Parteitag in München Die CSU wird zur Normalpartei

Horst Seehofer wollte die CSU vor zehn Jahren modernisieren - doch die Partei hat ihre Modernität und ihre weiß-blaue Exklusivität verloren.

(Foto: dpa)

Die Christsozialen haben Bayern geprägt wie einst die Wittelsbacher; sie haben den Freistaat in die Moderne geführt. Nun hat die Moderne die Partei verlassen - für die Demokratie ist das nicht schlecht.

Kommentar von Heribert Prantl

Vor Jahrzehnten, in der Zeit also, als die CSU noch eine kraftstrotzende Partei war, gab es einen Schlager mit dem Titel "Eine neue Liebe ist wie ein neues Leben". Im Liedtext heißt es: "Heute fängt ein neues Leben an"; die Liebe sei schuld daran, und alles sei so wunderbar, "dass man es kaum verstehen kann". Die CSU inszeniert ihren Parteitag nach diesem Motto - und man kann es in der Tat kaum verstehen.

Markus Söder, die neue Liebe der Partei, gehört zu den Hauptschuldigen der größten Wahlniederlage in der Geschichte der CSU. Aber die Partei hat sich darauf verständigt, die Schuld bei Horst Seehofer zu konzentrieren, Markus Söder zu exkulpieren und den Parteitag als Teil der ewigen Auferstehung der CSU zu zelebrieren. Das ist verständlich, aber nicht sehr aussichtsreich. Warum? Söder fehlt die Popularität im Land. Seehofer hatte sie einmal; er hat sie aber verspielt. Söder hatte sie nie - und ob er sie je gewinnt, ist fraglich, weil ihm die glaubwürdige Substanz fehlt. Der Refrain des Schlagers von der neuen Liebe lautet: "Nananananana". Wenn man den Refrain bairisch ausspricht und intoniert, ist er kein Ausdruck trällernden Wohlbehagens, sondern des grummelnden Zweifels.

Die absolute Mehrheit der CSU ist im vergangenen Herbst in einem Feuer verbrannt, das die Partei selbst geschürt hatte. Die Seehofer- und Söder-Politik zur Migration und gegen Kanzlerin Angela Merkel in den vergangenen zwei, drei Jahren gemahnte an eine Feuerwehr, die nicht mit Wasser, sondern mit Benzin löscht. Die für CSU-Verhältnisse jämmerlichen 37,2 Prozent bei der Landtagswahl waren die Quittung.

Aber die Migrationspolitik allein war nicht schuld. Die CSU hat ihre Souveränität, ihre Modernität und ihre weiß-blaue Exklusivität verloren. Sie ist nicht mehr die große Prägekraft in Bayern, die sie über ein halbes Jahrhundert lang war. Sie hat kein weiß-blaues Monopol mehr. Aus der Potenzformel "Mia san mia" ist Folklore geworden. Die Partei hat sich verbraucht im Dienst des Staates, sie ist programmatisch ausgelaugt und personell ausgezehrt. Aus einer Hegemonialpartei ist eine Normalpartei geworden. Für die Demokratie in Bayern muss das gar nicht schlecht sein.

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Es ist Zeit für Abschied und Danksagung - Abschied von einer Partei, die sich Staatspartei nicht nur nannte, sondern eine war. Die Christsozialen haben Bayern in den gut sechzig Jahren, die sie jetzt ununterbrochen regieren, im Guten und im Schlechten so geprägt wie zuvor nur die Wittelsbacher. Die CSU war der starke Magnet für Eliten und für den Nachwuchs. Jetzt gibt es andere Magneten. Die CSU hat Bayern sehr erfolgreich in die Moderne geführt - und dann hat die Moderne die CSU verlassen und entlassen. Die Stoiber-Ära war das Finale der großen Zeit, Horst Seehofer hat den Schluss dirigiert.

Bayern ist immer potenter geworden, die CSU nicht. Das ist kein Anlass zur Trauer; alles hat seine Zeit. Das Land ist wichtiger als die Partei, die lange so getan hat, als habe sie das schöne Bayernland erfunden. Jetzt ist die Zeit für die Danksagung. Die CSU hat sich um Bayern verdient gemacht. Und wenn es dem Ministerpräsidenten und neuen Vorsitzenden Markus Söder gelänge, das Erreichte zu erhalten, wäre das schon ein Erfolg.

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