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Geschichte:Bismarcks preußischer Spitzel in Bayern

München historisch: Viktualienmarkt um 1890

Blick auf den Münchner Viktualienmarkt im 19. Jahrhundert: Der von Berlin entsandte Georg von Werthern liebte die hier obwaltende Gemütlichkeit, die widerspenstigen bayerischen Politiker schätzte er weniger.

(Foto: Süddeutsche Zeitung Photo)

Georg Freiherr von Werthern wurde von Bismarck nach Bayern gesandt, um von den Widerspenstigen zu berichten. Dabei lüftete der Diplomat manches Geheimnis.

Von Hans Kratzer

Politische Raufhändel zwischen Bayern und Berlin sind keine Erfindung von CDU und CSU, sondern ein Klassiker. Der preußische Norden und der bayerische Süden haben sich schon im 19. Jahrhundert lust- und leidvoll abgekasperlt, weshalb der aktuelle Koalitionsstreit das Gefühl verstärkt, als wiederhole sich Geschichte doch.

Man werfe nur einmal einen Blick in den schriftlichen Nachlass des Diplomaten Georg Freiherr von Werthern, der von 1867 bis 1888 als preußischer Gesandter in München und damit auch am Hofe König Ludwigs II. wirkte. Über Werthern ließ sich Reichskanzler Otto von Bismarck aus erster Hand über die Zustände in Bayern sowie über den in München aufgeschnappten Ratsch und Tratsch informieren. Gerade nach der Reichsgründung war es für die Preußen grundwichtig, die widerspenstigen und auf ihrer Selbständigkeit beharrenden Bayern zu zähmen.

Wie denken die Bayern? Wie lassen sie sich übertölpeln? Wo liegen ihre Schwächen? Solche Fragen, die heute die Kanzlerin quälen, interessierten einst auch Bismarck, und Werthern stillte dessen Neugier mehr als zwei Jahrzehnte lang. Für einen Diplomaten verweilte er ungewöhnlich lang in München. Aber ihm gefiel das angenehme Leben in Bayern, auch der dort reichlich gepflegten Geselligkeit war er in keiner Weise abgeneigt.

So sehr Werthern die Münchner Lebensart schätzte, so wenig behagte ihm die bayerische Politik, auch diese Haltung teilt er mit so manchen Brüdern im Geiste aus der Jetztzeit. Damals lag die Macht freilich nicht in den Händen der CSU, der "Moar" war vielmehr die Patriotenpartei, die im Landtag stets über die Mehrheit verfügte und dadurch die Harmonie im Deutschen Reich nach Wertherns Ansicht ungeheuer erschwerte. Die brüderliche Vereinigung von Nord- und Süddeutschland betrachtete Werthern als die Hauptaufgabe seines diplomatischen Wirkens. Es war aber ein recht zäher Kampf, den Bayern ihre Abneigung gegen Preußen auszutreiben und die politische Einigung zu fördern.

Wertherns geheime Gedanken waren nicht frei von Bosheit und Häme. Wie er schreibt, hielt er zum Beispiel den ganzen Zweig des Wittelsbachischen Hauses seit König Ludwig I. für gestört. "Normal ist von der ganzen Familie nur Prinz Luitpold, welcher bloß dumm ist." Umso interessanter ist der dichte Einblick in das gesellschaftliche Leben der bayerischen Landeshauptstadt, die Werthern dem Leser seiner Korrespondenz gewährt. Er pflegte enge Bande zu Größen der Stadt wie dem Theologen Ignaz von Döllinger, dem Chemiker Justus von Liebig und dem Maler Franz von Lenbach, der ihn und seine Frau porträtierte. Allerdings hielt er das Bild, "an dem er nunmehr 5 Jahre herumgepinselt hat", laut Tagebuch für plump und dumm.

Reich dokumentiert ist in seinen geheimen Berichten an Bismarck das Jahr 1886, das vom Tod König Ludwigs II. geprägt war. Werthern präsentiert dort bisher unbekannte Einzelheiten über diverse Audienzen beim König und über dessen Tod. Aus Wertherns Schilderungen ergibt sich ein klares Indiz, dass der König seinen Begleiter Dr. Gudden ermordet hat. Am 14. Juni 1886, zwei Tage nach dem Unglück, meldete Werthern an Bismarck: "Dem Anschein nach hat Dr. Gudden versucht, den König, der einen Fluchtversuch machte, zurückzuhalten, ist aber überwältigt worden & unter das Wasser gerathen, worauf der König sich ertränkt hat."

Der Historiker Winfried Baumgart hat das Tagebuch Wertherns und dessen politische Korrespondenz bearbeitet und nun mit Unterstützung der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften herausgegeben. Wem die bayerische Landesgeschichte nicht egal ist, der wird bei der Lektüre des 500 Seiten starken Werks an vielen Stellen spannende und vergnügliche Einsichten gewinnen.

Und nicht nur das: Schlüsselquellen der bayerischen Geschichte, etwa zur Reichseinigung und zum Tod Ludwigs II., sind im Original abgedruckt. Die Früchte der Annäherung zwischen Bayern und Preußen konnte Werthern nicht mehr ernten. Anno 1888 entfernte ihn Bismarck rüde von seinem Posten. Werthern zog sich auf seinen Familiensitz in Thüringen zurück.

Ein preußischer Gesandter in München. Georg Freiherr von Werthern, 1867-1888. Herausgegeben von Winfried Baumgart, Berlin 2018 (Deutsche Geschichtsquellen des 19. und 20. Jahrhunderts 74).

© SZ vom 21.06.2018
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