Besuch in Addis Abeba Ein zartes Pflänzchen namens Afrikapolitik

Markus Söder pflanzt am ersten Tag seiner ersten großen Auslandsreise in Äthiopien einen Baum für das Projekt ´Kirchenwald" zur Aufforstung und nachhaltigen Nutzung.

(Foto: dpa)
  • Bayerns Ministerpräsident Markus Söder will die Zusammenarbeit des Freistaats mit Afrika vertiefen.
  • Das unterstrich er bei seiner ersten großen Auslandsreise im Amt, die ihn nach Äthiopien führte.
  • Die Grünen hatten vorab den Fokus auf Wirtschaftsthemen kritisiert und eine Teilnahme an dem Besuch abgelehnt.
Von Katja Auer, Addis Abeba

Kaum ist das afrikanische Olivenbäumchen gepflanzt und fachgerecht gewässert, muss eine kleine Spitze sein. "Das lassen sich die Grünen entgehen", sagt Ministerpräsident Markus Söder. "Hier hätten sie Bäume pflanzen können." Er steht im Kirchenwald Bole Bulbula am Rande von Äthiopiens Hauptstadt Addis Abeba und kümmert sich um den Naturschutz. Diesmal nicht daheim in Bayern. Es ist Söders erste große Auslandsreise, dass sie nach Afrika führt, soll ein Zeichen sein. Für neue Schwerpunkte, für eine engere Zusammenarbeit. Ein "neues Kapitel" will Söder aufschlagen. Die Grünen hätten dabei sein können, doch Fraktionschef Ludwig Hartmann hat abgesagt. So bleibt der Kirchenwald samt heiliger Quelle allein Söders Bühne.

Ein "zartes Pflänzchen" ist sie noch, die Afrikapolitik der Staatsregierung, Söder bleibt da im Bilde. Die Reise ist breit angelegt, weil "alles mit allem zusammenhängt", es geht um erste Kontakte, ums Kennenlernen. Und natürlich um Bilder, in der Hinsicht ist Söder ja bereits fest verwurzelt. Also steht er da zwischen Kindern und äthiopisch-orthodoxen Priestern, die Blumen in Zellophan noch in der Hand, landestypisch beschirmt und wippt zu den Gesängen ein bisschen mit.

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In Äthiopien kümmern sich gerade die Kirchen um den Klimaschutz, sie pflegen eigene Kirchenwälder, die ihnen als heilig gelten, und bewahren sie so vor der Abholzung. Es sind nur noch Reste im einst waldreichen Äthiopien, in den vergangenen Jahrzehnten sollen etwa zwei Drittel der Wälder verschwunden sein. Erosion ist die Folge, die zusammen mit langen Dürreperioden und steigenden Temperaturen den Lebensraum in dem nach wie vor sehr armen Land bedroht, in dem viele Menschen von der Landwirtschaft abhängig sind. Mehr als 100 Millionen Menschen leben in Äthiopien, zwei Drittel davon jünger als 25 Jahre, die Bevölkerung wächst.

Die Technische Universität München forscht in den Kirchenwäldern, um die geeigneten Baumarten für die Aufforstungen zu identifizieren. Die Staatsregierung will das Projekt in den kommenden drei Jahren mit 250 000 Euro unterstützen. "Der Klimawandel ist eine große Herausforderung", sagt Söder. "Der Wald ist eine Antwort."

Klimaschutz und Kirche, die Themen könnten sich kaum besser fügen. Nicht erst seit dem umstrittenen Kreuzerlass betont Söder seine christliche Prägung. Und zeigt sie gerne. Also Schuhe aus und hinein in die Kirche St. Michael aus Wellblech und bunten Heiligenbildern und versonnen in die Kerzen geblickt. Er bekommt ein Kreuz geschenkt, es wird nicht das letzte bleiben an diesem Vormittag, Äthiopien ist stark geprägt von der orthodoxen Kirche, früh morgens sind schon die Gesänge der Messen zu hören, in der österlichen Fastenzeit können sie besonders lange dauern.

