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Kommunalpolitik:Ins Rathaus zugereist

Bürgermeistersuche per Annonce Illustration: Dennis Schmidt

Bürgermeisterkandidaten per Annonce zu suchen, ist kein weit verbreitetes Verfahren. Manchem Ort bleibt aber nichts anderes übrig. Die Bilanz derjenigen, die den Mut dafür aufgebracht haben, fällt unterschiedlich aus.

Von Matthias Köpf und Uwe Ritzer

"Und: Morgen in Tracht. Lederhose!", ordnet der Bürgermeister am Vorabend der Sportlerehrung im Chiemseesaal noch ganz freundschaftlich an. Standardmäßig sind die Lederhosen kurz und die Gamsbärte buschig dort in Prien am Chiemsee, doch der Zungenschlag des Bürgermeisters scheint dazu nicht zu passen. Jürgen Seifert selbst wird am nächsten Tag seinen Gehrock tragen. Die Sportlerehrung wird für ihn einer der letzten großen Auftritte als Priener Bürgermeister sein, und auch dabei wird für alle zu hören sein, dass er nicht aus dem Chiemgau kommt, sondern aus Franken. Vor zwölf Jahren war Seifert einer der ersten Bürgermeisterkandidaten in Bayern, die per Stellenanzeige gesucht worden waren. Viele Gemeinden sind dem Beispiel bisher nicht gefolgt. Die Bilanz der wenigen ist gemischt.

Ehe Jürgen Seifert Bürgermeister in Prien wurde, kannte er die Gegend vor allem von Zwischenstopps auf dem Weg in den Italienurlaub. Dann las er diese Annonce. Den gesuchten Kandidaten erwarte "eine interessante, sehr gut dotierte Position in einer der schönsten Regionen von Oberbayern" war am 6. Juli 2007 in der Bayerischen Staatszeitung zu lesen. Die findet ihre Leser oft unter Beamten und Angestellten in öffentlichen Verwaltungen, und so eine Berufserfahrung war auch ausdrücklich gefragt. Dazu kam "die Fähigkeit zu kooperieren und Konflikte zu beseitigen. Sie sind teamfähig und respektieren und akzeptieren die Bürger Ihrer Kommune als Souverän, denen Sie alle Maßnahmen und Entscheidungen offenlegen werden".

Denn aus der Sicht des damals neu gegründeten Vereins "Mehr Demokratie für Prien", der die Stellenanzeige geschaltet hatte, mangelte es im Rathaus der 10 000-Einwohner-Gemeinde genau an diesen Eigenschaften und Fähigkeiten. Nach jahrzehntelanger Dominanz der CSU verharrte die Priener Lokalpolitik in einer Art Stellungskrieg, die CSU überwarf sich mit ihrem eigenen Bürgermeister, die Gemeinde stand kurz vor der Pleite. Diese Blockade konnte nach der Überzeugung des Vereins nur jemand von außen lösen. Die Sache sei "wirklich generalstabsmäßig geplant" gewesen, sagt Seifert heute. Damals war er Kämmerer und Geschäftsführer des Tourismus- und Verkehrsbetriebs im oberfränkischen Kulmbach, erfüllte die Anforderungen aus der Ausschreibung "nahezu perfekt" und setzte sich als Kandidat gegen zwölf Ministerialbeamte durch. Doch zum Bürgermeister machten ihn erst die Priener in einer Stichwahl gegen den damaligen Amtsinhaber Christian Fichtl. Auch die absolute Mehrheit der CSU im Gemeinderat war geknackt.

Die Bilanz, die Seifert nun nach zwei Amtszeiten zieht, klingt auch als Fußballvergleich eindrucksvoll: "Prien war auf einem Abstiegsplatz gestanden. Wir haben's vor dem Abstieg gerettet und spielen schon zwölf Jahre Champions League." Grund seien einerseits seine breite Erfahrung und sein großer Einsatz gewesen. Aber er habe eben auch rein sachorientiert handeln können, weil er als Außenstehender mit niemandem verwandt und niemandem verpflichtet gewesen sei, niemandem einen Gefallen geschuldet und mit niemandem irgendwelche Rechnungen offen gehabt habe. "Mit mir konnte ja auch keiner streiten, mich hat ja keiner gekannt."

Inzwischen kennen ihn die Priener, und die meisten würden ihm bei seiner Bilanz wohl auch nicht grundsätzlich widersprechen wollen. Wenn man ihm etwas nachgesagt habe, dann, dass er "teilweise zu unnahbar und zu arrogant gewirkt habe", sagt Seifert selbst. Es seien schon Freundschaften entstanden, aber ohne politsche Erwartungen. "So lange ich diese Amt ausübe, lasse ich so eine Nähe auch nicht zu."

