Juden in Bayern Das Erbe der Verfolgten

Preziose aus dem Archivbestand: In einem Münchner Atelier fotografiertes jüdisch-bayerisches Geschwisterpaar in Tracht (ohne Zeitangabe).

(Foto: Central Archives for the History of the Jewish People)

Der Freistaat Bayern will Archivmaterial von 300 jüdischen Gemeinden digitalisieren. Ihre Kultur soll nicht vergessen werden.

Von Hans Kratzer

In 13 bayerischen Städten finden sich heute jüdische Gemeinden. Das ist nur ein Bruchteil früherer Stärke, als Hunderte jüdischer Gemeinden über ganz Bayern verteilt waren, bis die Katastrophe des Nationalsozialismus über sie hereinbrach. "Wir wissen viel zu wenig über die ehemaligen jüdischen Gemeinden in Bayern und ihre Mitglieder", sagt Ludwig Spaenle, der Beauftragte der Staatsregierung für jüdisches Leben und gegen Antisemitismus, für Erinnerungskultur und geschichtliches Erbe. Zweifellos haben diese Gemeinden bis zum Holocaust das Leben in Bayern mitgestaltet und bereichert. Um das Wissen über jüdisches Leben in Bayern zu mehren, will Spaenle jetzt ein ambitioniertes Projekt auf den Weg bringen, das er am Dienstag im Jüdischen Museum in München der Öffentlichkeit präsentierte.

Mehr als 300 jüdische Gemeinden von Aschaffenburg bis Regensburg, von Augsburg bis Bayreuth, darunter viele Landgemeinden, wurden in Bayern durch die Nationalsozialisten vernichtet, die Bewohner wurden deportiert und ermordet. Spaenles Ziel ist es, das Archivmaterial der ehemaligen jüdischen Gemeinden für Nutzer und Forscher in Bayern zugänglich zu machen. "Die Digitalisierung liefert den Schlüssel dazu", sagte Spaenle.

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Es ist ein Zufall der Geschichte, dass die Unterlagen vieler Kultusgemeinden und Distriktsrabbinate vor der Vernichtung bewahrt wurden. Derzeit befindet sich das umfangreiche Material in den Central Archives for the History of the Jewish People in Jerusalem (CAHJP). Die meisten Archivbestände wurden während des Novemberpogroms 1938 auf Befehl des Reichssicherheitshauptamtes durch Gestapo-Dienststellen "sichergestellt" oder von Kommunalbehörden und Polizei entwendet. Viele Akten überdauerten den Krieg in den Staatlichen Archiven Bayerns. Andere Unterlagen wie die Geburts-, Heirats- und Sterbematrikel des 19. Jahrhunderts sollten der "Rassenforschung" dienen. Ein Teil der Papiere wurde an das Reichssippenamt abgegeben. Von 1945 an wurde das Gros der Archivbestände von der US-Militärregierung beschlagnahmt und Anfang der 1950er-Jahre dem Staat Israel übergeben.

In den Akten sind berührende Geschichten verborgen

Spaenle ist überzeugt davon, "dass wir über Protokollbücher, Mitgliederlisten und Bauunterlagen von Synagogen vielfältige Informationen über das gesellschaftliche und religiöse Leben in Bayern erfahren werden". Er hat deshalb mehrere Gespräche mit den Verantwortlichen im Jerusalemer Archiv und mit der Generaldirektion der Staatlichen Archive in München geführt. Die Ressourcen zur Digitalisierung des wertvollen Materials muss allerdings das Wissenschaftsministerium erst noch bereitstellen. Das Projekt dürfte eine Million Euro kosten, schätzt Spaenle.

Sandra Simovich, Generalkonsulin des Staates Israel in München, begrüßt Spaenles Pläne. Sie betonte, dass Juden seit jeher Bürger in Bayern gewesen seien und das Leben im Land aktiv mitgestaltet hätten. Durch den Nationalsozialismus und den Holocaust habe das fruchtbare und weitgehend friedliche Zusammenleben ein brutales Ende gefunden. "Wir können von Glück sprechen, dass zumindest ein Bruchteil an Dokumenten jüdischen Lebens in Bayern gerettet werden konnte. Dass diese Dokumente nun, dank ihrer Digitalisierung, ihren Weg zurück nach Bayern finden sollen, erfüllt mich mit Zuversicht."

Bernhard Purin, Direktor des Jüdischen Museums in München, erwartet einen großen Gewinn für die Forschung. "Mit der Digitalisierung der bayerisch-jüdischen Gemeindearchive wird es künftig möglich sein, umfassende neue Einblicke in das Innenleben jüdischer Gemeinden im heutigen Bayern zu gewinnen. Das wird unser Wissen erheblich erweitern." Zu dem Archivmaterial gehören unter anderem Protokollbücher, Personalakten, Gemeinderechnungen, Mitgliederlisten sowie Bauunterlagen von Synagogen. Purin erwartet neue Aufschlüsse zur Provenienzgeschichte. Viele Gegenstände und Namen, die beispielsweise auf Grabsteinen verwittern und nicht mehr zuzuordnen sind, könnten ihre Herkunft durch die Akten preisgeben.

Purin schilderte berührende Geschichten, die in solchen Akten verborgen sind. Etwa jene mit Brandspuren versehenen Archivalien aus der Gemeinde Fürth, die auf das Schicksal des Kaufmanns Siegfried Offenbacher verweisen, der einst im KZ Dachau einsaß, sich in Palästina in Sicherheit brachte und in den 50er-Jahren wieder zurückkehrte. Im Altenheim der Israelitischen Kultusgemeinde München fand er dann als Opfer des Brandanschlags vom 13. Februar 1970 den Tod. Die Akten, die er sich von der jüdischen Gemeinde Fürth hatte schicken lassen, wurden aus seiner brennenden Wohnung gestohlen und tauchten später im Handel wieder auf.

Das Landesamt für Digitalisierung, Breitband und Vermessung hat zu den Beständen eine thematische Karte erstellt, die im Bayern-Atlas abrufbar ist (https://v.bayern.de/RqLZJ).

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