Von Söders Kreuzerlass weiß hier freilich keiner, spätestens beim dritten Kreuzgeschenk allerdings möchte man kurz daran zweifeln.

In der German Church School, der deutschen Kirchenschule, wird Söder vom Chor mit der Bayernhymne empfangen. Ein weißer Schal als Gastgeschenk, noch ein Kreuz, eine traditionelle Kaffeezeremonie, ein paar Kinder präsentieren ihre Künste im Kampfsport. "Ich weiß jetzt, warum Gerd Müller den Job so gerne macht", sagt Söder über seinen Parteifreund, den Entwicklungsminister, der in die Vorbereitungen für die Reise eingebunden gewesen sei. Die Arbeit der Schule, an der Kinder mit und ohne Behinderung gemeinsam unterrichtet werden, will Bayern künftig unterstützen - mit dem Bau einer Solaranlage, damit der Schulbetrieb auch bei den häufigen Stromausfällen in der Hauptstadt weitergehen kann. Eine Sonne symbolisiert das Geschenk, Gruppenfoto mit Kindern, Direktor, Ministerpräsident.

"Ein neues Kapitel der Beziehungen zwischen Europa und Afrika"

Kirche, Umwelt, Schule, das ist freilich nicht alles, die Wirtschaft soll eine wichtige Rolle spielen bei den künftigen Beziehungen. Mit einer konkreten Anlaufstelle in Äthiopien. Deswegen eröffnet Söder das erste Afrikabüro des Freistaats, das bayerische Unternehmen bei Investitionen und Geschäften in Afrika unterstützen soll. "Wir brauchen ein neues Kapitel der Beziehungen zwischen Europa und Afrika", sagt Söder. Selbstredend, dass Bayern da eine wichtige Rolle spielen soll. Das Afrikabüro, das nun das weltweite Netzwerk bayerischer Vertretungen und Anlaufstellen ergänzt, soll nichts weniger sein als "der Mittelpunkt einer groß angelegten Strategie".

Söder bekommt einen Schraubenzieher gereicht und schraubt das neue Türschild noch ein wenig fester, die vier Hinterberger Musikanten aus dem Inntal spielen Blasmusik, die Fotografen drücken ab.

Derweil läuft ein bayerisch-äthiopisches Wirtschaftsforum, denn gleichzeitig mit Söder weilt eine Wirtschaftsdelegation in Addis Abeba, angeführt von Wirtschaftsstaatssekretär Roland Weigert (FW). 40 Unternehmensvertreter sind angereist, es sollen Kontakte geknüpft und gepflegt werden. Das Interesse ist offensichtlich groß, etwa 300 Teilnehmer treffen sich beim Wirtschaftsforum. Die Grünen hatten diese wirtschaftlichen Schwerpunkt zuvor kritisiert. Zwar sei das Reiseziel richtig, Zeitpunkt und Intention allerdings nicht. "Wenn es wieder einmal nur darum geht, ein afrikanisches Schwellenland als Absatzmarkt für die bayerische Wirtschaft zu erschließen, werden alte Fehler wiederholt", hatte Hep Monatzeder, der entwicklungspolitische Sprecher, mitteilen lassen.

Söder lässt das nicht gelten, die Grünen-Kritik ärgert ihn sichtlich. Vielmehr stärke eine starke Wirtschaft die Demokratie. Ein Reformland nennt er Äthiopien immer wieder, das seit dem Amtsantritt des jungen Regierungschefs Abiy Ahmed vor einem Jahr zum Stabilitätsanker für ganz Ostafrika werden könne.

Als solcher erweist sich unterdessen auch Söders Koalitionspartner, wenigstens die Freien Wähler flankieren die Reise mit warmen Worten. "Afrika ist der Kontinent, der uns emotional am nächsten ist", ließ FW-Fraktionschef Florian Streibl wissen. Der Kolonialismus habe dort schwere Schäden angerichtet. Es sei richtig, dass Bayern "Hilfe für die wirtschaftliche und politische Stabilisierung leistet".

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