Der Priener Bürgermeister-Import galt jedenfalls schnell auch in der Umgebung als Erfolgsmodell: Nur zwei Gemeinden weiter gründete sich 2013 das "Aktionsbündnis für Bad Endorf" und schaltete in der Staatszeitung eine Anzeige, wonach man "eine/n Kandidaten m/w hauptamtlicher Bürgermeister" suche: "Sie sollten den Ort aus einer schwierigen Lage herausführen, indem Sie die großen Potenziale des Ortes erkennen und diese in eine strategische Neuausrichtung einbringen." Potenzial und Problem gleichermaßen waren die Therme, der Kurbetrieb und die dazugehörige Betreibergesellschaft, mit der sich die Gemeinde scheinbar ebenso unentwirrbar verstrickt hatte wie in den Streit über den ganzen Komplex. Die Schulden drückten, das Geld fehlte für nötige Investitionen in Therme, Schulen und Kindergärten. Dass erst jemand von außen kommen musste, um diesen gordischen Knoten zu durchschlagen, mag Bürgermeisterin Doris Laban gar nicht behaupten. Aber es habe eben nur jemand mit ihren speziellen Kompetenzen als Juristin, als ehemalige Firmenkundenbetreuerin im Bankgewerbe und als Verwaltungsleiterin einer großen Gemeinde sein können.

Laban leitete die Verwaltung von Vaterstetten im Kreis Ebersberg, als sie in Bad Endorf den Haustürwahlkampf aufnahm. Als die Endorfer sie 2008 per Stichwahl zur Bürgermeisterin gemacht hatten, mussten sie und ihre Förderer vom Aktionsbündnis erst einmal mit Morddrohungen zurecht kommen. "Es gibt genügend Endorfer Bürgermeisteranwärter", stand in einem der handschriftlichen Drohbriefe, deren Verfasser aber bald ermittelt war.

Das Thema Thermenentflechtung ist für Laban und Bad Endorf freilich immer noch nicht ausgestanden. Gerade hat ein früherer zweiter Bürgermeister und einstiger Aufsichtsrat der Thermengesellschaft nach eigenen Angaben Anzeige gegen Laban erstattet, weil Immobilien zu einem viel zu niedrigen Preis an eine Aktiengesellschaft übertragen worden seien, die nur zu gut drei Vierteln in Gemeindebesitz steht. Laban weist das genervt zurück.

Sie bewirbt sich um eine weitere Amtszeit - im Gegensatz zu Jürgen Seifert, der ungeachtet seiner schlanken Statur nach Ansicht seiner Mitarbeiter längst in seine Lederhose hineingewachsen ist, den es aber wegen der Familie zurück nach Franken zieht. Allerdings führt auch Seifert gerade Wahlkampf, denn inzwischen ist er wieder auf eine Annonce gestoßen, mit der diesmal die Freien Wähler in Ansbach einen Landratskandidaten suchten. Auch in Ansbach ist Seifert ein auswärtiger Kandidat, denn sein Heimatort bei Bamberg liegt mehr als 80 Kilometer entfernt.

Wer immer Landrat in Ansbach wird, muss sich dort wohl mit einem weiteren, diesmal aber ganz offenkundig gescheiterten Bürgermeisterimport befassen: Nachdem der Amtsinhaber in der 5600-Einwohner-Stadt Leutershausen zurückgetreten war, suchten 2016 mehrere Ortsparteien bundesweit per Zeitungsannonce nach einem Kandidaten. Es meldete sich Sandra Bonnemeier, Wirtschaftsjuristin aus Nordrhein-Westfalen, die mit fast drei Viertel der Stimmen gewählt wurde. Seit zwei Jahren verwünschen viele diese Wahl. Um Bonnemeiers Amtsführung tobt ein erbitterter Kampf. Anfangs ging es um eigenmächtige Aufträge, später auch um angeblich rechtswidrige Ratsbeschlüsse, um Anwaltsrechnungen oder ein Kündigung. Eine Bürgerinitiative hat sich gebildet, vor dem Rathaus wurde demonstriert. Die Staatsanwaltschaft klagte Bonnemeier im Herbst wegen Untreue an. Weil sie mit kurzen Unterbrechungen seit Sommer krankgeschrieben ist, verlangt der Stadtrat eine amtsärztliche Untersuchung. Die Kommunalwahl im März wird keine Abhilfe schaffen; Bonnemeier ist bis 2022 gewählt.

© SZ vom 08.02.2020/wean
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