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SZ-Serie: Urlaub daheim:Im Land der wilden Ritter

Einen schönen Blick auf Markt Altmannstein haben Nordic-Walker und Wanderer, sobald sie die Burg erreicht haben.

(Foto: Sebastian Beck)

Die Burg in Altmannstein ist zwar nur noch eine Ruine, aber von dort aus führen herrliche Geh- und Radtouren in den Naturpark Altmühltal. Man kann den Spuren der Römer oder einem Teil des Jakobswegs folgen und gerät dabei schnell in einen Nordic-Walking-Flow.

Von Dietrich Mittler, Altmannstein

Freunde funktionsfähiger Festungsanlagen sollten um Altmannstein im Kreis Eichstätt einen großen Bogen machen. Die Burg ist kaputt, der einstmals stolze Bergfried gleicht einem hohlen Backenzahn, und vom ehemaligen Wohnbau, in dem der Burgherr Johann III. von Abensberg zu seiner Zeit auch mal Raubritter beherbergte, sind nur noch klägliche Reste vorhanden. Erst geplündert, schließlich auch noch gebrandschatzt. Zunächst waren es die Nürnberger, die hier im Mittelalter in größerer Anzahl vorbeischauten, um sich für die Überfälle auf ihre Kaufleute zu rächen. Im Zuge des Dreißigjährigen Krieges kamen dann die Schweden. Sie hinterließen einen bleibenden Eindruck. "Erhaltungszustand: Ruine", heißt es dazu lapidar im Online-Lexikon Wikipedia.

Gäste, die in unseren Tagen in der Marktgemeinde Halt machen, finden in der Ortsmitte einen großen Parkplatz vor, von dem aus die Burg gut erreichbar ist. Leicht zu erkennen durch einen mächtigen Maibaum, ist dieser Parkplatz noch heute von strategischer Bedeutung. Weniger nun, um Altmannstein auf ein Neues zu überfallen. Vielmehr aber, um von dort aus zu einer Wanderung aufzubrechen - in diesem Fall ausgestattet mit zwei Nordic-Walking-Stöcken. Vor etlichen Jahren wurden in Altmannstein noch abends Nordic-Walking-Kurse für Touristen angeboten. Doch irgendwann ließ das Interesse nach. Alois Binder, der damalige Kursleiter, hat sich ebenfalls umorientiert: "Mittlerweile sind wir lieber mit unseren E-Bikes unterwegs, weil man da einfach mehr sieht", sagt er.

Die Burg hat ihre saisonalen Öffnungszeiten.

(Foto: Dietrich Mittler)

Über Nordic-Walking ist viel Kluges geschrieben worden. Die Realität ist: Im Grunde macht es fast jeder nach seiner Fasson. Häufig zu sehen sind Menschen, die ihre Stöcke hinter sich herziehen, so als hätten sie hüftlahme Hunde an der Leine. Man könnte hier vom "Doggy-Style" sprechen - mit Blick auf die zwei mitgeführten Stöcke streng genommen sogar von einem "Double-Doggy". Etwas seltener zu beobachten sind Walker, deren sportliche Sozialisation mit schweren Wanderstöcken in den Bergen stattfand. Angesichts des stampfenden Stockeinsatzes sind sie der Gruppe der "Big-Bumper" zuzuordnen. Manchmal sind auch noch Leute unterwegs, die den "Porter-Style" beherrschen. Beide Stöcke werden dabei lässig in einer Hand mitgeführt - sprich getragen. Das wirkt elegant und deutet sportliche Ambitionen an. Bitte beachten: Es bleibt bei der Andeutung.

Dann gibt es aber auch noch diejenigen, die einen Nordic-Walking-Kurs besucht haben, die den korrekten Stock-Einsatz bei aufrechter Körperhaltung beherzigen. Das sind jene, die zu keinem Zeitpunkt vergessen, den nach hinten schwingenden Stock loszulassen und dann - ermöglicht durch eine Handschlaufe - umgehend wieder einzufangen, sobald der Arm wie ein Pendel nach vorne schnellt. Im besten Fall stellt sich dabei ein Flow ein. Sprich: Es fließt.

Auf dem Weg zur Burg Stein erwartet Nordic-Walker allerdings ein physikalisches Problem. Die Fließrichtung verläuft aufwärts. Oben angekommen, wird die Mühe aber mit einem wunderbaren Ausblick auf Altmannstein belohnt. Den zerstörten Bergfried umgeben nun Gebäude, die einer Burg nachempfunden sind - bewohnt von Privatleuten. Jeweils vom 1. April bis zum 31. Oktober ist die Besichtigung der Burganlage möglich, von zehn bis 19 Uhr.

