Mitten in Bayreuth:Von W. Wagner und A. Merkel

Bayreuther Festspiele 2021 - Eröffnung

Die Kanzlerin ist bekennende Wagnerianerin.

(Foto: Nicolas Armer/dpa)

Neurotisch geht es in dieser einen Woche pro Jahr rund um den Grünen Hügel sowieso zu. Doch in diesem Jahr häuft sich das Sonderbare.

Glosse von Olaf Przybilla

Es dürfte wenige Altvordere geben, die ihren Abschied nicht mit einem "Ratschläge sind ja auch Schläge" befloskelt haben. Will heißen: Wenn ich nicht mehr die Nummer eins bin, dann gibt's von mir auch keinerlei Reinquatschereien mehr. Noch weniger Altvordere gibt es, wo das dann auch zutrifft.

Bayreuth vergangene Woche, in der Woche vor der Festspieleröffnung, das ist die neurotischste Woche Oberfrankens (übrigens auch die einzige, der Oberfranke neigt dazu nicht). Der hintere Teil des Festspielhauses erinnert da gerade an einen Nachbau von Wallensteins Lager, der seine Monsterzeltstadt historisch ja ebenfalls in Franken aufgeschlagen hatte. Pandemiebedingt ist im Festspielhaus momentan wenig Platz, also kommt dieser Zeltstadt eine eminente Bedeutung zu.

Alles ist verhüllt und verbarrikadiert, dass dies historische Festspiele sind - im Jahr eins nach der Absage -, wird da noch dem Dümmsten klar. Und wer ist der Herr dieser fraglos in die Geschichte eingehenden Wagnerzeltstadt? Auf einem Schild kann man's nachlesen: "W. Wagner". Zuständig für Sanitär, Spenglerei, Heizung und - jawohl - sogar für die mobilen Festspieltoiletten. Ach, Wolfgang.

Apropos Altvordere. Sollte alles normal laufen, so wird diese Festspieleröffnung die letzte der amtierenden Bundeskanzlerin gewesen sein. Und wo das so ist, könnte man ja nun eigentlich mal herausposaunen, wo das Paar Merkel/Sauer sich üblicherweise bettet in der Nacht nach den Eröffnungsfanfaren. Andererseits: Die Kanzlerin ist bekennende Wagnerianerin, die führt nicht nur ihre Abendgarderobe aus in Bayreuth. Könnte also sein, dass sie wiederkommt. Und auch dann wenig Lust hat auf Schaulustige.

Also. Das Hotel ist nur ein paar Kilometer vom Festspielhaus entfernt und ästhetisch - wie soll man sagen - den Achtzigerjahren auf das Engste verbunden. Bodenständig-gutbürgerliches Franken-Retro sagen die einen, ein Horror aus Dekoplunder und verziertem Klodeckel finden andere. Helmut Kohl? Würde man dort eher erwarten. Aber der Garten ist hübsch. Und der Blick ins Frankenland.

Altvordere? SZ-Recherchen haben jetzt ergeben, dass sich unter "W. Wagner" angeblich ein nicht auf "Wolfgang" lautender Name verbirgt. Also nicht der verblichene Hügelboss. Wer's glaubt.

© SZ vom 27.07.2021/syn
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