Volksmusik Von wegen Musikantenstadl

Gruppen wie die "Waginger-See-Musi" spielen längst auch bei Festivals wie der Brass Wiesn Eching.

(Foto: Marco Einfeldt)

In Freyung entsteht die erste Volksmusikakademie Deutschlands. Dort sollen Kapellen und Bands Raum finden, die Tradition zu bewahren und fortzuentwickeln. Am Bedarf zweifeln die Initiatoren nicht.

Von Andreas Glas, Freyung

Wer Philipp Ortmeier ärgern möchte, muss ihn auf Andreas Gabalier ansprechen. Oder auf Karl Moik. Er schnauft dann tief durch, grinst, rollt die Augen, alles gleichzeitig. Nein, sagt Ortmeier, "wir haben nicht vor, Gabaliers zu züchten". Und nein, man werde Freyung nicht zum Musikantenstadl umbauen. Gabalier, Moik, das sind natürlich blöde Stichworte. Aber man will halt verstehen, was da gerade passiert im Bayerischen Wald.

Sieben Monate noch, dann soll in Freyung die Volksmusikakademie öffnen, die erste der Republik. Da stellen sich eben Fragen, schon wegen dieses Begriffs: Akademie. Passt das zur Volksmusik, die ihre Identität daraus zieht, dass sie nicht akademisch ist, nicht abgehoben, nicht elitär? Überhaupt, Volksmusik, ist das kein Imagerisiko für eine Region, die das Klischee des grauhaarigen, überalterten, faltigen Bayerwalds loswerden möchte?

Philipp Ortmeier, 40, künstlerischer Leiter der Akademie, hat mit diesen Fragen gerechnet. Mit Bürgermeister Olaf Heinrich (CSU), 39, steht er neben Stahlgerüsten, es klopft und hämmert auf der Baustelle mitten in Freyung. Das Musikantenstadl-Gedudel habe man vielleicht "in den Achtzigern und Neunzigern als Volksmusik wahrgenommen", sagt Ortmeier, "da war das eher die verstaubte Ecke". Heute sei das anders, "man braucht sich nur die Festivalkultur anschauen". Auch Bürgermeister Heinrich sagt: "Volksmusik ist in."

Sie haben ja recht. Überall schießen diese Festivals aus dem Boden. "Love, Peace und Blasmusik" (Regensburg), "Heimatsound-Festival" (Oberammergau), in Österreich gibt es das "Woodstock der Blasmusik" mit 50 000 großteils jugendlichen Besuchern. Tuba statt Tamburin, Lederhose statt Schlaghose. Die Bands heißen La Brass Banda oder Kofelgschroa, bringen Volksmusik mit Elementen der Popmusik zusammen.

"Schon in den Siebzigern haben Wolfgang Ambros oder Hubert von Goisern sehr progressiv gearbeitet. Daraus hat sich eine Bewegung entwickelt, die momentan ihren Höhepunkt erreicht. Wir wollen keine museale Volksmusikpflege betreiben. Diese frische, junge Szene wollen wir auch in der Akademie abbilden."

Auch, sagt Ortmeier, diese Betonung ist ihm wichtig. "Wir wollen, dass sich die neuen Einflüsse wiederfinden, aber das Traditionelle bleibt", sagt Bürgermeister Heinrich, der mit Trachtenjanker und gescheiteltem Kurzhaar eher nach Stadtkapelle aussieht, nicht nach La Brass Banda.

Für Volksmusik-Bands wird der ehemalige Langstadl umgebaut.

(Foto: Stadt Freyung)

Mit der Freyunger Stadtkapelle hat alles auch angefangen. Jedes Jahr fuhr die Kapelle "ins Trainingslager", wie Heinrich es nennt. Und jedes Jahr tat sie sich schwer, passende Räume zu finden. Viele Kapellen und Bands fahren einmal im Jahr fort, um ihr Programm in Ruhe einzustudieren.

"Da kam mir der Gedanke: Müsste man nicht versuchen, das irgendwo mit idealen Bedingungen anzubieten?", sagt Heinrich. Also warb er bei den Stadträten mit der Idee, Freyung zur Volksmusikstadt zu machen. Es gab Skeptiker, aber am Ende haben alle zugestimmt. "Sie haben die Chance gesehen, dass es ein Alleinstellungsmerkmal für Freyung werden kann und Leute herzieht, die sonst nicht unbedingt in die Region kommen", sagt Heinrich.