Schule in Bayern:Lehrer sägen am Lateinzwang in musischen Gymnasien

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Schule in Bayern: Ist Lateinunterricht noch zeitgemäß? Dazu gibt es ganz unterschiedliche Meinungen.

Ist Lateinunterricht noch zeitgemäß? Dazu gibt es ganz unterschiedliche Meinungen.

(Foto: Ingo Wagner/picture-alliance/ dpa)

Der Musik-Zweig soll künftig auch ohne die Pflicht zur alten Sprache gewählt werden können, um mehr Schüler anzulocken. Doch der Vorstoß birgt Konfliktpotenzial und trifft im Kultusministerium auf wenig Gegenliebe.

Von Anna Günther

Viele Lateinschüler schwitzten schon über Vergils "Aeneis", dem großen Epos über die Entstehung des Römischen Reiches. Gleich zu Beginn der Abenteuer seines Helden Aeneas bittet der Dichter Vergil im Musenanruf die Schutzgöttinnen der Künste um Hilfe. Geht es nach einigen Musiklehrern in Bayern, brauchen nun die Musen selbst Hilfe und das Problem soll ausgerechnet Latein sein.

Die Musen, üblicher Spitzname für Mädchen und Buben, die den musischen Zweig an Gymnasien belegen, müssen Latein und Englisch belegen. Französisch oder Spanisch stehen nicht zur Wahl. Darin sieht der Neubiberger Musiklehrer Klaus Kaiser ein Problem, das die Zukunft des Zweiges bedroht.

Die Corona-Jahre hätten ohnehin schon geschadet, sagt er. Im Distanzunterricht war kaum Raum für Musik, der größte Spaß am Instrument, das gemeinsame Musizieren, fiel aus. Zu groß war der Ausstoß von Aerosolen und damit das Ansteckungsrisiko in Orchestern und Chören.

Auf der Jahreshauptversammlung des Philologenverbandes brachte Kaiser kürzlich den Antrag zur Abschaffung des Lateinzwanges ein. Die Diskussion sei hitzig gewesen, berichten Teilnehmer. Nur wer Latein könne und die Mythologie kenne, verstehe abendländische Kunst und Musik, sagten die einen. Das sahen Kaiser und Konsorten anders. Die Abstimmung fiel knapp für Kaiser aus. Zwar handelt es sich zunächst nur um das Stimmungsbild eines Lehrerverbandes, allerdings jener Lehrer, die am musischen Zweig unterrichten. Und der Philologenvorstand soll sich nun auf politischer Ebene um das Ende des Lateinzwangs bemühen. Grund genug, sich umzuhören an den musischen Gymnasien in Bayern.

55 der 433 Gymnasien bieten einen musischen Zweig an, neun Schulen davon sind rein musische Gymnasien ohne andere Ausbildungsrichtung. Schüler im musischen Zweig lernen neben Englisch und Latein ein Instrument und haben mehr Musikstunden als ihre Mitschüler. Etwa 12 380 Musen gibt es derzeit. 2014 waren es 2470 Kinder mehr. Allerdings sei die Zahl der Gymnasiasten im Freistaat seitdem insgesamt zurückgegangen, heißt es aus der zuständigen Abteilung im Kultusministerium. Im Klartext: Nicht überbewerten, halb so wild.

"Als Lateinlehrer blutet mir das Herz"

Wer mit Schulleitern spricht, hört ähnliches: Musen in Gefahr? Bei uns nicht! Mancher spricht von Schwankungen, aber die Nachfrage scheint stabil zu sein. Beim Thema Lateinzwang gehen die Meinungen auseinander wie schon beim Philologentag: Traditionalisten versus jene, die Latein nicht mehr zeitgemäß finden und für andere Sprachen plädieren.

"Als Lateinlehrer blutet mir das Herz, aber logisch kann ich nicht nachvollziehen, wieso ein Schüler, der ein Instrument gut kann, auch Latein lernen muss", sagt etwa Peter Kosak, Chef des Schulwerks der Diözese Augsburg. Drei seiner zehn katholischen Gymnasien bieten einen musischen Zweig an. An zweien laufe es sehr gut, an einer Schule sei es "minimal rückläufig". Das liege aber weniger an Latein als am "sehr starken" musischen Profil des staatlichen Gymnasiums im Ort. Konkurrenz in der Region nennen einige Direktoren als Grund für schwankende Anmeldezahlen, nicht unbedingt Latein. Trotzdem seien seine Schulleiter klar für die Aufhebung des Lateinzwangs, sagt Kosak, denn der schrecke regelmäßig Eltern und Kinder ab.

"Das ist eine gewachsene Geschichte. Ich glaube nicht, dass Kinder besser sind in Musik, wenn sie Latein lernen", sagt Markus Knebel, Chef des E.T.A. Hoffmann-Gymnasiums in Bamberg. Seine Schule ist eine der neun, an denen nur Musen lernen. 900 sind es derzeit, Tendenz steigend. Knebel will Latein behalten, "weil wir gut damit fahren".

Mehr als die alte Sprache sei problematisch, dass Eltern und Schüler sich nicht oder erst spät festlegen zu wollen, hört man von fast allen Schulleitern. Wenn Mädchen oder Buben sich aber für den musischen Zweig entscheiden, ist in der fünften Klasse klar, dass sie Latein und Englisch lernen.

Auch Stefan Dieter, Direktor am Kemptener Carl-von-Linde-Gymnasium, sieht statt einem Musen- eher ein "allgemeines Problem, das die Fremdsprache Latein hat". An seiner Schule können Kinder mit Latein in der fünften Klasse beginnen, aber in den vergangenen zehn Jahren habe sich die Nachfrage stark verändert. Fingen 2012 zweieinhalb von drei Klassen mit Latein an, hat sich das Verhältnis nun zu Englisch gedreht. "Die Gesellschaft ist sehr utilitaristisch geprägt, da haben die modernen Fremdsprachen einen Vorteil", sagt Dieter. Ob das dem "Bildungsauftrag des Gymnasiums" entspreche, sei eine andere Frage.

Der musische Zweig sei mehr als musikalische Ausbildung, Latein und Deutsch prägten das Profil, heißt es auch im Kultusministerium. Latein nennt Minister Michael Piazolo (FW) gar "sprachliches Fundament Europas". Schüler lernten geistes- und kulturwissenschaftliche Inhalte, die das Verständnis der europäischen Kunst, Musik und Literatur förderten. Französisch statt Latein werde "immer mal wieder aufgeworfen". Änderungspläne gibt es offensichtlich nicht.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Textes war ein logischer Fehler in der Einleitung, das haben wir korrigiert.

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