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Champions-League-Spiel in Madrid:Erst grinsten die Polizisten, dann zückten sie die Schlagstöcke

Real Madrid - Bayern München

Spanische Polizisten gehen bei dem Spiel gegen Madrid gegen Fans des FC Bayern vor.

(Foto: dpa)

"Das kam aus heiterem Himmel." Beim Champions-League-Spiel des FC Bayern bei Real Madrid musste Christian Bernreiter tatenlos zusehen, wie sein Sohn Prügel abbekam.

Interview von Anna Günther

Beim Fußball kennen auch stoische Menschen kein Halten mehr. Schreie der Enttäuschung, Tränen, Jubel-Umarmungen - im Stadion ist alles erlaubt. Fast alles: Während des Champions-League-Spiels des FC Bayern München gegen Real Madrid in der spanischen Hauptstadt liefen in der vergangenen Woche die Emotionen aus dem Ruder. Und zwar die der Polizei, findet Christian Bernreiter (CSU). Der Deggendorfer Landrat und Präsident des Landkreistags ist ein besonnener Mensch, Furor kennt er nicht. Aber eine Woche nach dem Spiel ist Bernreiter noch immer wütend. Er war im Stadion, als spanische Polizisten auf Fans losgingen, und er will Strafanzeige erstatten.

SZ: Herr Bernreiter, Sie sind seit Jahrzehnten Fan des FC Bayern München und wissen, dass im Stadion schon mal Emotionen hochkochen. Was führte denn in Madrid zum Einschreiten der Polizei?

Christian Bernreiter: Das kam aus heiterem Himmel. Es gab weder Ausschreitungen noch Würfe von Flaschen oder sonstigen Dingen. Kurz nach Beginn der Halbzeitpause kam auf einmal die Polizei. Die Beamten sammelten sich unterhalb unserer Plätze auf den Treppen, grinsten noch freundlich, klappten dann ihre Helmvisiere runter, zückten die Schlagstöcke und gingen auf die Fans los.

Geschah das einfach so, völlig ohne Grund?

Da war nichts! Am nächsten Tag erzählte Raimond Aumann (Anm. d. Red.: Ex-Nationalspieler und jetziger FCB-Fanbetreuer), dass es nur um die Fahne eines Fanclubs aus Bordeaux gegangen sei. Diese Fans wollten ihre Fahne nicht rausrücken. Daraufhin ging die Polizei prügelnd in die Menge. Vor einem Jahr in Turin gab es einen ähnlichen Vorfall, das war auch schlimm. Aber in Madrid war ich hautnah dabei. Das Verhalten der Polizei hat mich schockiert und ich fühlte mich völlig hilflos. Mein Sohn stand dort, wo die Polizisten prügelten, und ich musste alles mitansehen, aber konnte nicht zu ihm.

Wurde er verletzt?

Ja, er bekam einen Schlag aufs Brustbein, aber es geht ihm schon wieder besser. Der Ältere saß bei seinen Freunden, der Jüngere mit 16 war bei mir. Die Polizisten umstellten bis zum Spielende diesen Block, erst danach konnte sich der ältere Sohn zu uns durchkämpfen. Gott sei Dank haben wir SMS geschrieben und ich wusste, dass er soweit in Ordnung war.

Ist es nicht üblich, dass die Polizei bei Fußballspielen auch mal härter durchgreift? So etwas ist in der Allianz-Arena noch nie vorgekommen! Meine Liebe zum FC Bayern besteht seit der Weltmeisterschaft 1974, da war ich zehn Jahre alt. Aber ich erinnere mich nicht daran, dass Polizisten je grundlos auf Fans losgegangen sind. Die bayerische Polizei versucht, zu deeskalieren. Bei Randale gehen die Beamten auch dazwischen und sichern den Block. Aber die Spanier haben einfach losgeprügelt.

Haben Sie schon einmal Tumulte wie beim Spiel in Madrid erlebt?

Ja, das war 1982 beim Pokalfinale im Frankfurter Waldstadion. Ich war 18 Jahre alt, der FC Bayern hatte gegen den 1. FC Nürnberg gespielt. Danach gab es draußen Fanrandale zwischen Bayern- und Club-Fans. Mit Krawallen wollte ich noch nie etwas zu tun haben, wir sind nach dem Spiel aus Angst noch eine Stunde im Stadion geblieben. Das war hochdramatisch, mit berittener Polizei und Warnschüssen. Aber damals haben die Fans richtig randaliert, völlig anders als jetzt in Madrid.

Landrat Christian Bernreiter

Christian Bernreiter (CSU) ist seit 2002 Landrat von Deggendorf und seit 2014 auch Präsident des Bayerischen Landkreistags. Der gebürtige Straubinger ist seit seiner Jugend Fan des FC Bayern

(Foto: dpa)

Sie haben mittlerweile einen Anwalt hinzugezogen, was sagt der?

Er war selbst im Stadion und ist Fananwalt. Auch er sagt, dass die spanische Polizei unverhältnismäßig gehandelt hat. Und es gibt genügend Anhaltspunkte, um diese Beamten zuordnen zu können. Wir werden wahrscheinlich eine Strafanzeige stellen.

Glauben Sie, dass das etwas bringt?

Ich setze darauf, dass in der Europäischen Union Menschenrechte geachtet werden, und erwarte, dass unbescholtene Bürger anständig behandelt werden. Wenn die Fans nichts gemacht haben, ist Niederknüppeln völlig überzogen.

Nach der Eskalation in Turin haben Sie mit Kanzlerin Angela Merkel gesprochen. Hat das etwas bewirkt?

Wir waren uns einig, dass so ein Verhalten nicht toleriert werden darf. Aber sie konnte nichts tun, weil der FC Bayern keine offizielle Beschwerde eingereicht hatte.

FCB-Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge hat die Bundeskanzlerin nun offiziell gebeten, Aufklärung zu fordern. . .

Genau. So etwas darf einfach nicht passieren. Wir leben in einer EU, da gelten überall gleiche Standards für die Polizei. Prügel wegen einer Fahne? Das kann nicht sein!

© SZ vom 26.04.2017/bica

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