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Dialekt:In Bayern um viertel acht

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Mancherorts behilft man sich mit einem zweisprachigen Schild.

(Foto: Manfred Neubauer/SZ Photo)

Probleme mit dem Dialekt? Lokale Spracheigenheiten lösen bei Gästen und Zugezogenen bisweilen Irritationen aus. Ein "Fettnäpfchenführer" soll helfen.

Am Montag durften in Bayern alle Schülerinnen und Schüler mit einem Einser im Jahreszeugnis kostenlos mit der Bahn fahren. Diese Frohbotschaft hatte Kultusminister Michael Piazolo (FW) selber verkündet. Wer genau hinhörte, dem fiel freilich auf, dass Piazolo die südhochdeutsche Variante der Notenbenennung tunlichst vermieden hat. Stattdessen leitete er seine Mitteilung folgendermaßen ein: "Wer eine Eins im Zeugnis hat . . ." Die amtliche Vorgabe des Kultusministers lässt erahnen, dass traditionelle bayerische Standardbegriffe wie Einser, Zweier und Dreier in der öffentlichen Rede über Noten und Zeugnisse wohl endgültig der Eins, der Zwei und der Drei weichen müssen.

Analog dazu müsste Deutschlands älteste Briefmarke künftig die "Schwarze Eins" heißen. Die 1849 im Königreich Bayern erstmals ausgegebene Marke wird aber seit eh und je der "Schwarze Einser" genannt, eine offizielle Umbenennung ist bislang nicht erfolgt. Auch bekannte Münchner Trambahnlinien waren bis vor wenigen Jahrzehnten als Einser, Vierer und Siebener populär, diese gibt es aber mittlerweile nicht mehr. Die Disqualifizierung alter Begrifflichkeiten im allgemeinen Sprachgebrauch hat neulich auch eine Garmischer Zahnarztpraxis negativ zu spüren bekommen.

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Die Besitzerin hatte ihrer Praxis den leicht ironischen Namen Fotznspanglerei verpasst, nicht zuletzt, um die lokale Verwurzelung und den handwerklichen Aspekt ihres Gewerbes hervorzuheben. Diese Entscheidung stieß vor allem in jenen Kreisen auf heftige Kritik, die des lokalen Wortschatzes nicht mächtig sind und das Wort Fotzn missdeuteten. Im Bairischen gilt dieses Dialektwort keineswegs als anstößig, denn es benennt den Mund und eben nicht den weiblichen Schambereich, wie es in den nördlichen Sprachregionen der Republik der Fall ist.

Die Fälle, in denen lokales Idiom missverstanden wird und deshalb Stress erzeugt, häufen sich auffallend. Vor allem in Schulen und Kindergärten entzünden sich kulturelle Reibungspunkte. In der Oberpfalz wurde vor Kurzem ein Kind gemaßregelt, weil es Wurschtbrot sagte. Einem im Isarwinkel beheimateten Buben wurde von einer Lehrerin ein angeblicher Sprachfehler ausgetrieben, weil er den Buchstaben R rollend aussprach, wie es in der dortigen Gegend üblich ist. Ein altes Sprachphänomen, das Wissenschaftler in Verzückung versetzt, wurde also irrtümlich als logopädisches Problem behandelt.

Die Bevölkerungszahlen im Freistaat Bayern steigen rasant, was zur Folge hat, dass viele Zuzügler mit landestypischen Gegebenheiten konfrontiert werden, die bei ihnen Irritationen auslösen. Aber auch Einheimische sind vor Orientierungslosigkeit nicht gefeit. Als ein Lehrer aus Cham einmal in einem Friseursalon auf Englisch einen Termin vereinbaren wollte, weil der Salon ausschließlich mit Anglizismen warb ("your head is our universe"), rief das Personal, das nicht in der Lage war, sein gutes Englisch auch nur ansatzweise zu verstehen, eilig nach einem Übersetzer.

Lokale Spracheigenheiten überdauern heutzutage am ehesten in ländlichen Beharrungsgebieten, wo man noch Semmeln kennt und Weckla. Aber selbst dort haben sich die Brötchen und Schrippen terminologisch schon längst festgesetzt. Oft folgen aber nur die alten Dialektformen den Vorgaben der großen europäischen Sprachen, in denen beispielsweise die Ware Butter ebenso männlich markiert ist (französisch: le beurre, italienisch: il burro) wie im Bairischen. Deutsche Standardsprachler hadern trotzdem mit diesem Phänomen, der Radio, der Butter und das Teller klingt für sie einfach nur schräg.

Die in Bamberg lebende Autorin Nadine Luck hat jetzt über solche Gegebenheiten im Lande Bayern ein Buch geschrieben. Herausgekommen ist im weitesten Sinne eine Art Reiseknigge für den Freistaat ("Bayern Fettnäpfchenführer", Verlag Conbook). Der Titel Fettnäpfchenführer deutet bereits an, dass sich das Buch primär an Gäste und Zuagroaste richtet, die mit den Kuriositäten in den Regionen zwischen Main und Alpen noch nicht vertraut sind.

Nadine Luck hat ihre insgesamt 28 Fettnäpfchen-Kapitel in eine Liebesgeschichte eingebettet, in der eine Münchnerin ihren Schwarm aus Wuppertal mit den wunderlichen Seiten Bayerns vertraut macht, wobei sie von der Wiesn bis zum Kini kein Klischee des "Bavarian Way of Life" außer Acht lässt. Trotzdem kann man auch als Bayern-Checker aus manchem Kapitel durchaus Nutzen ziehen, etwa beim Problem der Uhrzeiten. "In Bayern ticken die Uhren anders", hatte schon der ehemalige Bundeskanzler Willy Brandt (SPD) festgestellt, worauf Franz Josef Strauß (CSU) erwiderte, das könne nur heißen, dass sie anderswo falsch gehen. Sei es, wie es sei: Viertel acht kann in Bayern je nach Auslegung 7.15, 8.15 oder 7.45 Uhr bedeuten. Die Uhrzeit gerate in Bayern schnell in die Sphären höherer Mathematik, bilanziert die Autorin Luck und rät: "Wer sich nicht zur vollen Stunde trifft, riskiert Missverständnisse."

Einiges lernen lässt sich auch über die populäre doppelte Verneinung, die sich bis zur fünffachen Verneinung steigern lässt: "In meiner Familie hat keiner niemals nicht keine SPD ned gewählt." Dem Leser wird überdies erklärt, warum Niederbayern nördlich von Oberbayern liegt, und warum Niederfranken nur eine Utopie ist. Es wird zudem vermittelt, wie man angemessen grüßt, wenn man sich die Mühe macht, das zum Standardgruß aufgestiegene Tschüss zu variieren. Die Eigenarten der Franken ("haddes und weiches b") und der Schwaben kommen ebenso wenig zu kurz wie die trotz Genderdiktats nach wie vor beliebte Faustregel, das Allgäu beginne da, wo die Kühe schöner sind als die Frauen. Über die landestypischen Einser und die Sechser in den Zeugnissen ist in Nadine Lucks Büchlein leider nichts zu lesen.