Doktortitel in der Politik Eine Frage der Ehre

Von Strauß bis Stoiber: Welche Bedeutung hat ein Doktortitel für die politische Karriere? Oftmals eine recht gegensätzliche.

Von Annette Ramelsberger und Hans Kratzer

Franz Josef Strauß war ohne Zweifel ein hochgebildeter Mann. Er schrieb 1935 das beste Abitur Bayerns und durfte danach als Stipendiat ins Maximilianeum einziehen. Strauß studierte Altphilologie und Geschichte und machte seinen Abschluss - ein Staatsexamen für das höhere Lehramt. Einen Doktortitel aber hatte Strauß nicht, seine begonnene Dissertation verbrannte in den Kriegswirren 1944. Erst sehr viel später wurde dem Politiker ein Doktortitel ehrenhalber nach dem anderen verliehen: insgesamt achtmal, von der Universität Cleveland bis zur Uni Dallas.

Doktorwürde in der bayerischen Politik: Die begonnene Arbeit von Franz Josef Strauß ging im Krieg verloren.

(Foto: dpa)

Doch Strauß brauchte keinen Doktortitel, wenn er auftrat. In den achtziger Jahren plakatierte die CSU allein zwei Wörter: Strauß spricht. Das reichte. Sein damaliger Widersacher Dr. Hans-Jochen Vogel von der SPD schrieb auf seine Plakate: "Dr.Vogel" kommt. Das war nicht gelogen, Vogel hatte sich seinen Dr. jur. sogar mit der Bestnote "summa cum laude" erarbeitet. Doch noch heute hat man die hämischen Kommentare im Ohr, die Vogel vor allem auf dem Land entgegenschallten: "Der muss es nötig haben, mit seinem Doktor hausieren zu gehen."

Der Doktortitel zeigte schon immer Wirkung - allerdings recht gegensätzliche. Bei dem einen wurde er als quasi angeborenes, natürliches Präfix zum Namen empfunden, so wie die Österreicher jeden besseren Herrn als "Herrn Doktor" betiteln. Bei Strauß war man geneigt, den Doktor als solchen Inbegriff der Persönlichkeit zu akzeptieren, obwohl er ihn nicht hatte. Bei anderen galt der Doktortitel als leicht angeberischer Zierrat, von dessen Träger nichts Gutes zu erwarten war. Am schlimmsten war es, wenn ein norddeutscher Lehrer oder Jurist aufs Dorf zog und sich mit einem Dr. schmückte. Da war mit großer Wahrscheinlichkeit mit Ärger zu rechnen.

In der Politik ist der Doktortitel nicht unbedingt vonnöten, ein gewisses Maß an akademischer Bildung wird aber immer öfter erwartet. Wie spotteten Parteifreunde über den damaligen Gesundheitsminister und gelernten Verwaltungswirt Horst Seehofer, dass der im Bundeskabinett der Einzige ohne Abitur sei. Wie könne der Mann da mithalten? Seehofer hielt mit und wurde später Ministerpräsident.

Ihm unterstehen jetzt Minister wie Dr. Ludwig Spaenle, Dr. Markus Söder, Dr. Beate Merk und Dr. Wolfgang Heubisch. Als Aktenwühler wie Dr.jur. Edmund Stoiber ist Seehofer nicht bekannt, als Bauchpolitiker schon. Die parteiinterne Rivalität mit Karl-Theodor zu Guttenberg wird sicher nicht über den Doktortitel ausgetragen. Politik ist keine Frage des akademischen Wissens.

Allerdings schmückt so ein Titel ungemein - gerade in einer Partei wie der CSU, die ihre Leute auf der Leberkäs- und nicht auf der Champagneretage rekrutiert. Die sich aus ehemaligen Ministranten, Bauernbuben und Kleinbürgerkindern speist, die sich mit Ehrgeiz und Fleiß nach oben gearbeitet haben, was man am besten an Leuten wie Erwin Huber, Alois Glück oder Barbara Stamm beobachten kann. Huber, ein Kriegskind vom Einödbauernhof, war der Beste in der Schule, seine Mutter aber konnte ihm die höhere Bildung nicht finanzieren, also begann Huber eine Ausbildung als Finanzbeamter. Erst später machte er das Abitur nach und studierte Volkswirtschaft.

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