Zurück zum Parkplatz ließe sich auch jener Pfad nutzen, der mit Kunstwerken bestückt ist. Aber dem Seelenfrieden von nicht trainierten Nordic-Walkern kommt die Burg-Stein-Gasse weit mehr entgegen, die den einstigen Kalvarienberg hinabführt. Ein Holzschild linker Hand macht auf zwei Kapellen aufmerksam. Ist der Riegel am Gartentor aufgeschoben, fällt der Blick sofort auf eine gruftartige "Oase der Stille" mit dem Schmerzensmann im Zentrum. Betstühle laden zum Verweilen ein. Aber nicht nur die: "Ruah di ah bisserl aus", steht auf einer Steintafel geschrieben. Gewissermaßen handelt es sich hier um eine himmlische Empfehlung, der unbedingt Folge zu leisten ist.

Mental gestärkt, gleicht der Rückweg zum Parkplatz nun einer Meditation. Doch dort hat man die Qual der Wahl. Durch Altmannstein führt der Schambachtalbahn-Radweg entlang der einstigen Lokalbahn-Strecke von Ingolstadt nach Riedenburg. Zudem findet sich auf einer Tafel der Hinweis auf einen Hopfenlehrpfad. Touristen könnten überdies auf der Rad-Wanderstrecke "Via Raetica" den Spuren der Römer folgen. Und der Ostbayerische Jakobsweg verläuft ebenfalls durch die Marktgemeinde.

Davon zeugen Wegkreuze, an denen mit Sicherheit jeder vorbeikommt, der auf der Suche nach dem favorisierten Pfad durch die Ortschaft irrt, im Wald landet und plötzlich vor Respekt einflößenden Felsen steht, die sich aus dem feuchten Laub erheben. Hier hilft mitunter nur noch der "Big-Bumper-Style", um da sicher wieder rauszukommen. Eine gründliche Tourenplanung ist also angeraten, zum Beispiel im Internet unter www.komoot.de - Stichwort "Wandern rund um Altmannstein".

Durch das Tal der gemächlich dahinfließenden Schambach führt ein Radlweg.

(Foto: Dietrich Mittler)

Kenner der Gegend empfehlen bei gutem Schuhwerk den naturnahen 15-Kilometer-Rundgang auf dem Wanderweg Nummer 4 zum Ursprungsweiher der gemächlich dahinfließenden Schambach. Für alle jedoch, die auf nahezu ebener Strecke den Nordic-Walking-Flow erleben wollen, sei der asphaltierte Schambachtalbahn-Radweg empfohlen. Auch deshalb, weil sich auf diesem Radweg wirklich niemand verlaufen kann. Rechts geht es hin zum Ortsteil Hexenagger mit seinem Schloss und der historischen Waffenschmiede, dann weiter nach Riedenburg. Links kommt man nach Ingolstadt, vorbei an einem alten Fußballplatz. Wenig weiter, im Ortsteil Sollern, benebelt der Geruch von Waldpilzen die Sinne. Willkommen im Naturpark Altmühltal, wer es noch nicht bemerkt hat. Heißt: Flussauen, Wiesen, Wälder. Nicht zu vergessen das Mühlrad im Ortsteil Neuenhinzenhausen.

Spätestens jetzt stellt er sich ein, der Nordic-Walking-Flow. Wer denkt da noch an die streitbaren Bürger, die einst die Schweden davon abhielten, Neuenhinzenhausen zu zerstören? Zu sehr lockt bereits das nahegelegene Sandersdorf mit seinem unterhalb vom Schloss gebrauten Bier. Auch muss man den ganzen Weg ja wieder zurück - und das hoffentlich nicht völlig entkräftet im "Doggy-Style".

Oper und Rokoko

München hat als großen Komponisten Richard Strauss. Aber Altmannstein, Marktgemeinde im Kreis Eichstätt, kann sogar mit dem "Vater der italienischen Oper" aufwarten: Johann Simon Mayr, geboren im Juni 1763 im Ortsteil Mendorf. Auch der Rokoko-Künstler Ignaz Günther wurde in Altmannstein geboren. Ihm ist im Ortszentrum eigens ein Museum gewidmet, je nach Vereinbarung geöffnet sowie sonntags von 10.30 bis 12 Uhr - sofern es die Pandemie zulässt. Im Marktmuseum wiederum kommt die bewegte Geschichte Altmannsteins zum Zug. Dort wird zudem an Johann Simon Mayr erinnert. Mehr dazu erfahren Besucher beim Fremdenverkehrsamt, Telefon 094 46/902 10. dm

© SZ vom 04.06.2021/lfr
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