch darf um eine Stunde reduziert werden, noch sind in der dritten und vierten Klasse je zwei Wochenstunden eingeplant.

Die Schulen sollen flexibler den Unterricht gestalten können, etwa indem sie epochal unterrichten. Damit wären etwa ein Halbjahr Kunst und das zweite Halbjahr Schwimmen möglich. Die Flexibilisierung soll eine Stunde bringen, die individuell überall eingesetzt werden kann. Zum Pisa-Konzept gehören auch verbindliche Lese-Screenings, die die Diagnostik der Lehrer verbessern sollen. Für die Lehrer sind Fortbildungen und spezielle Materialien zur Förderung der Schüler vorgesehen. Zudem plant Stolz, die Lehrpläne zu überarbeiten, um "mehr Zeit und Raum für Basiskompetenzen" zu schaffen. Damit steht ihr wohl neuer Knatsch ins Haus: In der Regel wollen die Vertreter der Fächer nie etwas abgeben, sei es inhaltlich oder Zeit.

Das Pisa-Konzept setzt eineinhalb Jahre vor der Einschulung an: Mit viereinhalb Jahren sollen alle Kinder verpflichtende Sprachtests machen. Wer durchfällt, muss gefördert werden. Ein halbes Jahr vor der Einschulung folgt der zweite Test. Wer auch hier durchfällt, wird zurückgestellt und nicht eingeschult - bisher geht das nur mit dem Einverständnis der Eltern. Sozialministerin Ulrike Scharf (CSU) sprach von einem "verpflichtenden Vorschuljahr", wie es im Koalitionsvertrag stehe. Los geht es 2025.

Wer die zurückgestellten Kinder dann fördern soll, Lehrkräfte oder Erzieherinnen, ist offenbar noch offen. Das Konzept zur Sprachförderung werde noch erarbeitet, sagte Scharf. Auch darüber, wer diese Kinder dann wie fördern wird, besteht noch Abstimmungsbedarf zwischen den Ministerinnen. Während die Kitas in Scharfs Zuständigkeit fallen, ist Anna Stolz für Schulen und Lehrkräfte zuständig. Personal ist in beiden Bereichen knapp.

Die Debatte ums vermeintliche Streichkonzert hatte so hohe Wellen geschlagen, weil die Kultusministerin im Bildungsausschuss des Landtages vor Wochen zwar bei Sport eine rote Linie zog, aber Religion von potenziellen Kürzungen nicht ausschloss. Das rief die CSU auf den Plan und gipfelte in einem Machtwort von Ministerpräsident Markus Söder (CSU), der Religion zum Tabu erklärte. Zuvor hatte er am Rande der Kabinettsklausur in Banz vorgeschlagen, doch bei Englisch zu streichen. Rückenwind bekam Söder vom Philologenverband, dessen Englischlehrer in einer Umfrage vorgeschlagen hatten, das Fach ganz zu streichen und stattdessen Deutsch in den Grundschulen zu verstärken. Man müsse in der fünften Klasse ohnehin immer bei Null anfangen, hieß es, weil das Niveau der Kinder so unterschiedlich sei.

Mit ihrem Pisa-Konzept hielt Stolz an ihren Schwerpunkten fest: Flexibel sollte es sein und Sport blieb Tabu. "Sport ist enorm wichtig für die psychische und physische Gesundheit der Kinder", sagte sie nach der Sitzung des Kabinetts. Durch die Flexibilisierung der Stundentafel können die Schulen in der ersten Klasse sogar noch mehr Sport anbieten. Englisch wird nicht abgeschafft, aber kann gekürzt werden. Religion konnte Stolz ohne die Zustimmung der Kirchen ohnehin nicht anfassen.

Stolz sei "vor dem Ministerpräsidenten eingeknickt", kritisiert die SPD

Aus Sicht der SPD-Fraktion im Landtag ist Anna Stolz "vor dem Ministerpräsidenten eingeknickt": Dass Kunst und Musik zusammengelegt werden, ist für Simone Strohmayr "Kürzung durch die Hintertür". Aber "die heilige Kuh der CSU", Religion, werde nicht angetastet. Strohmayr forderte, dass es bei zwei Englischstunden bleibe, Bayern müsse international bestehen können. Dieser Punkt ging auch den Grünen "genau in die falsche Richtung". Statt Streichungen forderte die grüne Bildungspolitikerin Gabriele Triebel mehr Zeit an der Grundschule für alle Kinder, die das brauchen.

Simone Fleischmann, Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands, nannte das Konzept zwar "die richtige Antwort" auf Pisa. Aber bei der aktuellen Personalsituation an den Schulen sei gar nicht daran zu denken, all diese Fördermaßnahmen umzusetzen.

Von einem Machtkampf zwischen ihr und dem CSU-Ministerpräsidenten oder gar einer Niederlage wollte die Kultusministerin nichts hören: "Ich stehe zu meiner Aussage und hätte den Schulen bei Religion gerne mehr Spielraum gegeben." Das war mit CSU und Kirchen nicht zu machen. Aber sie werde auch weiter sensible Themen ansprechen und diskutieren, sagte Stolz.

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