Unter Bayern:Das wahre Wesen der Heimat

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Unter Bayern: Der bayerische Löwe vom Münchner Siegestor an einem Trümmhaufen lehnend.

Der bayerische Löwe vom Münchner Siegestor an einem Trümmhaufen lehnend.

(Foto: SZ Photo/SZ Photo)

Bundesinnenministerin Nancy Faeser will den Begriff positiv umdeuten. Doch die Erfahrung lehrt: Das Verhältnis von Mensch und Heimat geht weit über die Politik hinaus, und oft klärt es sich erst auf dem Sterbebett.

Kolumne von Hans Kratzer

Vor 30 Jahren ist Max Bauer gestorben, er stammte aus dem Passauer Land, der Tod ereilte ihn im Alter von 86 Jahren. Er war von einer zähen Natur, die aus einem Mangel an Luxus und Verzärtelung erwuchs. Schon als Kind verdingte er sich als Bauernknecht, dann zog er in den Krieg, und danach schuftete er als Steineklopfer.

Wir wissen recht viel über Bauers Leben, weil er im Alter seine Erinnerungen in linierten Schulheften festhielt. Wer diese Texte studiert, lernt viel über das Leben und noch mehr über die Bedeutung des Begriffs Heimat. Denn eines hatte Bauer nachdrücklich gelernt: Die Heimat gründet so tief im Inneren eines Menschen, dass er ihr und ihren Launen nicht entkommen kann.

Bauer bringt an dieser Stelle einen alten Dienstboten namens Hakl ins Spiel. Arbeitsunfähig und gebrechlich musste er, so war es damals üblich, von Hof zu Hof humpeln, um jeweils eine kleine Mahlzeit zu empfangen und ein notdürftiges Schlaflager. Man sprach mit diesen geschundenen Menschen nur das Nötigste, sie wurden sich selber überlassen, bis sie irgendwo im feuchten Winkel eines Stalls ihr Leben aushauchten.

Wie Bauer von seinem Vater erfuhr, saß der Hakl anno 1866 einmal auf einem Bankerl und weinte bitterlich. Die Bayern hatten gerade den Krieg gegen die Preußen verloren, und als ihn einer fragte, was ihn so ihn bedrücke, erwiderte er: "Es tut mir so weh, weil wir jetzt zu den Preußen gehören." Der Hakl vergoss Tränen um eine Heimat, die ihm nichts gönnte, für die einer wie er gar nicht existierte. Zu den einen ist die Heimat nett und großzügig, die anderen missachtet sie. Sie schenkt Schönheit und Geborgenheit, sie sät aber auch Neid und Ungerechtigkeit.

"Wir müssen den Begriff positiv umdeuten", forderte soeben Bundesinnenministerin Nancy Faeser, aber die Erfahrung lehrt, dass sie sich nicht umdeuten lässt, auch nicht von Politik und Ideologie. Genauso gut könnte die Ministerin versuchen, mit ihren Händen einen Liter Wasser in eine Form zu modellieren. Es wird nichts anderes herauskommen als all die hilflosen Versuche, Heimat zu definieren: Wo es die besten Weißwürst' gibt, wo man die Todesanzeigen versteht, wo man sich aufhängt ...

Vielleicht hat ja die Klingseisin, eine Zeitgenossin von Max Bauer, das wahre Wesen der Heimat gesehen. Sie versorgte ihr Leben lang einen Hof, der voll war mit fordernden Männern. Mit 40 war sie ausgemergelt, sie starb früh. Jene, die sie auf dem Sterbebett sahen, erzählten: Es lag ein Strahlen auf ihrem Gesicht wie zu Lebzeiten nie.

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