Gesundheit Roboter Mario soll Demenzkranke pflegen

Roboter Mario soll Demenzkranken assistieren.

(Foto: Kompai Robotics)
  • Bei der Pflege von Demenzkranken sollen künftig auch Roboter zum Einsatz kommen.
  • Ein EU-Projekt hat die Forschung mit fast vier Millionen Euro gefördert. Rund 300 000 Euro davon sind nach Passau gegangen.
Von Vinzent-Vitus Leitgeb, Passau

Mario ist vor allem geduldig. Er wird nicht müde, dieselbe Frage wieder und wieder zu stellen: "Hast du deine Medikamente genommen?" Wenn es sein muss, kommt das zehn Mal hintereinander. Mario hat aber auch ein besonderes Gespür für Stimmungen. Gerne zeigt er Fotos, wenn sein Patient sich beruhigen muss, oder er spielt Musik. Sobald es ein unerwartetes Problem gibt, ruft er einen Arzt.

Das Ungewöhnliche dabei: Mario ist ein Roboter. Sein Name muss eigentlich in Großbuchstaben geschrieben werden, MARIO: eine Abkürzung des englischen Namens für ein EU-Forschungsprojekt, zu dem die Uni Passau einen großen Teil beigetragen hat. Das Ergebnis ist in Zukunft vielleicht eine wichtige Ergänzung in der Pflege von Menschen, die an Demenz erkrankt sind.

Wer demente Angehörige pflegt, braucht mehr Hilfe

Eine aktuelle Befragung zeigt, wie oft Pflegende an ihre Grenzen stoßen. Das ist erschreckend und nicht hinnehmbar. Kommentar von Astrid Viciano mehr ...

Denn deren Zahl nimmt immer weiter zu. Laut dem bayerischen Gesundheitsministerium weist jeder Dritte der über 90-Jährigen im Freistaat die Symptome der Krankheit auf. Insgesamt sind es mehr als 230 000 Personen. Für 2020 erwartet das Ministerium 270 000 Erkrankte in Bayern, 2032 bereits 340 000. Die meisten leiden hierbei an Alzheimer-Demenz, bei der Gedächtnisstörungen auftreten oder die Sprache und Orientierung der Patienten beeinträchtigt wird. Sie brauchen viel Aufmerksamkeit, Sicherheit und Unterstützung bei möglichen Problemen im Alltag. Und genau hier soll Mario aushelfen.

"Viele Menschen wollen, so lange es geht, alleine wohnen", sagt Siegfried Handschuh, Professor für Informatik mit Schwerpunkt Digital Libraries and Web Information Systems an der Universität Passau. "Das haben unsere Partnerunis festgestellt. Auch ich höre das in Anfragen zum Projekt öfter." Weil nicht immer rund um die Uhr eine Pflegekraft verfügbar sei, habe man begonnen, mit der neuen Technologie zu arbeiten und die Ergebnisse in Irland, England und Italien zu testen. In Kliniken, Alters- und Pflegeheimen, um Mario mit unterschiedlichen Phasen der Krankheit zu konfrontieren. Erstaunlich schnell bauen die Patienten eine Beziehung zum Roboter auf.

Das Aussehen von Mario ist wohl ein wichtiger Faktor dafür gewesen: Er ist etwa 1,30 Meter groß, mit einem Tablet-Computer an der Vorderseite für nötige Einstellungen. Gesteuert wird er aber vor allem über Sprachbefehle. Über kleine Räder kann der Roboter durch die Wohnung der Patienten rollen. Er orientiert sich über einen gespeicherten Grundriss und verschiedene Sensoren sowie Kameras. Weil er keine Arme hat, kann er Patienten jedoch nicht aus dem Bett heben. Mario solle eher beobachten, Unregelmäßigkeiten entdecken und mit den Patienten kommunizieren, sagt Handschuh. Alles weitere sei im Moment noch zu teuer.

Das Projekt wurde von der EU mit insgesamt fast vier Millionen Euro über drei Jahre gefördert. Ungefähr 300 000 Euro davon sind nach Passau gegangen. Handschuh und sein Team waren für den Teil der Software des Roboters zuständig, der die Patienten ohne Probleme mit Mario sprechen lässt. Die Technologie dahinter ist inzwischen vielen Menschen geläufig.

Amazon macht derzeit viel Werbung für "Echo", einen schwarzen Zylinder, der auf Zuruf Musik abspielt oder Nachrichten. Google hat ein ähnliches Angebot, Apple den Sprachassistenten "Siri". Die Schwierigkeit für das Team von Handschuh war im Vergleich dazu, dass der Pflegeroboter vor allem mit älteren Menschen kommunizieren muss, die durch ihre Krankheit vielleicht Probleme haben, sich klar auszudrücken oder undeutlich sprechen. Bei den Tests in Irland habe zudem Dialekt eine große Rolle gespielt.

Mario kann einen Krankenwagen rufen

"Zum Glück sind solche Systeme aber sehr lernfähig", sagt Handschuh. "Wir können ihnen Phrasen beibringen, die ähnlich klingen wie der gewünschte Befehl oder Synonyme zu wichtigen Worten." Zudem sei der Rahmen der Begriffe und Phrasen, die benötigt werden, doch durchaus eingeschränkt. So ist es möglich, den Roboter individuell auf die zu pflegende Person einzustellen. Diese muss dann nur ganz zu Beginn eine standardisierte Liste mit Worten und Phrasen vorlesen, damit sich der Roboter für später darauf einstellen kann.

Das Forschungsprojekt läuft im Januar 2018 aus. Der französische Partner der Uni Passau, der die Roboter produziert, entscheidet dann selbst, ob er das Produkt in dieser Form auf den Markt bringen will oder nicht. Handschuh von der Uni Passau hofft natürlich darauf. Für ihn bietet Mario vor allem noch sehr viel Entwicklungspotenzial.

Schon heute gibt es Armbänder für die Patienten, die Daten wichtiger Körperfunktionen an den Roboter schicken, wie den Puls. Setzt der aus, kann Mario direkt einen Krankenwagen rufen. Denkbar ist aber genauso ein System, das komplett für Drittanbieter offen ist, die dann neue Applikationen und Funktionen programmieren, so wie es bei Smartphones üblich ist. Jeder Patient könnte Mario dann noch ein bisschen persönlicher gestalten.

Wenn geliebte Menschen zur Belastung werden

Wer sich um seine greisen Eltern oder den kranken Partner kümmert, weiß nie für wie lange. Eine Verantwortung mit großem Konfliktpotential. Von Anja Reiter mehr...