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Bayerischer Landtag:Beratergremium befasst sich mit Verschwörungsmythen

Maskenpflicht im bayerischen Landtag

Landtagspräsidentin Ilse Aigner (CSU) trägt einen Mundschutz und appelliert auch an die Abgeordneten, eine Maske zu tragen.

(Foto: Sven Hoppe/dpa)

Landtagspräsidentin Ilse Aigner hat nun eine Broschüre vorgestellt, die das Phänomen analysiert und Strategien zum Umgang mit Anhängern an die Hand gibt.

Von Johann Osel

Aus der Arbeit des Beratungsgremiums, das Landtagspräsidentin Ilse Aigner (CSU) zum Thema Verschwörungstheorien einberufen hat, sind erste Ergebnisse hervorgegangen. Die Runde, der unter anderem Politikwissenschaftler und Psychologen angehören und die seit November mehrmals in digitalem Format zusammentraf, sollte die Systematik solcher Falschmeldungen und Mythen ergründen. Ziel war es vor allem, eine Handreichung für die Abgeordneten und Mitarbeiter des Parlaments zu erarbeiten und auch für die Öffentlichkeit Informationen zusammenzustellen. Nun ist eine Broschüre des Landtags erschienen, die das Phänomen analysiert und Strategien zum Umgang mit Anhängern an die Hand gibt; auch die erste Folge des neuen Podcasts "Landtalk Bayern" befasst sich mit dem Thema.

"Verschwörungstheorien dürfen nicht unwidersprochen bleiben. Wir müssen dafür sorgen, dass unsere Gesellschaft eine Gesellschaft des Vertrauens bleibt - und das Misstrauen nicht überhandnimmt", teilte Ilse Aigner dazu mit. Bereits nach der Gründung des Gremiums hatte sie im Gespräch mit der SZ die Dringlichkeit des Themas betont: "Es ist eine Polarisierung von Gut und Böse: Die Guten, die angeblich erkannt haben, was im Hintergrund abläuft. Und die anderen sind die Bösen oder die Unwissenden. Das ist dann schon ein bisschen sektenartig. Dagegen kommt man auch mit Fakten kaum mehr an."

Auftrieb haben Verschwörungsmythen durch die Corona-Pandemie bekommen. Sie haben mit Kritik an Maßnahmen oder gesunder Skepsis nichts zu tun. Einerseits zielen auf das große Ganze, wonach hinter dem Virus der große Plan geheimer Mächte stecke, die Weltherrschaft zu erreichen; oft auch mit antisemitischer Konnotation. Oder sie wirken im Kleinen: Im Netz kursieren etwa Meldungen, wonach Bürger über spezielle Insekten zwangsgeimpft werden sollen oder über Impfspritzen Mikrochips zur staatlichen Kontrolle verpflanzt werden. "Speziell bei Corona steckt auch dahinter, dass es komplex geworden ist und es keine einfache Antwort gibt. Das überfordert auch manche. Und dann suchen sie halt einfach die Erklärung in einer übergeordneten Macht, die alles steuert, um dieser Komplexität zu entfliehen und damit auch der Unsicherheit", sagte Aigner dazu.

Manche Verschwörungsmythen werden auch, wenngleich keineswegs von jedem Aktivisten, durch die "Querdenker"-Bewegung verbreitet. Teile dieser Szene werden mittlerweile vom Landesamt für Verfassungsschutz als Beobachtungsobjekt geführt - laut Innenministerium sind es Einzelpersonen und Zusammenschlüsse aus dem Umfeld von Corona-Leugnern und Maßnahmenkritikern, bei denen man Bezüge oder Sympathien zu gewaltsamen Aktionen gegen staatliche Einrichtungen oder staatliche Repräsentanten sieht. Spätestens der Sturm auf das Kapitol in Washington oder die Bilder von der Treppe des Reichstags in Berlin hätten gezeigt, dass "Verschwörungstheorien eine ernstzunehmende Gefahr für die Demokratie" darstellten und keine "harmlosen Spinnereien" seien, teilte auch der Landtag nun mit.

Die Broschüre, die ebenso wie die Podcast-Reihe auf der Internetseite des Landtags abrufbar ist, stellt etwa den Unterschied zwischen Verschwörungstheorien und Fake News heraus. Experten geben Tipps, wie sich die Phänomene erkennen lassen. Im Umgang mit Anhängern wird zu Gespräch und Debatte geraten - wenngleich dies nicht leicht sei. "Empathischer Umgang" könne hilfreich sein, zugleich seien Grenzen zu ziehen: "Verschwörungstheorien sind geschlossene und sich stets stärkende Ansichten auf die Welt. Daher ist es sehr fordernd, den Versuch zu unternehmen, Menschen aus ihrem Verschwörungsglauben herauszulösen und sie wieder anderen Ansichten und Argumenten zugänglich zu machen."

© SZ vom 12.04.2021/vewo, van
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