Weltverkehrsforum Wie die Lemminge

In Leipzig beraten Experten und Politiker aus 34 OECD-Staaten darüber, ob das Auto noch eine urbane Zukunft hat.

Von Joachim Becker

Am Reißbrett lässt sich gut träumen: Stadtplaner sinnen schon lange auf Abhilfe gegen den Verkehrsinfarkt. Als Alternative zu verstopften, autogerechten Kommunen entwerfen sie voll vernetzte Online-Communitys.

Alle gegen einen, einer gegen alle: Hat sich früher die Stadt dem Auto angepasst, könnte es bald umgekehrt sein.

(Foto: Rainer Unkel)

Bevölkert werden diese "Smart Cities" von einem neuen Menschentypus. Großstadtindianer sollen mit Smartphones in der Hand ständig wechselnden Fährten folgen. Die Kinder der Jahrtausendwende ("Millennials") werden spontan Autos mieten und wieder stehenlassen, wenn sie ihr Ziel auf anderen Wegen schneller erreichen.

Bis 2030 soll ein digitaler Tsunami die Ampeln, Verkehrszeichen und Parkplätze fortspülen: "Parkende Autos sind totes Kapital. Ich stelle mir Elektroautos vor, die wie Taxis ständig in Bewegung sind", so Jürgen Mayer H. Mit seiner Vision vom "individualisierten Massentransportmittel" gewann er den Audi Urban Future Award 2010.

Die Diskussion über Datennutzung und -eigentum zog sich wie ein roter Faden bereits durch das Weltverkehrsforum 2010. Der nichtöffentliche Kongress ist die wichtigste Plattform für Verkehrsexperten und Politiker der 34 OECD-Staaten (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung).

Von Mittwoch an bietet Leipzig wieder Gelegenheit, die richtigen Fragen und Weichen für die Zukunft zu stellen. Unter dem Leitthema "Verkehr und Gesellschaft" werden rund 1000 Fachleute auf dem Weltverkehrsforum 2011 über sozial verträgliche Mobilität beraten.

Gerade im Hinblick auf vernetzte Städte müssen Politiker auch bedenken, wer die Spinne im Netz sein könnte: Wer erfasst künftig alle Bewegungsprofile und wer darf damit Geschäfte machen? Werden riesige Datenkraken wie Google die total vernetzte mobile Gesellschaft am Ende kontrollieren?

"In der Vergangenheit haben sich Städte dem Auto angepasst. Wir glauben, dass es in Zukunft andersherum sein wird: Das Auto wird sich an die Stadt anpassen", sagt Audi-Vertriebsvorstand Peter Schwarzenbauer, "das Auto ist heute ein bestimmender Faktor im Stadtbild, in seiner Funktion aber im Prinzip völlig isoliert. In der Zukunft wird sich das Auto einbringen und intensiv vernetzen."

Technisch machbar sind solche Car-to-Car- und Car-to-Infrastructure-Lösungen schon heute - aber wird die Masse der Autos geringer, wenn sie besser vernetzt sind? An dieser simplen Frage krankt auch die Diskussion über Elektromobilität: Es hat keinen Sinn, die weiter wachsende Fahrzeugflotte lediglich zu elektrifizieren. Denn dann stehen wir eben lokal emissionsfrei im Stau.

Verkehr: Vision 2050

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