Renaturierung:Wie der Lech wieder dynamisch werden soll

Der Lech ist für den Bund Naturschutz der begradigste, verbauteste und geschundenste Fluss Bayerns - wegen der Wasserkraftwerke. Deren Konzessionen laufen von 2034 an aus, doch es gibt unterschiedliche Meinungen, was danach kommen soll.

Von Florian Fuchs, Augsburg

Mit dem wilden Alpenfluss von einst hat der Lech auf deutscher Seite nichts mehr zu tun. "Er ist der begradigste, verbauteste und geschundenste Fluss in Bayern", sagt Christine Margraf, stellvertretende Landesbeauftragte und Gewässerexpertin beim Bund Naturschutz (BN). Um dem Gewässer wieder mehr Natürlichkeit zurückzugeben, hat der Bund Naturschutz nun ein Zukunftskonzept "Lech 21" erstellt.

Von 2034 an laufen die Konzessionen der vielen Wasserkraftwerke entlang des Flusslaufs ab, aus Sicht der Naturschützer ist das die Chance, dem ehemaligen Wildfluss wieder mehr Dynamik und Leben zurückzugeben. Der Freistaat soll den Energieunternehmen Auflagen zur weiteren Stromgewinnung machen. "Nach Jahrzehnten der Verbauung sind jetzt Jahrzehnte der Renaturierung angesagt", fordert Margraf.

Dies soll auch für Isar, Salzach oder Donau gelten, wo die Wasserwirtschaft bereits begonnen hat, alte Fehler rückgängig zu machen. Der Lech, an dem mit "licca liber" südlich von Augsburg ebenfalls ein großes Renaturierungsprojekt läuft, gerät hier jedoch aus BN-Sicht ins Hintertreffen. Der Grad der massiven Verbauung ist laut Margraf so abschreckend, dass sich mancher kaum rantraut. Das, erläutern die Gewässerexpertin und zahlreiche BN-Ortsbeauftragte, sei aber dringend notwendig.

Der Lech vertieft sich immer weiter, weil kein Kies durch die Staustufen hindurch kommt. Das kann auch Auswirkungen aufs Grundwasser haben. Fauna und Flora haben ohnehin gelitten, zahlreiche Arten sind verloren gegangen. Die wertvollen Auen sind durch Deiche vom Fluss getrennt und siechen damit, wie Margraf es ausdrückt, nur noch vor sich hin. Der Lech habe eine "bundesweit einmalige Funktion als Biotop-Brücke", die es wieder zu verbessern gelte: Nur durch den Fluss schaffen es zahlreiche Arten, sich aus den Alpen heraus in den Norden zu verbreiten.

Der Lech, sagt etwa Folkhart Glaser, Vorsitzender der BN-Kreisgruppe Landsberg am Lech, in dessen Gebiet besonders viele Staustufen aneinandergereiht sind, habe durch die Stauseen seinen Flusscharakter bereits zu einem großen Teil verloren. Er verweist auf Probleme mit der kanadischen Wasserpest, am Mandicho-See im Landkreis Aichach-Friedberg sind vergangenes Jahr Hunde an Blaualgen verendet. "Die Dynamik ist so gut wie gekappt", sagt auch Margraf.

Der Bund Naturschutz hat zahlreiche Verbesserungsvorschläge, die aus Sicht der Naturschützer nun schleunigst politisch und fachlich diskutiert werden müssen, damit der Freistaat rechtzeitig vor Auslaufen der Konzessionen ein Konzept hat: Stauhöhenreduzierungen, Deichrückverlegung, der chemische Zustand des Flusses gehöre verbessert, die Freizeitnutzung gelenkt. Im Wesentlichen kommt es laut Margraf darauf an, das sogenannte Geschiebe wieder möglich zu machen: Der Kies aus den Alpen, den der Wildfluss früher in den Norden transportierte, wird derzeit mit Kieslastern um die Stauschwellen transportiert. "Das kann nicht unser Ziel sein." Der Bund Naturschutz fordert etwa Bypässe, also kleine Flussläufe, die seitlich um die Staustufen herumführen, in denen auch Fische besser aufsteigen können als durch herkömmliche Fischaufstiegshilfen. Lech und Aue sollen zudem durch Quervernetzung wieder verbunden werden, der Lech mehr Dynamik und Raum bekommen. "Unser Konzept sieht einen teils massiven Umbau von Wasserkraftwerken und Staumauern vor", sagt Thomas Frey, BN-Regionalreferent für Schwaben.

Mit massiven Umbauten, vor allem mit dem Rückbau von Wasserkraftwerken tut sich Theodoros Reumschüssel schwer, der das Energieunternehmen Uniper vertritt. Der Stromkonzern ist der größte Betreiber von Wasserkraftwerken entlang des Lechs. Reumschüssel verweist auf zahlreiche ökologische Verbesserungen, die sein Unternehmen an verschiedenen Stellen des Lechs umsetzt und in Planung hat: von Fischaufstiegshilfen, damit etwa die Kieslaicher die Stauwehre auf ihrem Weg flussaufwärts bezwingen können, bis zu kleinen Lösungen wie einem Mähkonzept - entlang des Flusses wird im Zuständigkeitsbereich von Uniper nur dann gemäht, wenn dies für Tiere und Pflanzen am verträglichsten ist. Reumschüssel betont auch, dass Uniper beim Renaturierungsprojekt "licca liber" konstruktiv mitgegangen ist. Die Wasserkraft sei eine klimafreundliche Art der Energiegewinnung, der Forggensee als Kopfspeicher schütze Anwohner auch vor Hochwasser. Allein mit Windkraft und Solarenergie komme man in Bayern bei der Energiewende nicht weit.

Das sieht der Bund Naturschutz anders, der betont, dass die Klimakrise und die Biodiversitätskrise gemeinsam bekämpft werden müssen. Allerdings, sagt BN-Regionalreferent Frey, müsse ein Zielkonzept einen Ausgleich zwischen verschiedenen Interessen finden müssen: Naturschutz, Energieerzeugung, Hochwasserschutz und Freizeitnutzung. "Ich möchte aber betonen, dass unsere Forderungen kein Wunschkatalog an den Freistaat sind", sagt Margraf. Die europäische Wasserrahmenrichtlinie und die europäische Naturschutzrichtlinie verpflichteten Bayern dazu, Gewässer in einen günstigen ökologischen Zustand zu überführen. Die Wasserrahmenrichtlinie gibt es seit 2000, ein guter Zustand auch des Lechs hätte demnach bis zum Jahr 2015 erreicht werden müssen. Eine maximale Fristverlängerung gibt es bis 2027. "Der Freistaat verschiebt das nun schon in die Dreißiger- und Vierzigerjahre", kritisiert Margraf. "Da sagen wir: Da muss jetzt ambitionierter rangegangen werden."

© SZ vom 23.07.2021/vewo
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