Forschung:Sprache beginnt weit vor dem ersten Wort

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Der große Vorteil: Ihr Team habe freie Hand bei den vielfältigen Projekten, die Uniklinik und auch das bayerische Kultusministerium seien ihren Ideen gegenüber immer aufgeschlossen und unterstützen sie bestmöglich. Ihre Doktoranden bezahlen kann Wermke aus ihrem Budget aber nicht. Die forschen unbezahlt, oft über viele Jahre. Wermke sagt: "Dass ich mit so engagierten und begeisterten jungen Menschen arbeiten kann, ist ein Geschenk."

Umso wichtiger ist jeder Erfolg, jede neue Entdeckung auf dem Gebiet der Sprachentwicklung. "Ich lebe für Babylaute", sagt Wermke. "Sie sagen so viel darüber aus, wie wir zur Sprache kommen." Anders als von Linguisten oft behauptet, beginne die Sprache nachweislich nicht beim ersten Wort, sagt die Professorin triumphierend, "sondern in den ersten Monaten unseres Lebens. Babyschreie verändern sich von Woche zu Woche."

Dabei folge die Sprachentwicklung einem universellen Muster, das bei allen gesunden Babys gleichermaßen zu beobachten sei. Etwa, wann die Kleinen anfangen, mehrere aneinanderhängende Silben zu plappern, wie "ma-ma-ma". Zwar mixe jeder Säugling in diese Entwicklung die Melodie seiner Muttersprache hinein, das Grundschema des Spracherwerbs sei aber immer gleich. "Bereits nach zwei Monaten kann man erkennen, ob das Kind im Alter von Anderthalb Nachteile beim Sprechen haben wird", sagt Wermke.

Genau dort möchte sie mit ihren neuen Forschungsergebnissen ansetzen. Wenn ein Baby am Schreien und Brabbeln erkennbar schon so früh Defizite zeige, könnte seine Therapie beginnen, lange bevor die Sprachentwicklungsstörung anhand seiner Wörter erkennbar würde. "Man könnte ihm etwa die Laute gesunder Säuglinge vorspielen", sagt Wermke. "Imitiert das Baby dann diese Laute, wie es die Merkmale seiner Muttersprache imitiert, könnte das seine Sprachentwicklung erheblich fördern." Babys könnten quasi einander therapieren. Das wäre revolutionär. Auch, ob Babys taub geboren wurden, ließe sich früher feststellen. Bei schwerhörigen oder tauben Kleinkindern könnte man Hörgeräte und Hörprothesen anhand der dokumentierten ersten Schritte auf dem Weg zur Sprache verlässlicher einstellen.

Um "saubere Referenzwerte" zu bekommen, wie Wermke sie nennt, achtet sie bei ihren Aufnahmen akribisch darauf, ob die Babys die typischen Merkmale ihrer Muttersprache in ihre Schreie übernehmen. Aussortiert werden etwa bilingual aufwachsende Babys, "weil sie die Merkmale beider Sprachen in ihren Schreien vermixen." Auch Babys von Müttern, die in ihrem Beruf zum Beispiel viel Englisch sprechen, fallen raus - weil das Baby dann im Uterus nicht nur seine Muttersprache mitbekommt, sondern auch das Englische.

Kreischen und Wimmern bringt die Forschung nicht weiter

Zum Weinen bringt Wermke die Kinder für ihre Aufnahmen nie. Aus ethischen Gründen - aber auch, weil das dabei entstehende Wimmern und Kreischen die Forschung nicht weiterbringt. "Ein Schmerzschrei ist etwas Unmittelbares, etwas Panisches. Da bleibt keine Zeit für die spielerische Variation, weil wir unter Schmerzen nicht darüber nachdenken, wie wir uns ausdrücken", sagt Wermke. Die besten Aufnahmen bekomme sie, wenn die Babys aufwachen und sich mit dem ersten Quengeln bemerkbar machen.

In ihren bald 500 000 Audio-Dateien beeindrucken Wermke jene Laute am meisten, die eine Studentin im Nordwesten Kameruns aufgenommen hat. Dort lebt das Volk der Nso, ihre Sprache Lamnso ist ebenfalls eine tonale Sprache. Mit nur drei Tagen singt ein Säugling dort in einem Atemzug eine Weinmelodie, die deutschsprachige Babys allenfalls aus ihrer Spieluhr kennen dürften. Einen Nachteil haben deutsche Kleinkinder dadurch nicht. "Jeder gesunde Säugling bekommt das genetische Rüstzeug mit, das er braucht, um eine Muttersprache zu sprechen", sagt Kathleen Wermke. "Den anderen Babys wollen wir hier helfen. Und mit jedem kleinen Forschungserfolg gelingt uns das besser."

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