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Geschichte:Im Inn liegt ein millionenschwerer Schatz

Reinhold Ostler hat viel Material über Schätze gesammelt. Auf einer seiner Karten ist auch der Ort dokumentiert, wo die 40 Kisten Silbergeschirr verschwanden.

1648 ging ein Schiff von Maximilian I. unter, an Bord waren Kisten voll feinstem Silbergeschirr. Obwohl das Unglück gut dokumentiert ist, wurde der Schatz bis heute nicht geborgen.

Von Maximilian Gerl, Finning

Die Akte könnte Millionen wert sein und ist doch unscheinbar. Ein brauner Papierpacken, wie er in Amtsstuben herumliegt. Cornelia Ostler schlägt den Deckel auf. Es ist eine dicke Akte. Jahrelang hat ihr Vater recherchiert und Hinweise abgeheftet, Kopien von Karten und Kuperstichen, Zeitungsartikel, Notizen. Auf einem Blatt ist ein Querschnitt des Inns zu sehen: Wie der Fluss heute verläuft und wie hoch sein Wasser vielleicht damals stand, als all das wertvolle Silber in ihm versank. "Ein toller Schatz", sagt Ostler. Ein Schatz, der bis heute nicht entdeckt wurde - und der nur auf einen glücklichen Finder wartet.

Über die meisten Schätze ist wenig bekannt; manchmal so wenig, dass man nicht weiß, ob sie überhaupt existieren. Von diesem Schatz aber weiß man fast alles. Sogar der Ort seines Verschwindens ist überliefert, er liegt im Inn bei Mühldorf. Gefunden hat ihn trotzdem niemand: den Schatz von Maximilian I., Kurfürst von Bayern. Feinstes Silbergeschirr. 40 Kisten mit einem Gesamtgewicht von 340 Kilogramm sollen am 28. Mai 1648 im Inn versunken sein. Allein das Silber dürfte fünf Millionen Euro wert sein. Des Fürsten Tafelsilber ist einer der kostbarsten Schätze, die es in Deutschland zu finden gibt.

Der unscheinbare Papierpacken könnte die Karte zu diesem Schatz sein. Cornelia Ostler blättert durch die Notizen. Sie entspricht nicht dem Bild eines Schatzsuchers: Frau, blond, 31 Jahre jung, rot lackierte Zehennägel. "Es gibt ein Foto, da bin ich anderthalb Jahre alt, kann noch nicht einmal laufen, aber ich halte einen Metalldetektor." Das Schatzsuchen liegt in der Familie. Vater Reinhold Ostler reiste um die Welt, lebte von Funden und den Büchern, die er über sie schrieb. 2010 starb er an Krebs. Seitdem führt Cornelia Ostler das Erbe ihres Vaters fort. Indem sie selbst nach Schätzen sucht, bleibt sie ihm nah. Leben kann sie davon nicht, aber für so was gibt es ja Hauptberufe. Ostler leitet eine Firma, die behinderte und psychisch kranke Menschen ambulant betreut.

Die meiste Zeit beim Schatzsuchen geht für die Vorbereitung drauf, die Recherche. Wer daher den Schatz im Inn finden will, sucht am besten nicht im Inn: sondern bei den Ostlers daheim in Finning, Landkreis Landsberg am Lech. Im ersten Stock hatte Reinhold Ostler ein Arbeitszimmer eingerichtet, es ist unverändert, jeden Moment könnte er wieder zur Tür hereinspazieren.

In den Regalen stehen Hunderte Bücher über Geschichte, Schatzinseln, Nazi-Gold. Manche tragen Staub. An der Wand hängt ein altes Gewehr, am Sessel eine Peitsche. Indiana Jones lässt grüßen. Das Ostlersche Archiv strahlt eine Aura verborgener Geheimnissen aus. Die Schätze sind alle hier, direkt vor der Nase, man muss nur lang genug nach ihnen suchen - und all die Hinweise, Theorien, richtigen und falschen Spuren zusammenpuzzeln.

Cornelia Ostler ist sich sicher, dass es vom Silberschatz im Inn mehr zu holen gibt als eine Akte aus dem Schrank. Auch Reinhold Ostler war sich sicher. Er organisierte 1984 eine große Suchaktion in Mühldorf. Von mehr als 200 Grundstückseigentümern holte er Genehmigungen ein, bat über Zeitungen um Mithilfe. Die Aktion dauerte drei Tage, es muss ziemlich was los gewesen sein. Zehn Taucher grundelten im Fluss, an Land suchten 200 Schatzsucher mit Detektoren. Cornelia Ostler war noch nicht auf der Welt, aber sie kennt die Geschichte, ihr Vater hat sie ihr erzählt, außerdem gibt es ja noch die dicke Akte und Fotos von damals. "Leider hatte er bei der Suche viel Pech", sagt sie.

Viel Pech. Das passt zur Entstehungsgeschichte des Schatzes. Kurfürst Maximilian ist während des Dreißigjährigen Krieges ein mächtiger Führer der Katholischen Liga, die gegen die Reformation mobil macht. Im Mai 1648 aber sieht es schlecht aus für Maximilian. Schweden und Franzosen schlagen die Liga-Truppen bei Zusmarshausen und marschieren gen München. Der Kurfürst flieht, mit ihm seine Schätze. Sie werden in Kisten gepackt, nach Wasserburg gebracht und auf Boote verladen. Über den Inn sollen sie schnell nach Passau und weiter ins sichere Österreich gelangen.

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