Attentat "Wir konnten alle nicht glauben, dass er das getan haben soll"

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Nie war Ansbach zerrissener als an diesem Montag: Hier die Immer-noch-Idylle des 40 000-Einwohnerstädtchens. Menschen sitzen in der Nähe des Tatorts in Straßencafés, als wäre nichts geschehen. Und doch gibt es nicht wenige Leute, die zumindest an diesem Tag eben nicht zur Tagesordnung übergehen wollen. Weil die Gewalt ihr Herz getroffen hat. Eine Woche nach Würzburg, drei Tage nach München, einen Tag nach Ansbach wird vielen Menschen klar: Der Terror kann dich überall treffen. "Nach München habe ich noch gesagt, gut, dass wir in keiner Großstadt studieren", sagt ein Student vor dem abgesperrten Tatort zu seinem Kumpel. "Und jetzt das."

Gleich am Morgen nehmen Ermittler die Unterkunft in Augenschein, in der Mohammad A. seit zwei Jahren lebte. Das "Hotel Christl" an der Richard-Wagner-Straße ist eine in die Jahre gekommene Unterkunft, die seit 2010 nicht mehr als Hotel geführt wird. Am Ende der gelben Schrift auf dem Dach fehlt das L. Seit zwei Jahren leben Asylbewerber in dem Gebäude, 27 Namen stehen auf dem Briefkasten - auch der von Mohammad D.

Mitbewohner beschreiben ihn als ganz normalen Typen. "Wir konnten alle nicht glauben, dass er das getan haben soll", sagt einer von ihnen am Morgen nach der Tat. Gut gekannt habe er ihn nicht; nur ein paar Mal habe man sich in der Küche getroffen. Muslim sei der Mann schon gewesen, sagt der Mitbewohner, "aber ich denke nicht, dass er religiös war". Er habe die Haare schulterlang getragen, manchmal zu einem Pferdeschwanz gebunden.

"Wir wussten in dem Moment nicht: Einzeltäter oder mehrere?"

Als am Abend zuvor das Konzert von Gregor Meyle, der Schlusspunkt der Ansbach Open, abgebrochen wurde, gingen die Besucher zunächst von falschen Voraussetzungen aus. Nach dem lauten Knall hieß es zunächst, es habe eine Gasexplosion gegeben. Kulturreferentin Ute Schlieker ging gegen 22.15 Uhr auf die Bühne und sagte dem Tourneeleiter, das Konzert müsse schnellstmöglich abgebrochen werden. Gregor Meyle verstand offenbar sofort die Situation. Er spielte und sang sein Lied zu Ende, um dann "ruhig und höflich" (so ein Zeuge) das Publikum über eine notwendige Unterbrechung des Konzertes zu informieren.

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Meyle bat die Menschen, sie mögen doch den Platz durch die seitlichen Eingänge verlassen. Der Künstler habe umsichtig reagiert, sagen Augenzeugen. Das habe dazu beigetragen, dass es zu keiner Panik kam. Und das, obwohl Feuerwehr-Einsatzleiter Horst Settler zu diesem Zeitpunkt schon von einem Sprengsatz ausging. "Wir wussten in dem Moment nicht: Einzeltäter oder mehrere?", sagt der Stadtbrandrat. "Das war ein Grund für uns, sofort abzubrechen."

Am Nachmittag treten die parteilose Oberbürgermeisterin Carda Seidel und die Ansbacher Kulturreferentin Ute Schlieker vor die Presse. Sie haben von Sonntag auf Montag jeweils nur drei Stunden geschlafen, "und das nicht gut", wie Seidel sagt. Mit glasigen Augen betreten sie den alten, holzgetäfelten Sitzungssaal im Stadthaus. Mehr als 20 Kamerateams und noch viel mehr Journalisten sind da. Aus Großbritannien, Frankreich, Russland, aus Asien und aus den USA, die US Army hat ein bedeutenden Standort in der Stadt. Die Luft ist extrem stickig, die Hitze lässt die Gesichter der Frauen glänzen.

Vor allem Seidels Aussagen machen klar, dass Ansbach knapp einer noch größeren Katastrophe entgangen ist. "Wir hatten verstärkte Sicherheitsmaßnahmen ergriffen nach München", erzählt die OB. Deshalb seien die Ordnungskräfte für das Ansbach Open verstärkt worden. Eingangskontrolle und Taschenkontrollen wurden verschärft. Hätte der Täter ein Ticket für das Konzert besessen, wäre er an die nächste Kontrollschleuse vorgestoßen, dort, wo die Taschen und Rucksäcke kontrolliert wurden. "Das konnte er beobachten", sagt Seidel, "das hat wohl eine abschreckende Wirkung gehabt."

Am Montag um 16.30 Uhr können die Anwohner in ihre Häuser zurück. Einer von ihnen hat einen Auge verbunden und ein dickes Pflaster am Hals. Er sagt: "Ich habe noch Glück gehabt. Mein Kumpel hat gesehen, wie der Attentäter den Rucksack auf den Boden stellte und streichelte und dann . . ." Er bricht an dieser Stelle ab.

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