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Kindesmisshandlung:"Leider ist die katholische Kirche für so etwas bekannt"

Im Mittelpunkt der Anschuldigungen steht der damalige Pfarrer und Heimdirektor Max Auer. Aber auch weltliche Erzieherinnen sollen für Misshandlungen verantwortlich gewesen sein. Marsha berichtet "ganz besonders von der Heimleiterin Tante V". Die drei Heimkinder, die bereits entschädigt wurden, könnten womöglich nur pars pro toto stehen. Hunderte Kinder haben das Heim zwischen 1916 und 1977 besucht - sechs Betroffene von Gewalt haben sich gemeldet, drei davon erst in den vergangenen Tagen, wohl ermutigt durch die Berichte. War das also der Grund, dass das Bistum so lange schwieg und Betroffene nicht aktiv einlud, Entschuldigung und Entschädigung einzufordern: die Angst, dass dann alles öffentlich wird, dass die Sache noch viel teurer werden könnte? Und unangenehmer? Ein neuer Großskandal in mittlerweile einer ganzen Reihe?

In Donauwörth sind die Menschen entsetzt über das, was jetzt ans Licht kommt. Ein 82 Jahre alter Mann, auf dem Weg zum Einkaufen, wundert sich nicht darüber, dass lange niemand über die schrecklichen Geschehnisse hinter den Klostermauern sprechen wollte. "Man hat nichts gewusst über die Vorgänge im Kinderheim", sagt er, "weil sich niemand traute zu reden. Das waren damals so hohe Herren in der Kirche, und der Kirche hat hier alles gehört." Allein der Grundbesitz, meint der Rentner, 80 Prozent des Bodens in Donauwörth habe sich in Kirchenbesitz befunden und beschreibt mit einer Hand einen großen Kreis. "Da hat niemand eingreifen wollen."

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Eine Mutter holt ihren Buben vom benachbarten Kindergarten ab, der von der Stiftung getragen wird. Sie erschrickt geradezu, als sie auf die einstigen Misshandlungen angesprochen wird. Die Frau blickt auf den erhaben liegenden, an die Heilig-Kreuz-Kirche angegliederten Komplex und sagt: "Das ist doch nicht möglich." Ein anderer Passant, im kalten Wind vor dem ehemaligen Kinderheim, sagt das, was wohl viele denken: "Leider ist die katholische Kirche für so etwas bekannt."

Andere, hehre Ziele hatte "Onkel Ludwig", wie er genannt wurde und sich nannte. Ludwig Auer, Großvater des besagten Pfarrers, war Lehrer und Verleger, der sich der "Förderung der Volksbildung im Geist der katholischen Kirche" verschrieben hatte. Als christlicher Bildungsreformer ist er gut zu beschreiben. 1889 rief Auer ein Knaben-Institut ins Leben. "Die wichtigste Erziehungsregel: Liebe, immer Liebe, lauter Liebe. Zuviel Strenge verbittert, verhärtet, verbost das Kind", ist als Leitspruch erhalten.

Auer war seiner Zeit voraus ausgangs des 19. Jahrhunderts, in der eine Erziehungsreform darin bestand, dass Rattan-Rohrstöcke die Birkenrouten verdrängten. 1910 gründete er die Stiftung Cassianeum - die eröffnete 1916, zwei Jahre nach Auers Tod, das Erziehungsheim. Erst seine Söhne, dann Enkel leiteten die Geschicke der Stiftung - laut Satzung im Sinne des feingeistigen Pädagogen. Ludwig Auer schrieb auch Literatur. Ein zeitgenössischer Rezensent lobte: "Der in allen Erziehungskreisen rühmlichst bekannte Herr Verfasser bietet eine Erzählung aus dem wirklichen Leben und zeigt, wie der Arme durch Arbeitsamkeit und Gebet gestärkt wird."

Beten hat den Heimkindern später nicht geholfen. Marsha schildert auch Rohheit untereinander. Ihr Bruder ist demnach von älteren Burschen festgehalten und mit der Faust geschlagen worden. Da war er drei Jahre alt. Im Beisein des Pfarrers habe derlei stattgefunden. Auch sexuelle Übergriffe der Größeren habe es gegeben. Ob die Verantwortlichen davon wussten? Der Pfarrer pflegte in der Beichte zu fragen: "Hat jemand sein Didi in dein Pipi gesteckt?" Oder: "Hast du dein Pfuili berührt?" Niemand wolle etwas "von dem Dreck" wissen, wurde Marsha in einem anderen Heim gesagt, nachdem sie Donauwörth 1975 verlassen hatte. Die Erinnerungen, sie blieben ein Trauma. "Sie haben mich ein Leben lang im Würgegriff, nehmen mir manchmal die Luft zum Atmen." Jetzt erst ist ein Fenster offen, zum Lüften.

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