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Online-Tools für Impftermine:"Eine kleine Praxis kann man auf die Art völlig lahmlegen"

Coronavirus - Impfung beim Kinder- und Jugendarzt

Viele Menschen, vor allem junge, wollen so bald wie möglich gegen Covid-19 geimpft werden. Zwar ist die Priorisierung bundesweit offiziell aufgehoben, doch der Impfstoff ist nach wie vor rar – und damit sind es die Termine auch.

(Foto: dpa)

In den Impfzentren stockt es und die Menschen werden ungeduldig. Viele versuchen nun über Online-Tools an einen Termin zu kommen. Prinzipiell eine gute Sache - doch sie hat Tücken.

Von Lea Weinmann

Beim Chatten fragte Philipp Schwab aus Nürnberg einen Kumpel, ob er schon geimpft sei. Er verneinte. Ich organisiere dir das, sagte Schwab. Am Tag darauf, um 11.30 Uhr, hatte der Kumpel einen Termin. Wie hat er das geschafft?

Seit Montag ist die Impfpriorisierung laut Bund offiziell aufgehoben; zugleich ist der Impfstoff weiter knapp. Das bayerische Gesundheitsministerium teilt am Donnerstag mit: "Voraussichtlich wird der Großteil der Impfungen in den Impfzentren bis Ende Juni aus Zweitimpfungen bestehen." Erstimpfungen könnte es wieder von Mitte Juni an geben, doch die Formulierungen bleiben vage: "voraussichtlich", "je nach Verfügbarkeit", heißt es.

Die Ungeduld, gerade unter jungen Menschen, wächst: Wann sind sie endlich an der Reihe? Eine Alternative, um eventuell schneller an Impftermine zu kommen, können Online-Tools sein. Momentan tauchen ständig neue Anbieter auf, mit deren Hilfe Impfwillige auf freie Termine hingewiesen werden, zum Beispiel automatisiert per App oder über Messengerdienste.

Max Ritter, Softwareentwickler aus München, hat einen dieser Dienste entwickelt. Das Prinzip ist einfach: Sein Programm durchsucht im Minutentakt verschiedene Onlineplattformen, auf denen man Termine in Arztpraxen buchen kann. Stellt eine Praxis freie Impftermine ein, schickt das Programm automatisch eine Nachricht in einen Kanal des Messengerdienstes Telegram.

Damit hat der Entwickler einen Nerv getroffen: Ihn erreichen täglich Hunderte Danksagungen von Menschen, die Termine für sich organisieren konnten, sagt er. Auch Philipp Schwab hat auf diese Weise Impftermine für andere bekommen. Die Idee kam Ritter vor wenigen Wochen: Ein Kollege schickte einen Link zu einem der Buchungsportale für Arztpraxen. Darüber kämen nun freie Impftermine rein, sagte er, man müsse nur schnell sein. Als Max Ritter fünf Minuten später auf den Link klickte, waren alle Termine weg. Zu spät. Kann doch nicht sein, dass man da ständig vor dem PC sitzen muss, dachte sich der Softwareentwickler. Abends schrieb er ein Programm, das automatisiert nach freien Terminen auf der Plattform sucht. Der Prototyp stand nach zwei Stunden, am gleichen Abend noch konnte Max Ritter einen Termin für sich buchen.

Ein paar Tage später veröffentlichte er eine Webseite mit Links zu den verschiedenen Telegramgruppen: ein Kanal für jede Stadt, in deren Umkreis die Impfungen möglich sind. Sein Ziel: das Projekt so vielen Leuten wie möglich zugänglich machen. "Ich habe gemerkt, wie wichtig das den Leuten ist", sagt Ritter. "Wegen der Gesundheit, klar, aber es geht auch um Emotionales, um Freiheit. Für viele ist die Impfung das Ende dieser langen Phase." Mittlerweile hat er 30 Städte in Deutschland angeschlossen, weitere sollen folgen. In Bayern gehören bisher Nürnberg, Würzburg, Augsburg, Kempten und München dazu.

Schnell wurden die Telegramkanäle größer. Die Gruppe in München wuchs täglich um mehrere Hundert Mitglieder. Die meisten sind jung, unter 30 Jahre alt, schätzt Ritter. Genau weiß er es nicht, weil er keine Daten erhebt. Mittlerweile hat allein die Münchner Gruppe knapp 14 000 Abonnenten - dementsprechend schnell muss man sein, wenn ein Termin frei wird, insbesondere einer der seltenen mit dem Impfstoff von Biontech.

Welche Dynamik das mitunter annehmen kann, hat Matthias Biemer in dieser Woche erlebt. Der Arzt hat eine kleine Praxis am Starnberger See, vier Mitarbeitende. Am Montag stellten sie auf einem der Portale sechs Termine mit dem Biontech-Impfstoff ein. Das Programm von Max Ritter veröffentlichte die Buchungsoptionen in verschiedenen sozialen Netzwerken. Die Termine waren sofort weg. Das hielt viele allerdings nicht davon ab, dennoch in der Praxis nachzufragen. Es könnte ja sein, dass doch noch etwas Impfstoff übrig ist.

Nach drei Stunden hatte die Praxis mehr als 270 Mails, später sogar 800, gegen Mittag war das Postfach voll. Dazu 127 Anrufe allein auf dem Praxishandy, das Festnetztelefon klingelte durchgehend. "Eine kleine Praxis kann man auf die Art völlig lahmlegen", sagt Biemer. Er konnte sich erst gar nicht erklären, woher die ganzen Anfragen so plötzlich kamen, von Ritters Programm und den Telegramgruppen wusste er nichts. "Ich konnte ihn dann aber schnell erreichen und er hat sich auch zig Mal entschuldigt", sagt der Mediziner. Max Ritter setzte daraufhin eine Nachricht in einer der Telegramgruppen ab: "Ich bitte euch sehr, die Arztpraxen aus dieser Gruppe nur nach erfolgreicher Terminvereinbarung zu kontaktieren, da sie sonst ihren normalen Praxisalltag nicht mehr stemmen können."

Der Ansturm auf die Praxis von Matthias Biemer hat sich wieder beruhigt. Er hat sich aber von der Liste des Programms streichen lassen. "Das Problem dieser sozialen Netzwerke ist die nicht kontrollierbare Masse, wenn es keine Regularien gibt", sagt der Mediziner. Programmierer Ritter klingt am Telefon ein bisschen zerknirscht, das habe er natürlich nicht gewollt, im Gegenteil: "Ich versuche den Ärzten ja Arbeit abzunehmen." Es sei das erste Mal gewesen, dass er von einer solchen Eskalation gehört hat, sagt er. Und hofft, dass es nicht öfter vorkommt. "Sonst muss ich mir da noch etwas überlegen."

Je mehr Menschen die Tools zu nutzen versuchen, desto mehr Konkurrenz gibt es wieder um die freien Termine. Das Problem der Impfstoffknappheit hat sich im Grunde nur verlagert. Philipp Schwab ist auf Twitter über das Tool gestolpert, andere haben es sonst wo im Netz gefunden. Er freut sich, dass seine Freunde erstgeimpft sind, "aber es ist schon unfair für die, die technisch nicht so fit sind", sagt er. Die hätten es jetzt ja noch schwerer, etwas zu finden. Besser wäre es gewesen, findet Schwab, wenn die Priorisierung gar nicht erst so früh aufgehoben worden wäre.

© SZ vom 11.06.2021/kafe, van
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