Geschichte:Das Leben eines Anarchisten

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Geschichte: Der Fürther Fritz Oerter trat für einen gewaltfreien Anarchismus ein, musste aber selber viel Gewalt einstecken.

Der Fürther Fritz Oerter trat für einen gewaltfreien Anarchismus ein, musste aber selber viel Gewalt einstecken.

(Foto: KF/KF)

Der Fürther Journalist und Nazigegner Fritz Oerter ist längst vergessen. Seine nun erschienene Autobiografie zeigt ihn als einen Menschen, der große Ideale verfolgte - aber unter ähnlichen Sorgen litt wie die heutige Generation.

Von Hans Kratzer

In Deutschland wird zurzeit geklagt wie selten zuvor. Blickt man aber hundert Jahre zurück, so zeigt sich sehr schnell, dass die Welt wohl immer schon ein Hort des Jammers war. Unvorstellbar waren die Verhältnisse, in denen die kleinen Leute einst ihre Existenz gefristet haben, die persönlichen Aufzeichnungen von Josefa Halbinger, Maria Hartl und Max Bauer, um nur einige zu nennen, sind in ihrem harten Realismus kaum zu ertragen.

Ähnlich verhält es sich mit den autobiografischen Schriften des Fürther Anarchisten Fritz Oerter (1869-1935), die jetzt erstmals in Buchform vorliegen ("Lebenslinien", Verbrecher Verlag, hrsg. von Leonhard F. Seidl). Sie zeigen, dass so ein Leben einem im Strom der Geschichte dahintreibenden winzigen Blatt gleicht, das aber nicht untergeht und Einsichten verschafft, die einem helfen, den Weltenlauf besser zu verstehen.

Oerter stand am Beginn des 20. Jahrhunderts in regem Austausch mit prominenten Vertretern der anarchistischen Bewegung wie Emma Goldmann, Gustav Landauer, Ernst Toller und Erich Mühsam. Kein Wunder also, dass Oerters Erinnerungen ein literarisch anspruchsvolles Dokument darstellen, das schonungslos seine eigene Lebensrealität schildert, aber auch das Schlingern der deutschen Geschichte in wirren Zeiten. Als Aktivist war er an der vier Tage währenden Fürther Räterepublik beteiligt. Oerter, der als Lithograph und Buchhändler tätig war, hatte schon früh für den gewaltfreien Anarchismus geschwärmt. Später leitete er die Zeitschrift Der Syndicalist, in der er in vielen Leitartikeln für die Idee der Gewaltlosigkeit warb. Dort schrieb er: "Unter dem Druck des Erwerbslebens verwandelte ich mich schon bald in einen begeisterten Anhänger der Sozialdemokratie. Die Bewegung der Unabhängigkeit zu Anfang der 1890er Jahre führte mich dann ins Lager des Anarchismus."

Seine Texte sind immer noch lesenswert

Auch über seine zwischenmenschlichen Beziehungen gibt Oerter offen Auskunft. Seine Partnerin Nanni blieb freilich ein Leben lang an seiner Seite, obwohl er als libertärer Sozialist ein Verfechter der freien Liebe war. Wegen seiner kritischen Haltung gegenüber dem Nationalsozialismus und seiner Kontakte zum Widerstand wurde er immer wieder verhaftet. Im Gefängnis wurde er gefoltert, 1935 starb er an den Folgen der Misshandlungen.

Die meisten von Oerters immer noch lesenswerten Texten sind in Vergessenheit geraten, und seine Bücher finden sich höchstens noch im Antiquariat. Die von dem Schriftsteller und Journalisten Leonhard F. Seidl herausgegebenen "Lebenslinien" bringen diesen Menschen und sein reiches Werk nun wieder ans Licht. Da Oerters Erinnerungen um das Jahr 1902 enden, beschreibt Seidl unter Rückgriff auf zahlreiche Artikel, Briefe und Tagebücher Oerters weiteres Leben und Denken in den 1920er- und 1930er-Jahren.

Wie prekär Oerters Lage oft war, zeigt der Umstand, dass er sich nicht einmal eine Schreibmaschine leisten konnte. Um Papier zu sparen, schrieb er seine Texte in graziler Schrift dicht gedrängt. Und doch sind seine Probleme oft ähnlich gelagert wie heute, ein kleiner Trost, wenn der aktuelle Weltschmerz allzu groß wird. Beim Heimgehen vom Eislaufplatz habe er seine Begleiterin um einen Kuss gebeten, schreibt Oerter, "aber sie verhielt sich so kühl wie das Eis, das wir befahren hatten und sagte nur: Du Narr!"

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