Mitten in Bayern:Fichten im Liebesrausch

Lesezeit: 1 min

Gelbe Pollen legen sich aufs Bayernland. Dabei haben die Menschen im Freistaat doch gerade erst den Saharastaub überstanden

Glosse von Florian Fuchs

Es ist Frühling, in den Gärten sprießen die Hecken und Blumen, sie können gar nicht anders, wie uns Botaniker vor ein paar Wochen weismachen wollten. Da kam der rote Staub aus der Sahara herübergeweht ins sonst so weiß-blaue Bayern und legte sich nicht nur auf Autos, Häuser, Garagen, Briefkästen und jede kleine Ritze, die Lappen, Bürsten oder feinhaarige Pinsel garantiert nicht erreichen. Der rote Staub legte sich auch aufs Gras und die Sträucher, ein Naturdünger quasi, mit wertvollen Mineralstoffen und Spurenelementen. Hatten also wenigstens die Pflanzen Spaß, die Menschen können bis heute nicht lachen. Allerdings hat sich die Farbgebung seit kurzem gewandelt: Rot und Gelb, besagt die Farbenlehre, ergibt in den unerreichbaren Ritzen inzwischen ein leuchtend sommerliches Orange, dem Gute-Laune-Synonym Aperol Spritz nicht unähnlich. Ein Dank also an die Fichte, die ihren gelben Blütenstaub aufs Bayernland legt.

Erst die eine, dann die andere Sauerei. Selber Schuld, sagt die Natur: Der Mensch ist für den Klimawandel verantwortlich und damit auch für wollüstige Fichten, deren Liebesrausch sich häuft. Die sogenannten Mastjahre mit besonders vielen Pollen wie diesen Frühling, das beobachten Experten seit längerem, treten immer öfter auf. Schneearme Winter und früher Vegetationsbeginn zum Beispiel begünstigen die Fortpflanzungsversuche. Allerdings gibt es auch das Phänomen der Angstblüte, wonach Pflanzen wegen Wasser- und Nährstoffknappheit verstärkt Pollen bilden. Wenn es uns schon erwischt, so das Kalkül der Fichten, züchten wir wenigstens noch genug Nachkommen, die das alles vielleicht besser überstehen. Auch eine Überlebensstrategie.

Die gute Nachricht für Allergiker ist, dass die Pollen der Fichte zu groß sind, um Probleme zu bereiten. Vielleicht niest der ein oder andere mehr, was pandemiebedingt mancherorts immer noch lustige Reaktionen hervorruft. Und auch Freunde von sauberen Autos, Fensterscheiben oder Gartenmöbeln dürfen sich freuen: Der Blütenstaub ist lange nicht so schmirgelig wie der Saharastaub. Wer also weder Rot noch Gelb noch Orange mag, darf in naher Zukunft, sobald die Fichten sich wieder beruhigt haben, zum Lappen greifen und beherzt wischen. Nur die Ritzen bleiben bunt. Immerhin ist keine weitere Farbexplosion absehbar.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Abo kündigen
  • Kontakt und Impressum
  • AGB