Designierter Innenminister Seehofers Abschied aus dem Paradies

In Erding sprach er über Flüchtlingspolitik, nun ist Seehofer selbst ein Vertriebener.

(Foto: Marc Müller/dpa)

Das Amt des bayerischen Ministerpräsidenten sei das schönste nach dem des Papstes, hat Seehofer gerne gesagt. Nun geht er, die Landtagsfraktion will ihn nicht mehr. Es ist das Finale einer jahrelangen Entfremdung.

Von Wolfgang Wittl

Es wird einer seiner letzten Auftritte als Ministerpräsident sein, und natürlich wird er zur angenehmen Sorte zählen, denn auf alles andere hat Horst Seehofer wohl keine Lust mehr. Wozu auch, wo sie ihm aus seiner Sicht so übel mitgespielt haben? Zusammen mit seiner Frau Karin begrüßt Seehofer an diesem Montag die Vertreter des konsularischen Korps zum Neujahrsempfang, freundliches Plaudern mit Diplomaten. Das wird sicher ähnlich nett wie am Freitag in Augsburg, wo der Landrat ihm die höchste Auszeichnung überreichte, die der Landkreis zu vergeben hat: den Ehrenring mit Brillant als Dank für den Aufstieg des Augsburger Krankenhauses zum Universitätsklinikum.

Es sind Termine, bei denen sich Seehofer auf zwei Dinge verlassen kann: Er ist willkommen, er fühlt sich wohl. Ein Besuch bei der CSU-Landtagsfraktion ist zu diesen Bedingungen nicht zu erwarten.

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Es heißt, Seehofer fühle sich von den eigenen Leuten gemeuchelt

Für die "großartige Zukunftsperspektive" dankten sie ihm in Augsburg. Seehofers persönliche Zukunftsperspektive in Bayern heißt: Abschiedstournee. Die will er offenbar ungestört von bestimmten Parteifreunden absolvieren. Mitte März wird er wohl die Regierungsgeschäfte an Markus Söder übergeben, eine historische Zäsur. Hat nicht auch Julius Cäsar an den Iden des März sein Amt (und noch ein bisschen mehr) verloren? Ein gewagter Vergleich, gewiss, doch in der CSU gibt es Menschen, die behaupten: Auch Seehofer fühle sich von den eigenen Leuten gemeuchelt, ohne Rücksicht auf seine Verdienste.

Zehn Jahre war Seehofer ein Cäsar der Landespolitik, oft entschied er alleine, oft gegen den Willen seiner Fraktion. Bis zum letzten Tag werde er Ministerpräsident bleiben, versprach er. Das war nicht nur dahergesagt. Seehofer glaubte, seine Nachfolge selbst bestimmen zu können, einen Kandidaten hat er dann ja auch gefunden, sich selbst. Und nun übernimmt Söder, deutlich vor der Zeit, auch weil die Abgeordneten es wollen. So ist dieser Tage das Finale einer jahrelangen Entfremdung zu beobachten, mit Horst Seehofer und der Landtagsfraktion in den Hauptrollen.

Bayern war jetzt das Paradies

Die Fraktion sieht es nicht gerne, wenn einer von außen kommt, doch 2008 blieb ihr keine Wahl. Die absolute Mehrheit der CSU war zerbröselt wie Knäckebrot, der Bundespolitiker Seehofer zog in München ein. 2013 führte er seine Partei zurück zur Alleinregierung, die Fraktion jubelte ihm zu. Seehofer sprach dann oft davon, dass Bayern "die Vorstufe zum Paradies" sei, irgendwann ließ er die Vorstufe einfach weg. Bayern war jetzt das Paradies, das Amt des Ministerpräsidenten sowieso das schönste nach dem des Papstes. Die Fraktion? Auch noch irgendwie da.

Und nun: Bundesinnenminister im Wartestand, aus dem Paradies vertrieben wie Adam und Eva. Nicht von einer höchsten Instanz, sondern von Abgeordneten, die er mal als "Kleingeister" verspottet hat, mal als "Pyjama-Strategen". Die wiederum sehen den Mann, der zwei Jahre die Flüchtlingspolitik dominiert hat, nun selbst auf der Flucht nach Berlin. Politik liefert manchmal verrückte Pointen.

Beim Parteitag in Nürnberg stellte sich Seehofer auf die Bühne, riss den Arm seines Nebenmanns in die Höhe und rief: "Das ist Markus Söder." Parteiräson, murmelten Vertraute, Seehofer wolle nicht, dass es die CSU zerreiße. Doch seine Lust auf weitere Darbietungen dieser Art dürfte der Auftritt kaum gefördert haben.

Der Aschermittwoch mit Söder? Der Auftritt mit ihm beim Schwabinger Fischessen? Abgesagt wegen Krankheit. Die viertägige Klausur der Landtagsfraktion? Seehofer blieb vier Stunden. Die gemeinsame Weihnachtsfeier? Soll er nach den obligatorischen Fotos mit den Worten verlassen haben, er halte es hier nicht mehr aus. Nur noch Verachtung empfinde Seehofer für die Fraktion, behauptet ein langjähriger Abgeordneter. Andere sagen, damit sei das Verhältnis auch umgekehrt treffend beschrieben. Termine im Landtag meidet Seehofer inzwischen. Wo er sich sonst geduldig Debatten anhörte, blieb sein Platz auf der Regierungsbank vorige Woche leer. Söder ließ sich derweil nebenan mit Abgeordneten für den Wahlkampf fotografieren.