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Nachtleben:Discos bleiben auf unbestimmte Zeit geschlossen

In guten Zeiten tanzten im PM bei Landsberg schon mal 3000 Menschen, unter anderem im "Avalon", dem Hip-Hop-, Black- und R&B-Floor der Disco.

(Foto: Sara Behbehani)

Bars und Kneipen dürfen wieder öffnen, Discotheken nicht. Die Betreiber glauben, ein kontrolliertes Nachtleben ermöglichen zu können. Im Ministerium sieht man das anders.

Von Sara Maria Behbehani

Es gab einmal eine Zeit, da war eine Disco ein Ort, an dem Menschen tanzten. Ein Ort, an dem sie untergehen konnten in einem Meer von singenden Menschen und Musik. Und unterdessen hämmerten die Stroboskop-Blitze auf sie ein, Bässe brachen durch die Menge, und niemand machte sich Gedanken über Viren oder Abstandsregeln. Aber die Corona-Pandemie hat bekanntlich vieles verändert. Im PM in Untermeitingen (Landkreis Augsburg) kamen zu einer anderen, einer besseren Zeit, an einem Wochenende schon mal 3000 Gäste zusammen. Heute liegt auf dem Treppengeländer eine dicke Staubschicht. Spinnen haben ihre Netze gewoben. Nur ein Mal in der Woche kommt Stefan Egger noch vorbei.

Seit 2010 betreibt er diese Disco, die mit ihren 2200 Quadratmetern, fünf Areas und vier Tanzflächen zu den größten in Bayern zählt. Jeden Montag lässt er die Klospülungen und Wasserhähne laufen, damit all das irgendwann, wenn er es wieder braucht, noch funktioniert. Wann das sein wird, weiß Egger nicht. Wenn er die Lichter anmacht und auf die hochgestellten Stühle sieht, dann fallen ihm vor allem zwei Worte ein: "traurig und leer". An der Wand hängt ein großer Rahmen. Darin Fotos aus Zeiten, in denen das PM noch Gäste wie Snoop Dog, Kool Savas oder Capital Bra auf die Bühne brachte.

Aufgeben aber kommt für Egger nicht in Frage. "Natürlich kannst du jetzt im Viereck springen und verrückt werden", sagt er. "Aber das bringt nichts, das hat sich niemand ausgesucht und niemand ist schuld. Ich bin Geschäftsmann. Es gibt Jahre, da verdienst du gut und andere, da verdienst du schlecht." Dass das Jahr 2020 wirtschaftlich eine Katastrophe ist, steht für ihn aber außer Frage, und von 2021 erwartet er sich auch nicht viel mehr.

Fast zwei Millionen Euro Umsatz hat er in einem guten Jahr gemacht. Vor der Krise hatte er 67 Mitarbeiter. Einen Teil von ihnen hat er inzwischen entlassen. Ein anderer Teil befindet sich in Kurzarbeit, und bei jenen, bei denen das Geld zum Leben nicht reicht, stockt er selbst noch etwas vom Gehalt auf. Schließlich habe er auch eine Verantwortung seinen Beschäftigten gegenüber, sagt Egger. Deswegen hat er auch seine Auszubildenden behalten, die würden schließlich auch nichts anderes finden. "Die Politik muss sich dessen bewusst sein, dass es nicht ewig so weitergehen kann", sagt er. "Es geht nicht nur um diese Disco, sondern auch um Existenzen, um Menschenleben."

Für die Hilfen vom Staat ist Egger dankbar, auch wenn sie nicht reichen, um die laufenden Kosten zu decken. Für ihn steht fest: "Der Staat muss uns nicht retten." Aber er wünscht sich, dass die Politik sein Hygienekonzept prüfen würde. Das umfasst eine Reduktion der Gäste auf 500. In seinem Belüftungssystem, das ohnehin darauf ausgelegt sei, 3000 Menschen mit Frischluft zu versorgen, würde er spezielle Virenfilter anbringen. Dazu hat er die Idee von Plexiglas-Leinwänden in den Areas, sodass höchstens Gruppen von zehn Leuten zusammenkämen. Außerhalb dieser Räume soll Maskenpflicht herrschen. Am Eingang könnte man Fieber messen. Und sobald Schnelltests verfügbar seien, die Besucher vor dem Eingang testen. Auch gäbe es in Clubs ohnehin Personenkontrollen. "Ich hätte keine Besucherlisten mit Donald Duck, Mickey Mouse und Peter Pan", sagt Egger. "Die Kontaktverfolgung wäre viel leichter als in Bars oder auf Plätzen, wo sich jetzt alle tummeln." Und, da ist Egger sich sicher, eine Öffnung der Discotheken würde illegale Partys verhindern und dazu führen, dass Bars und Plätze nicht mehr so überfüllt sind.

