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SZ-Werkstatt Demokratie:Sehnsucht nach dem Wir-Gefühl

Ideen aufzuschreiben hilft, verschiedene Ansichten deutlich zu machen - wie bei der Werkstatt Demokratie.

(Foto: Jessy Asmus)

Zukunft Europas: Im Haus der Berge in Berchtesgaden diskutieren SZ-Leser über Probleme in der EU - und entwickeln Lösungsideen.

"Wie finden Sie Europa?" Auf diese Frage hin verteilen sich 54 Menschen im Raum. Auf der einen Seite eine Frau, die über die EU sagt: "Geht gar nicht." Auf der anderen Seite eine Gruppe, die "Wir sind die Ultras" ruft. "Soziometrie" nennt sich die Übung zu Beginn der Veranstaltung der Werkstatt Demokratie. Ob Ultras oder Skeptiker, die Teilnehmer sind sich einig: Irgendetwas muss sich grundlegend ändern in Europa. Nur was? Über die Frage "Europas Zukunft - in welcher Heimat wollen wir leben?" diskutieren sie auf Einladung der Süddeutschen Zeitung und der Nemetschek-Stiftung am Samstagnachmittag in Berchtesgaden.

Für diese Frage haben sich SZ-Leser in einer Online-Umfrage entschieden. In den vergangenen Wochen hat die SZ versucht, Antworten dazu zu recherchieren. Die Abschlussveranstaltung findet nun nahe der Grenze zu Österreich statt: im Haus der Berge, dem Informationszentrum des Nationalparks Berchtesgaden. Die Teilnehmer sind teils von weit her und aus vielen Richtungen angereist. Das zeigt eine Übung, bei der sich alle ihrem Wohnort entsprechend im Raum verteilen und eine Art Mini-Europa bilden sollen. Etwa ein halbes Dutzend wohnt in Österreich. Am anderen Ende steht ein Student im Sweatshirt, er ist aus den Niederlanden. Nahe dem Fenster mit Blick auf die Berge bilden zwei Männer den Raum Rhein-Ruhr.

Dieser Artikel gehört zur Werkstatt Demokratie, ein Projekt der SZ und der Nemetschek Stiftung. Alle Beiträge der Themenwoche "Heimat Europa" finden Sie hier, alles zum Projekt hier.

Um die Frage nach Europas Zukunft drehen sich zunächst zwei Impulsvorträge, deren Redner kaum unterschiedlicher sein könnten: Die Politikwissenschaftlerin Doris Wydra blickt kritisch auf die EU und beklagt das Demokratiedefizit, das ein grundsätzlich neuer Aufbau der Institutionen lösen müsse. Nach Wydra tritt Weltstar Martin Grubinger mit einem "Grüß Gott" vors Publikum. Der Perkussionist aus Salzburg plädiert für die "Vereinigten Staaten von Europa" und findet: "Wir bräuchten einen viel stärkeren europäischen Geist." Demokratie und Geist also. Was fehlt noch? Die Teilnehmer kommen in ihren Gruppen-Workshops zu ähnlichen Ergebnissen: Es fehlen Transparenz, eine gemeinsame Vision und ein "Wir-Gefühl".

"Ich finde Europa zu kompliziert, ich versteh's nicht: Was wähle ich, was verändert meine Wahl. Dabei lese ich viel Zeitung", sagt eine junge Frau. Die Umsitzenden nicken und brummen zustimmend. An einem der Nebentische sagt ein ehemaliger Sozialkundelehrer über die EU: "Zurzeit habe ich das Gefühl: Die Entwicklung stagniert." Die Gefahr sei doch, sagt eine Frau, "dass wir auf Stereotype zurückfallen. Das darf uns nicht passieren." Auf der Suche nach Lösungen wird die Debatte lebhafter und konkreter. Die Vorschläge reichen von einem neuen Müllentsorgungssystem über einen gemeinsamen Feiertag bis zu einem europäischen Digitalkodex.

Die jeweiligen Überlegungen werden dem Plenum optisch präsentiert. Eine Gruppe schlägt transnationale Kandidatenlisten bei der Europa-Wahl, Entscheidungen im Mehrheits- statt Einstimmigkeitssystem im Rat und mehr Europa im Bildungssystem vor und erhält spontanen Applaus und Zustimmungsrufe. Die Atmosphäre ist aufgekratzt, fast ein bisschen euphorisch. Eine weitere Gruppe will die EU-Revolution mit einem "Marsch nach Brüssel" anstoßen. Zu dem kommt es wohl nicht so bald, aber zumindest versprechen die Teilnehmer einander, dass sie Kontakt halten und sich weiter austauschen wollen.

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