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Bildung:"Gefühlt ist das eher ein Corona-Bootcamp als Ferien"

Coronavirus  -  Kassel

Lernen unter freiem Himmel: Das geht zurzeit, die Schüler müssen sich ihren Tag selbst einteilen. Zu Lerngruppen dürfen sie sich wegen der Ausgangsbeschränkungen allerdings nicht zusammentun.

(Foto: Uwe Zucchi/dpa)

Noch sind die Abiturprüfungen nicht abgesagt, Bayerns Schulen aber weiterhin zu. Das Lernen daheim klappt oft besser als gedacht. Experten warnen jedoch vor zu hohen Ansprüchen.

Zwischen Daniel Burger und Berlin steht ein Haufen Arbeit und das Abitur. Burger, 21, besucht die 13. Klasse einer Beruflichen Oberschule. Nach der Schule will er in der Hauptstadt ein Praktikum machen. Anders als bei Abiturienten am Gymnasium gelten die Prüfungstermine für Berufliche und Fachoberschulen (Fos/Bos) noch. Anders als an Gymnasien müssen Prüflinge dort noch viele Klausuren schreiben.

Burger muss sich nun alleine durch den Stoff kämpfen. Seine Schule in Erding ist geschlossen, wie die meisten der 6200 Schulen in Bayern. Ihm fehlten noch 20 Noten, erzählt der Landesschülersprecher Fos/Bos am Telefon. Sobald die Schulen wieder öffnen, jage eine Klausur die nächste. Und wie klappt das Lernen daheim? "Es funktioniert, den Umständen entsprechend", sagt Burger. Seine Lehrer seien "extrem engagiert", der "Workload" enorm. Er fühle sich "ein bisschen wie ein Unistudent", sagt Burger. Nur besser betreut: Als er in Mathe nicht weiterkam, landeten 20 Minuten nach seinem Hilferuf Tipps im E-Mail-Postfach.

Auch Joshua Grasmüller, 17, spricht von einer "riesigen Umstellung". Aber es laufe relativ gut, sagt der Sprecher der Gymnasiasten, der am Starnberger See zur Schule geht. In Messenger-Gruppen sei er mit Lehrern und Mitschüler in Kontakt, und bekomme Aufgaben, "die wir mehr oder weniger gewissenhaft bearbeiten". Grasmüller wirkt entspannt. Er muss Stoff wiederholen und üben. Trotz allem wollen beide, dass das Abitur durchgezogen wird. Schleswig-Holstein hatte am Dienstag vorgeschlagen, gleich alle Abschlussprüfungen ausfallen zu lassen.

Wer sich in diesen Tagen an Bayerns Schulen umhört, vernimmt viel Optimismus und Schüler wie Lehrer mit tapfer-positiver Einstellung. Seit eineinhalb Wochen sind die Schulen nun wegen des Coronavirus geschlossen, die meisten Mädchen und Buben lernen irgendwie daheim, betreut von Eltern und nicht selten vom Computer. Lehrer sollten digital arbeiten und das Online-Schulportal Mebis nutzen, hatte Kultusminister Michael Piazolo (Freie Wähler) am letzten Schultag erklärt. Es gibt Lehrer, die seit Jahren Mebis einsetzen, in virtuellen Räumen mit ihren Klassen arbeiten oder Videos für Kollegen bereitstellen. Aber auf einen Massenzugriff wie jetzt war Mebis nie ausgelegt. Entsprechend feixte mancher schon, bevor das System am ersten Tag von Hackern lahmgelegt wurde. Mittlerweile soll es laufen.

Am Karl-von-Closen-Gymnasium im niederbayerischen Eggenfelden setzte Schulleiter Markus Enghofer gleich auf eine andere Software. Die funktioniere gut, die Familien schätzten das Programm und die Erklärvideos dazu, berichtet Enghofer. Nur das Arbeitspensum muss sich noch einpendeln. Seine Lehrer hatten so emsig losgelegt, dass Eltern und Kinder sich überrumpelt fühlten, gibt er zu. Anfangsschwierigkeiten. Schlimmer sei die Stille. Ob er sich an die Einsamkeit gewöhnt? Die Stimmung in der Schule nennt er "gespenstisch".

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Durchbrochen werde die Stille nur vom Telefon, das ständig klingle. Viele Eltern fragten, wie sie "pädagogisch" auf ihre Kinder "einwirken" könnten. "Ich glaube, dass sie die Arbeit der Lehrer wieder mehr schätzen. Es ist nicht so einfach, Kinder in der Pubertät zum Arbeiten zu bewegen", sagt Enghofer. Die Schulpsychologin hat Tipps verfasst: Einen Wochenplan erstellen, den Vormittag mit Arbeit und Pausen strukturieren, am Nachmittag Hausaufgabenzeit einhalten. Und, fett gedruckt: Kein Problem ist es wert, die Beziehung zwischen Ihnen und Ihrem Kind zu schwächen.

"Gefühlt ist das eher ein Corona-Bootcamp als Ferien", sagt auch Verena Knoblauch. Ihr Sohn besucht die erste Klasse einer Nürnberger Grundschule, der Bub bekam am letzten Schultag alle Bücher, Arbeitshefte und einen Wochenplan mit nach Hause. Pädagogische Hilfe braucht Knoblauch nicht, sie ist Grundschullehrerin.

Dazu kommt: Knoblauch ist Digitalisierungsprofi und berät auch das Nürnberger Schulamt. Das Wichtigste sei Gelassenheit, sagt sie. "Wir müssen uns klarmachen, dass wir in einer Ausnahmesituation stecken." Der Anspruch sei nicht, den Unterricht fortzusetzen. Sie lässt ihren Sohn Schreiben und Rechnen üben, aber Spielerisches müsse sein. Ein Gedicht etwa, an dem viele Schüler in einem Online-Dokument weiterdichten, eine Matheaufgabe zum Klopapierverbrauch. Kinder könnten Tagebuch schreiben oder E-Mails an die vertraute Lehrerin.

Ihrem Sohn hat Knoblauch per App ein digitales Buch gebaut, für das er Frühblüher fotografieren und bestimmen soll. Allgemein gültige Tipps zu geben, sei "ganz arg schwierig", sagt Knoblauch - vom Datenschutz mal abgesehen. Die Kinder sollten weiter üben, aber gerade Grundschüler bräuchten nun die Hilfe ihrer Eltern. Das bekommen aber nicht alle. Viele Kinder könnten jetzt "hinten runterkippen", fürchtet Knoblauch.

Das hört man von vielen Lehrern. Auch vom Neu-Ulmer Realschullehrer Sebastian Schmidt. Er setzt auf Kontrolle. Seine Schüler sind es gewöhnt mit seinen Youtube-Videos Mathe zu lernen, kontrolliert wird im Unterricht. Weil das jetzt nicht geht, gibt Schmidt ihnen täglich Aufgaben, die er sofort korrigiert. Kommuniziert wird per Messenger, der Tag beginnt mit einem Begrüßungs-Video. Es laufe ganz gut, sagt auch Schmidt. Und die Schüler, die sich stumm stellen, müssen mit seinem Anruf bei den Eltern rechnen. Es wäre "verheerend, wenn die Schüler fünf Wochen nur Murks machen."

© SZ vom 25.03.2020
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