Eine Öffnung der Discotheken würde illegale Partys verhindern und dazu führen, dass Bars und Plätze nicht mehr so überfüllt sind, da ist sich Stefan Egger sicher.

(Foto: Sara Behbehani)

Warum alle anderen Einrichtungen wieder öffnen dürfen, Discotheken aber nicht, erschließt sich ihm nicht. "In der Therme fallen die Leute übereinander her und niemand hat am Eingang kontrolliert, wer da gekommen ist", sagt er. Von der Politik fühlt er sich vergessen.

Ähnlich sieht das auch Knut Walsleben, Vizepräsident des Bundesverbands deutscher Discotheken und Tanzbetriebe. Die Situation für Clubs sei bundesweit dramatisch, sagt er. Die Betriebe würden sich von einem Monat zum nächsten hangeln, von der einen Hilfe zur nächsten. Durch die Änderung des Insolvenzgesetzes habe es bisher noch keine Pleitewelle gegeben, aber wenn sich nicht schnell etwas ändere, würde Anfang nächsten Jahres das Discothekensterben beginnen. "Wir sind die ersten, die geschlossen haben und die letzten, die wieder aufmachen", sagt er. "Und es gibt keine Zukunftsperspektive."

In der Politik vermisst er eine Bereitschaft, sich die Konzepte der Discotheken anzusehen. In Bayern sei das besonders schwer. "Man kommt nicht an die Politik heran", sagt er. Dabei glaubt er, dass genug vernünftige Betriebe ein kontrolliertes Nachtleben ermöglichen könnten und warnt davor, dass Menschen mit einem Ausgehbedürfnis in der Illegalität verschwinden. "Es wäre besonders schlimm, wenn Leute sich jetzt auf Partys anstecken und man das auf uns überträgt. Wir verstehen uns als Teil der Lösung, nicht als Teil des Problems."

Inhaber Stefan Egger findet, die Politik sollte sein Hygienekonzept wenigstens mal prüfen.

(Foto: Sara Behbehani)

Im Staatsministerium für Gesundheit und Pflege sieht die Bewertung der Lage freilich anders aus. "Eine Änderung der derzeit geltenden Regelungslage für Discotheken ist bislang nicht vorgesehen", teilt ein Ministeriumssprecher mit. Die Erfahrungen bei der Öffnung von Bars und Kneipen gelte es zunächst abzuwarten. Auch Hygienekonzepte wirken im Ministerium wenig überzeugend. Die Aufenthaltsdauer in Clubs sei wesentlich länger als im Restaurant. Es sei laut, wodurch bei der Kommunikation geschrien werden müsse. Dies führe zu erhöhter Tröpfchen- und Aerosolproduktion. Das gelte ohnehin bei sportlicher Anstrengung, wie dem Tanzen. Ein Mindestabstand von 1,5 Metern zur Vermeidung von Infektionsübertragungen sei dann nicht mehr ausreichend. Zu Lüftungsanlagen, die die Viruslast reduzieren, gäbe es zudem keine ausreichende wissenschaftliche Evidenz bezüglich der Wirksamkeit. Und was Schnelltests angehe, sei ihre Funktionsfähigkeit derzeit noch Gegenstand zahlreicher Prüfungen.

Für die Discothekenbetreiber heißt es also weiterhin abwarten. Egger allerdings sieht "in diesem ewigen Abwarten" das Hauptproblem. "Das Gar-nichts-tun ist für die Seele nicht gut", sagt er. "Man hat sich doch etwas aufgebaut."

© SZ vom 28.09.2020/vewo

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