Digitale Medien Eltern, legt das Handy weg!

Im Durchschnitt greifen Menschen am Tag 88-mal zu ihrem Smartphone. Darüber vergessen sie schon mal die reale Welt um sich herum.

(Foto: imago)
  • Immer mehr Eltern vernachlässigen ihre Kinder, weil sie andauernd mit ihren Smartphones beschäftigt sind.
  • Im Raum Augsburg werden jetzt Plakate und Poster aufgehängt und Postkarten verteilt, um Eltern zum Nachdenken anzuregen - und ihren Kindern wieder ein Vorbild zu sein.
  • Initiiert hat die Aktion das Amt für Jugend und Familie im Landratsamt.
Von Christian Rost, Augsburg

Lehrer sprechen von einer "smartphonesüchtigen Generation", die gerade heranwachse und sich nicht einmal mehr eine Viertelstunde auf eine Sache konzentrieren könne. In Schulen ist der Betrieb von Handys deshalb generell verboten. Doch welchen Beitrag leisten eigentlich die Eltern für einen bewussteren Umgang mit den Geräten, die schon wie Prothesen gehalten und höchstens nachts abgelegt werden? Diese Frage rückt eine soeben gestartete Kampagne des Landkreises Augsburg in den Mittelpunkt, die Erwachsene dazu animieren soll, den eigenen Umgang mit dem Smartphone kritisch zu hinterfragen. Zum Wohle der Kinder.

Zehn Jahre nach der Vorstellung des ersten iPhones hat sich in vielen Familien das Kommunikationsverhalten dramatisch geändert. Brigitte Maly-Motta, Leiterin der Fachstelle Frühe Hilfen im Landratsamt Augsburg, berichtet von einer zufälligen Beobachtung: Ein Mädchen sitzt beim Friseur und ist den Tränen nahe, weil es sich die Haare nicht schneiden lassen will. Es hat Angst, seine Locken zu verlieren. Während die Friseurin beinahe verzweifelt auf das Kind einredet, bekommt seine Mutter von dem Drama gar nichts mit. Die Frau ist so intensiv mit ihrem Smartphone beschäftigt, dass sie alles um sich herum vergisst, sogar ihr Kind. "Für mich war in dem Moment klar", sagt Maly-Motta, "dass wir uns über das Simsen, Surfen und Telefonieren von Eltern Gedanken machen müssen."

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Wie bereits in anderen Städten, Frankfurt am Main etwa, werden nun auch im Raum Augsburg Plakate, Poster und Postkarten aufgehängt und verteilt, um Eltern zum Nachdenken anzuregen. Initiiert hat die Aktion das Amt für Jugend und Familie im Landratsamt. 5000 Postkarten und 1000 Plakate sollen ins Bewusstsein rücken, dass die Dauerpräsenz von Medien im Alltag Mütter und Väter leicht das Bedürfnis ihrer Kinder nach Aufmerksamkeit, Blickkontakt und Zuwendung aus den Augen verlieren lässt. Erforscht sei noch nicht, welche Wirkung die Nutzung von Smartphones in Gegenwart von Kindern habe, so die Kreisbehörde. Die Fachleute seien sich aber einig: "Es tut nicht gut."

Die Kampagne läuft unter dem Motto: "Sprechen Sie lieber mit Ihrem Kind!" Kleine Kinder können laut Jugendhilfe überhaupt nicht einschätzen, mit wem sich die Mama oder der Papa am Handy unterhalten und warum sie dabei lachen, weinen oder böse sind. Die Kinder würden denken, das habe etwas mit ihnen zu tun. "Dass die Beziehung zwischen Eltern und Kind darunter leidet, liegt auf der Hand", so die Initiatoren des Projekts.

Sie weisen darauf hin, dass Kinder in den ersten Lebensjahren engen Kontakt und eine intensive Kommunikation mit einer erwachsenen Bezugsperson brauchten. Das gebe ihnen Sicherheit und sei wichtig für ihre Entwicklung. "Kommunikation läuft von Anfang an über Blickkontakt und ungeteilte Aufmerksamkeit. Wenn Eltern ständig mit ihrem Smartphone beschäftigt sind, verpassen sie viele schöne und wichtige Gelegenheiten, um aufzugreifen, was ihr Kind gerade erlebt", heißt es weiter. Landrat Martin Sailer (CSU) hofft, dass sich die Eltern die Anregung zu Herzen nehmen und "Kindern mehr Zeit und Aufmerksamkeit schenken".

Eltern sind Vorbilder für ihre Kinder

Neben der Aufmerksamkeit für die Kinder geht es auch um die Vorbildfunktion der Eltern. Für Kinder, die ihre Eltern von klein auf online erleben, wird das Online-Sein zu etwas Selbstverständlichem im Leben. Die Folgen sind sinkende Konzentrationsfähigkeit und die ständige Angst, etwas zu verpassen.

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Welche konkreten Folgen die Dauernutzung auch haben kann, zeigten zwei Beispiele: ein Fall von regelrechter Handy-Sucht und ein Smartphone-bedingter Unfall. Im September nahmen in Schwabmünchen im Kreis Augsburg Eltern ihrer Tochter nach einem Streit über ihren Handykonsum das Gerät weg. Die 17-Jährige rächte sich auf drastische Weise: Während die Eltern in der Arbeit waren, verwüstete sie die Wohnung. Sie zertrat Computer, schlitzte alle Kissen auf, riss sämtliche Blüten und Blätter aller Pflanzen ab, vergiftete ein Medikament ihres Vaters und klaute aus dem Sparschwein der Familie 2500 Euro, um sich damit Richtung Berlin abzusetzen - zu einer Internet-Freundin. Die Polizei stöberte die Jugendliche auf und übergab sie dem Augsburger Jugendamt, das sie in einem Heim unterbrachte.

Schwere Unfälle duch die Handy-Nutzung

Neben der psychischen Abhängigkeit kann die Smartphone-Obsession auch zu schweren Unfällen führen. Nachdem im März 2016 in München ein Mädchen, das sich auf der Straße mit ihrem Handy beschäftigt und mit Ohrstöpseln Musik gehört hatte, von einer Straßenbahn erfasst und tödlich verletzt wurde, ließ die Stadt Augsburg an zwei Tram-Haltestellen spezielle Ampeln installieren. Denn auch in Augsburg war es in zwei Fällen von Zusammenstößen von Fußgängern, die auf ihr Handy starrten, mit den Bahnen gekommen. An den neuen Ampeln blinken zusätzlich rote Lichter am Boden, um insbesondere notorische Handy-Nutzer zu warnen.

Nach den Angaben von Stadtwerke-Sprecher Jürgen Fergg bewährt sich das Projekt. Die Ampeln sind seit April 2016 in Betrieb, seither habe sich kein solcher Unfall mehr ereignet. "Die Aufmerksamkeit der Leute ist deutlich höher geworden", bilanziert Fergg. Und nicht nur Handynutzer sind nun besser gewarnt. Auch Menschen mit Sehschwäche und Kinder, die einen anderen Blickwinkel als Erwachsene hätten, profitierten von den auffälligen Lichtern, so Fergg.

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