Bad Kissingen:Werben bis der Arzt kommt

Kurort Bad Kissingen nun Welterbe

Der Arkadenbau im Kurpark in Bad Kissingen. Viele ältere Menschen ziehen in die Kurstadt, weil sie sich dort eine gute medizinische Versorgung versprechen.

(Foto: dpa)

Selbst an traditionsreichen Kurorten wie Bad Kissingen mangelt es an Medizinern. Die Aufgabe der Stadt: attraktiv für junge Ärzte werden.

Von Dietrich Mittler, Bad Kissingen

Augenblicklich überwiegt bei Bad Kissingens Oberbürgermeister Dirk Vogel (SPD) die Freude. Seine Stadt gehört zu jenen elf europäischen Städten, deren Traditionsbäder sich nun zum Unesco-Weltkulturerbe zählen können. Doch die Alltagssorgen werden im unterfränkischen Bad Kissingen bald wieder in den Vordergrund treten. "Hausarztmangel spitzt sich zu" titelte kürzlich die Saale-Zeitung auf ihrer ersten Seite, die Bürgerschaft in der Region ist besorgt. Vogel hat das Thema zu seiner Chefsache gemacht.

Dass niedergelassene Ärzte in Bayerns ländlichen Regionen oftmals Mangelware sind, ist schon seit vielen Jahren Fakt. Dass aber dieses Problem sogar ein Kurbad von Weltrang treffen kann, das sorgt doch für Unbehagen - insbesondere bei jenen, die nun vom teilweisen Rückzug eines weiteren Mediziners betroffen sind. Der Chef einer großen Hausarztpraxis hat sich aus Altersgründen dazu entschlossen, vom 30. September dieses Jahres an nur noch seine Privatpatienten zu behandeln - für die vielen Kassenpatienten reicht angesichts eigener gesundheitlicher Probleme die Kraft nicht mehr aus.

Peter Schickhahn (Name geändert) ist froh, dass er als Privatpatient auch weiterhin zu diesem Arzt gehen kann. Viele andere in Bad Kissingen suchen bislang jedoch vergeblich nach einer Praxis, die sie als neue Patienten übernimmt. Zum Teil nimmt das kuriose Züge an: Von einem Bekannten weiß Schickhahn, dass der unvermittelt von einem Arzt auf der Straße angesprochen wurde: "Tut mir leid, in unserer Praxis können wir Sie nicht mehr als Patienten aufnehmen."

OB Vogel seinerseits berichtet, sein Rathaus erhalte "unzählig viele" Anfragen von Menschen, die auf der Suche nach einem Hausarzt sind. Auf dem Papier indes stellt sich die Lage nicht so dramatisch dar: Nach Auskunft der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns (KVB) liegt der Versorgungsgrad bezüglich der Hausärzte augenblicklich noch bei 102 Prozent, also weit entfernt von einer Unterversorgung. Davon würde die KVB bei einem Versorgungsgrad von 75 Prozent und darunter sprechen.

Doch das tröstet die betroffenen Patienten in Bad Kissingen nicht. Auch OB Vogel stellt klar: "Es wäre trügerisch, sich auf diesem Versorgungsgrad auszuruhen." Das große Problem rollt auf Bad Kissingen nämlich erst zu: Viele der in diesem Planungsbereich niedergelassenen Ärzte haben das Alter von 60 Jahren überschritten. 44 Prozent von ihnen hätten sogar schon den 63. Geburtstag hinter sich, sagt Michael Heiligenthal als Niederlassungs- und Praxisberater im KVB-Bezirk Unterfranken. Außerdem: Mit Blick auf die Altersstruktur der Bevölkerung in Bad Kissingen und der aktuellen Patientennachfrage "könnte man durchaus noch mehr Hausärzte in diesem Bereich gebrauchen".

"Wir haben hier viele Erkrankte, denn wir sind ja so etwas wie ein ,Hidden Champion' für Menschen, die bei uns ihren Lebensabend verbringen wollen", sagt OB Dirk Vogel. Dieser Faktor werde bislang nicht ausreichend eingerechnet, wenn es darum gehe, wie viele Hausärzte sich in seiner Stadt niederlassen dürfen. "Ich will erreichen, dass wir künftig als eine potenziell unterversorgte Region eingestuft werden", betont Vogel.

Aber auch die Stadt muss liefern, das ist ihm bewusst. Einige seiner Vorhaben: Ärzten dabei zu helfen, passende Räumlichkeiten für ihre künftige Praxis zu finden. Zudem sollen stille Reserven mobilisiert werden, wieder als Hausarzt zu arbeiten. Auch diesen Schritt will Vogel gehen: Hausärzte und Hausärztinnen, die in Bad Kissingen ihren Schulabschluss machten und mittlerweile andernorts praktizieren, möchte er zur Rückkehr motivieren. Und dann gebe es noch einen Ansatz, über den aber der Stadtrat zu bestimmen habe. Bad Kissingen besitzt in der ehemaligen US-Kaserne ein Grundstück, das die Stadt auch kostengünstig für den Bau eines Ärztehauses zur Verfügung stellen könnte.

Bad Kissingen steht indes mit seinem Problem nicht alleine da. Insgesamt 18 Kommunen im Freistaat suchen laut KVB-Statistik ebenfalls intensiv nach Hausärzten - darunter etwa Coburg, Dinkelsbühl, Landau an der Isar, Gerolzhofen und Tirschenreuth.

© SZ vom 26.07.2021/vewo
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