Diebstahl:Wo steckt das Unterschondorfer Kruzifix?

Diebstahl: Der Fotograf und Bildhauer Alexander Steinbrecht (1898-1982) hat das später geraubte romanische Kreuz um 1925 auf Glasplatte aufgenommen.

Der Fotograf und Bildhauer Alexander Steinbrecht (1898-1982) hat das später geraubte romanische Kreuz um 1925 auf Glasplatte aufgenommen.

(Foto: Alexander Steinbrecht)

Vor 81 Jahren raubten Diebe aus einer Filialkirche am Ammersee ein kostbares romanisches Kreuz. Noch immer lebt die Hoffnung, dass es wieder auftaucht. 

Von Hans Kratzer, Unterschondorf

Irgendwann zwischen dem 28. und 31. März 1943 ist die Filialkirche St. Jakob in Unterschondorf am Ammersee von Dieben heimgesucht worden. Diese raubten das bedeutende romanische Kruzifix, das an der Nordseite des Kirchenschiffs hing. Die Räuber hatten leichtes Spiel. Das Kreuz war an einfachen Haken ohne weitere Sicherung befestigt. Außerdem war es in den damaligen Kriegsjahren nicht üblich, die Kirchen zu verschließen. Auch in der Nacht konnte man sie jederzeit betreten. Der Diebstahl ist bis heute nicht aufgeklärt, das Kunstwerk ist nun seit fast 81 Jahren verschwunden. In den Ortsakten des Landesamtes für Denkmalpflege ist lediglich zu lesen, Anwohner hätten nachts ein besonders schnell durch den Ort fahrendes Auto gehört - das war 1943 eher ungewöhnlich.

An den Kunstraub erinnert sich heute kaum noch jemand. Nicht vergessen hat ihn freilich der emeritierte Zoologie-Professor Rudolf Alexander Steinbrecht, der zu Hause beim Aufräumen auf alte Glasnegative seines Vaters gestoßen ist. Dieser war einst als Fotograf in Dießen ansässig, und er dokumentierte schon in den 20er-Jahren die Kunstschätze aus der Umgebung. Unter anderem hielt er 1925 das romanische Kreuz in der Filialkirche in Unterschondorf fest. Die Fotografie weckte in Steinbrecht die Motivation, sich auf eine Spurensuche zu begeben und vielleicht doch noch herauszufinden, was diesem romanischen Kreuz widerfahren ist.

Das Land Bayern ist keineswegs arm an romanischen Kruzifixen. Kenner wie Steinbrecht verweisen zum Beispiel auf den Großen Gott von Altenstadt, auf das Wessobrunner Kruzifix sowie auf die Kruzifixe von Engelschalking, Schaftlach und Schlehdorf. Und selbst in St. Jakob hängt wieder ein romanisches Kruzifix. Aber ihre Zahl ist insgesamt doch sehr klein im Vergleich zu den Kunstwerken aus späterer Zeit. "Der Verlust des Unterschondorfer Kruzifixus ist umso schmerzlicher", sagt Steinbrecht.

Dieses Schnitzwerk der Hochromanik wurde schon in der ersten Erfassung der Kunstdenkmale des Königreiches Bayern anno 1895 gewürdigt und auf die erste Hälfte des 13. Jahrhunderts datiert. Es weist für jene Zeit charakteristische Stilelemente auf: Das Haupt ist gekrönt als Ausdruck des Triumphs über den Tod. Die Krone ist mit dem Kopf aus einem Stück gearbeitet und oben mit Lilienblättern besetzt. Die Arme sind fast waagerecht ausgespannt und die Füße stehen nebeneinander. Eine Seltenheit ist der Menschenkopf, auf dem diese stehen. Laut Steinbrecht wird er als Adam interpretiert, als die personifizierte Erbsünde der Menschen. Das Antlitz zeigt Züge von stiller Trauer, doch Steinbrecht hält es für möglich, dass die Bemalung der Schnitzerei in späterer Zeit geändert wurde.

Wie Steinbrecht herausfand, wurden Jahre vor dem Raub zwei Männer gesehen, die sich auf einer Staffelei am Kreuz zu schaffen machten und auf Befragen antworteten, sie müssten das Kreuz vermessen. Einen Verdacht habe man damals aber nicht geschöpft. Ein von der Kunstdruckerei Jos. C. Huber in Dießen rasch beschafftes Bild des Kruzifixus wurde damals von der Kriminalpolizeistelle Augsburg an Kunsthandlungen und Antiquitätenhändler verteilt, aber das Kunstwerk blieb verschollen.

Steinbrecht sagt, es sei nicht auszuschließen, dass das Kreuz in den Bombennächten der letzten Kriegsjahre verbrannt ist. Sollte es aber diese Zeit überlebt haben, "wird es früher oder später wieder auf dem Kunstmarkt auftauchen". Damit in diesem Falle die Provenienz aus Unterschondorf eindeutig erkannt werden kann, hat Steinbrecht den Verlust jetzt bei dem Londoner "International Art Loss Register" gemeldet. Diese weltweit operierende Datenbank hat schon viele verschwundene Kunstwerke aufgefunden. Wenn auch kein Rechtsanspruch auf Rückführung bestehe, könne auf dem Verhandlungswege eine Rückerwerbung versucht werden, sagt Steinbrecht. "Wichtig ist nur, dass der Verlust nicht in Vergessenheit gerät."

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