Auslieferung wegen Tierquälerei "Spinnenmann" droht Haftstrafe

Dirk Weickmann, besser bekannt als "der Spinnenmann", muss sich erneut wegen Tierquälerei in München vor Gericht verantworten. Schon einmal wurde ein Haftbefehl erlassen.

(Foto: dpa)
  • Dirk Weickmann - "der Spinnenmann" - muss sich wegen Tierquälerei in München verantworten. Als Wiederholungstäter droht ihm eine lange Haftstrafe.
  • Der 46-Jährige saß in der Schweiz im Gefängnis. Das Bundesgericht Lausanne entschied nun, dass Weickmann nach Deutschland ausgeliefert wird.
  • Der selbsternannte Wissenschaftler ist wegen eines Verfahrens zur Krebsheilung umstritten. Aus dem Gift von Spinnen gewinnt er Cocktails, die das Wachstum von Krebszellen hemmen sollen.
Von Uwe Ritzer

Für die Medien ist er schlicht "der Spinnenmann". Er selbst nennt sich Forscher und Wissenschaftler, obwohl er weder ein Abitur besitzt, noch jemals an einer Universität studiert hat. Einen Doktortitel führt er trotzdem, angeblich verliehen von einer ukrainischen Universität. Seine Gegner halten ihn für einen Scharlatan und Blender. Einige Ärzte und ihre krebskranken Patienten jedoch glauben fest an ihn. Die bayerische Justiz sieht in ihm zuvörderst einen schlimmen, renitenten Tierquäler und will ihn einsperren. So extrem die Meinungen über ihn auch auseinanderdriften, eines ist Dirk Weickmann, 46, ganz bestimmt: eine schillernde Figur.

In den vergangenen Monaten beschäftigte der gebürtige Franke, der lange in München lebte, die Schweizer Justiz bis zum höchsten Gericht des Landes, dem Bundesgericht in Lausanne. Das entschied am Mittwoch in letzter Instanz, dass Dirk Weickmann nach Deutschland ausgeliefert wird. Weihnachten verbrachte er bereits in Auslieferungshaft im Kanton Zug. Es ist eine verworrene Geschichte.

Als 15-Jähriger entdeckt Weickmann seinen Faible für Giftspinnen. Mit Untersuchungen über die exotischen Krabbeltierchen gewinnt er Preise beim Wettbewerb Jugend forscht. Später entwickelt er (angeblich patentierte) Verfahren, um den Spinnen ihr Gift abzuzapfen. Aus den gemolkenen Substanzen mixt Weickmann Cocktails, von denen er sagt, sie würden bestimmte menschliche Krebszellen gezielter und für den Organismus schonender vernichten als gängige Chemotherapien.

Sein Verfahren kann das Wachstum von Krebszellen hemmen

Es gibt Ärzte und Patienten, die nach eigenen Angaben Weickmanns Cocktails erfolgreich ausprobiert haben. Das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg fand heraus, dass sein Verfahren das Wachstum von Krebszellen bei Dickdarm-, Bauchspeicheldrüsen- und Hirntumoren um bis zu 20 Prozent hemmen kann. Ein Pharmakologe und Toxikologe des DKFZ sagte im Juli 2004 der SZ, Weickmanns Hypothese von der selektiven Zerstörung kranker Zellen werde "von den bisherigen Ergebnissen nicht widerlegt, sondern gestützt".

Wenig später wurde er von seinem Chef zurückgepfiffen. Es gebe "keine verlässlichen Befunde", so DKFZ-Chef Otmar Wiestler. Sein Verdacht: "Hier soll wieder einmal versucht werden, mit der Hoffnung verzweifelter Krebspatienten Geschäfte zu machen." Damit war die Akte des Krebsforschers Weickmann geschlossen.

Stattdessen öffneten sich solche der Justiz. Dirk Weickmann landete mehrmals vor Gericht und wurde wiederholt als Tierquäler verurteilt. Aus zwei abgeschlossenen Verfahren der Amtsgerichte Böblingen und München muss Weickmann noch knapp 300 Tage Freiheitsstrafe verbüßen. In einem anderen Verfahren vor dem Amtsgericht Ebersberg hat die Staatsanwaltschaft München II 2010 Anklage erhoben. Zugleich wurde Haftbefehl erlassen.

Mittlerweile sei er wissenschaftlicher Attaché von Sierra Leone

Zwischenzeitlich jedoch war Dirk Weickmann in die Schweiz umgezogen und entging so vorerst dem Gefängnis. Im Frühjahr 2014 beantragte das bayerische Justizministerium Weickmanns Auslieferung. Der wehrte sich dagegen mit einer Begründung, die abenteuerlich anmutet. Er sei, so argumentiert Weickmann, seit 2009 wissenschaftlicher Attaché des westafrikanischen Staates Sierra Leone. Mithin sei er damit Diplomat und genieße als solcher Immunitätsstatus.

Tatsächlich taucht sein Name als Vertreter Sierra Leones in einer offiziellen Liste der Unesco auf, die "Permanent Delegations to Unesco" ausweist. Doch daraus ließe sich weder ein Diplomatenstatus, noch eine diplomatische Immunität ableiten, sind sich deutsche und Schweizer Justizorgane einig. Nun soll Weickmann in den kommenden Tagen nach Bayern überstellt werden.

"Wir standen kurz vor dem Durchbruch"

Er selbst erklärte der SZ, im Auftrag der Regierung von Sierra Leone an Malaria-Medikamenten zu arbeiten, die er aus seltenen Pflanzenarten gewinne. "Zigfach" sei er deshalb in der Botschaft des Landes in Brüssel gewesen, habe Vorträge gehalten und zudem in Sierra Leone mit ranghohen Politikern seine Arbeit besprochen. "Wir standen kurz vor dem Durchbruch", behauptet Weickmann. Wir, das ist neben ihm auch seine Lebensgefährtin und Mitarbeiterin, die nun ebenfalls nach Deutschland ausgeliefert wird.

Wobei es bei den hierzulande bereits gesprochenen Urteilen und der neuerlichen Anklage nicht um Spinnen und erst recht nicht um seltene Pflanzen geht. Vielmehr um viele Dutzend Wirbeltiere, um Mäuse, Leguane, Vögel, Reptilien und sogar zwei Alligatoren, die Weickmann (zuletzt in einem Haus bei Grafing) "unter üblen, verheerenden und erbarmungswürdigen Umständen" gehalten haben soll, wie die Sprecher beider Münchner Staatsanwaltschaften sagen. Die Tiere hätten auf engstem Raum dahinvegetiert und seien miserabel versorgt gewesen, wenn überhaupt. Viele seien an den Zuständen verendet. Als Wiederholungstäter droht Dirk Weickmann nun statt wissenschaftlichem Lorbeer eine lange Haftstrafe.