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Corona-Pandemie:Die Werksimpfung kommt

Impfungen bei der Sander AG

In Schwarzenbach an der Saale wartet am Mittwoch ein Team auf Mitarbeiter der Sandler AG, die geimpft werden wollen.

(Foto: Daniel Vogl/dpa)

Bereits Mitte Mai will Bayern ohne Priorisierung auskommen und auf breiter Basis Betriebsärzte mitimpfen lassen. Den Anfang machen nun zehn Modellfirmen. Wie das aber genau funktionieren wird, ist noch unklar.

Von Maximilian Gerl, Clara Lipkowski und Johann Osel, München/Nürnberg

"Das ist natürlich motivierend", sagt Albert Schultz am Telefon. Seine Firma Magnet-Schultz stellt in Memmingen Elektromagnete und Sensoren her - und sie zählt seit Dienstag zu jenen ausgewählten Betrieben, deren Ärzte offiziell ins Impfen gegen Corona einsteigen sollen. Ein entsprechendes Impfkonzept haben sie im Allgäu schon vor Wochen beim Gesundheitsministerium hinterlegt. Loslegen könnten sie. Nur wann und wie genau, das kann Schultz am Mittwochvormittag noch nicht sagen. Ihm fehlen drei zentrale Informationen: Wann kommt der Impfstoff? Wie viel kommt? Und auf welchen Wegen? Immerhin, das Ziel ist klar: "als Gesellschaft endlich aus dieser Pandemie herauskommen", sagt Schultz.

"Vollgas beim Impfen!" Die Devise gaben Ministerpräsident Markus Söder und sein Gesundheitsminister Klaus Holetschek (beide CSU) am Dienstag nach dem Kabinett aus. Bereits Mitte Mai will Bayern noch vor dem Bund ohne Priorisierung auskommen und auf breiter Basis Betriebsärzte mitimpfen lassen. Den Anfang machen nun zehn Modellfirmen, anschließend sollen laut Holetschek "sukzessive weitere Unternehmen in den Impfbetrieb eingebunden werden". Bis dann, wohl spätestens im Juni, die Impfung im Betrieb zur etablierten Säule neben Hausärzten und kommunalen Impfzentren wird. Die Auswahl der zehn wurde mit der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft getroffen. Vor allem will man Erfahrungen für eine künftige Regelversorgung durch Betriebsärzte gewinnen.

Wie es genau funktioniert, ist am Mittwoch aber noch die große Frage, auch weil manche der ausgewählten Betriebe von ihrem Glück offenbar erst aus den Medien erfuhren. Impfwillige dürfte es vermutlich ausreichend geben. Allein Magnet-Schultz beschäftigt rund 2000 Menschen in Memmingen und Memmingerberg. Logistisch sei das Ganze "kein Hexenwerk", sagt Chef Schultz: "Wir machen seit Jahren Grippeschutzimpfungen." So ganz anders werde das nun nicht laufen - nur mit mehr Abstand, mehr Schutzkleidung. Dazu könne man eigene Impfstraßen einrichten.

Auch das Siemens-Werk in Cham mit rund 600 Beschäftigten zählt zu den zehn. Am Nachmittag sind erste Details zum Prozedere klar: Wer das Angebot annehmen will, meldet sich über das Impfportal des Freistaats an. Das örtliche Impfzentrum bestellt das benötigte Vakzin, das dann die Betriebsärzte verimpfen. Eine Priorisierung gebe es nicht, so ein Sprecher. Bestenfalls Ende der Woche könnte geimpft werden.

Etwa fünf Millionen Impfdosen könnten bundesweit monatlich über Betriebsärzte verimpft werden

Einen Schritt weiter ist derzeit Hof. Stadt und Landkreis erhalten Sonderkontingente, weil die Pendlerregion lange Hotspot war. Nun wurden zusätzlich insgesamt 2000 Impfdosen auf die 20 größten Betriebe im Kreis verteilt, auch an die Sandler AG aus Schwarzenbach an der Saale. Ein mobiles Team aus dem Impfzentrum des Landkreises rückte dazu auf dem Gelände der Firma für Schutzmasken-Vliese an. Im Hofer Land sind auch Sanitätssoldaten im Corona-Einsatz, bei der Firma half unter anderem ein Arzt der Bundeswehr, bis in den Nachmittag alle Dosen von Biontech/Pfizer zu verimpfen - auf einer Etage, in der sonst Seminare stattfinden.

In den vergangenen Wochen hatten sich laut einem Sandler-Sprecher impfwillige Beschäftigte online gemeldet. Berücksichtigt wurden dann zudem solche, die in der Produktion arbeiten und nicht ins Home-Office wechseln können. Minister Holetschek ließ sich am Mittwoch bei Sandler die Aktion zeigen. Im Hofer Land waren am Mittwochmorgen bereits mehr als 36 Prozent der Bevölkerung erstgeimpft, bayernweit waren es 25,5. Das Impfen ist in Hof so weit fortgeschritten, dass nun auch in der nächsten Priorisierungsgruppe drei immunisiert wird, darunter explizit Mitarbeiter im Lebensmittelhandel.

Das Unternehmen Sandler will nach Möglichkeit alle 840 Mitarbeitenden impfen und auch nach Mittwoch damit weitermachen. Das allerdings hänge von weiteren Lieferungen ab, sagte der Sprecher. Andere, kleinere Firmen könnte man künftig mitimpfen. Im laufenden Betrieb seien 200 Impfungen pro Woche möglich.

Geschätzt können bundesweit fünf Millionen Impfdosen monatlich über Betriebsärzte verimpft werden, die Ressourcen vorausgesetzt. Schon vor Monaten hatte die in München sitzende Deutsche Gesellschaft für Arbeitsmedizin und Umweltmedizin mit dem Betriebsärzteverband zügiges Handeln gefordert: Strukturen seien vorhanden, Aktionen am Arbeitsplatz stärkten die Impfbereitschaft, wegen des direkten Zugangs der Betriebsärzte zu Beschäftigten; Wege und Wartezeiten entfielen.

Allerdings haben kleine Betrieben selten Arbeitsmediziner zur Hand. Auch rechtlich könnten Tücken warten. Nach Einschätzung von Arbeitsrechtlern muss der Betriebsrat Impfaktionen zustimmen. Auskunftspflicht beim Chef, wer sich hat impfen lassen, bestehe nicht - wobei unklar sei, inwieweit das für Spezialfälle wie Dienstreisen ins Ausland gelte. Gerade im verarbeitenden Gewerbe dürfte das Impfen trotzdem etwas Entspannung bringen, auch den Firmen selbst. Wenn wegen Corona-Ansteckungen am Arbeitsplatz das Fließband steht, wird es schnell teuer. Auch bei Magnet-Schultz im Allgäu arbeitet rund die Hälfte der Beschäftigten in der Produktion. Als betriebswirtschaftliche Überlegung will der Chef die Impf-Anstrengungen aber nicht verstanden wissen: Es gehe schlicht darum, einen Beitrag zur Pandemiebekämpfung zu leisten. Ob dafür nun seine Firma mit dem Impfen beginne oder eine andere, "spielt gar keine Rolle".

© SZ vom 29.04.2021/baso, van
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