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Verkehr in der Smart City:Singapur akzeptiert keine Auto-Neuzulassungen mehr

Deshalb wird in der asiatischen Metropole schon seit 2016 die autonome Zukunft des Verkehrs erprobt. Im eigens für Start-ups und Forschungsfirmen gegründeten Stadtteil One-North sind selbststeuernde Testwagen ganz alltäglich. Spätestens 2022 sollen fahrerlose Busse, Lkw und Robotertaxis in den Regelbetrieb übergehen. Denn bei den Privat-Pkw sieht sich Singapur am Kapazitäts-Limit. "Zwölf Prozent der Fläche werden schon jetzt für Straßen und ihre Infrastruktur genutzt, und mit 14 Prozent kaum mehr für Wohnungen. Mehr Straßen können wir nicht bauen", sagt Wee Shann Lam, Direktor für Technologie und Industrie-Entwicklung der Land Transport Authority (LTA).

Bereits vor rund 20 Jahren hat Singapurs Regierung die Fahrzeug-Zulassungszahlen beschränkt. Vor 15 Jahren wurde zudem das Electronic Road Pricing (ERP) eingeführt. Bei dem elektronischen Mautsystem wird vollautomatisch bezahlt, der Betrag variiert je nach Uhrzeit. Trotz der Maut-Einnahmen akzeptiert die Verkehrsbehörde keine Neuzulassungen mehr über die bestehenden 600 000 Autos hinaus. Stattdessen wird die öffentliche Pkw-Nutzung im Stadtstaat gefördert: "Wir glauben, dass uns selbstfahrende Fahrzeuge im öffentlichen Nahverkehr sehr helfen werden", betont Lam. "Daher sind geteilte und öffentliche autonome Fahrzeuge unser erster Ansatzpunkt."

Mobilität der Zukunft Singapur führt die Auto-Obergrenze ein
Verkehr

Singapur führt die Auto-Obergrenze ein

In dem Stadtstaat darf jetzt nur dann ein neues Auto zugelassen werden, wenn ein altes verschrottet wurde. Statt Empörung auszulösen, findet die neue Regelung Zustimmung in der Bevölkerung.   Von Arne Perras

2022 will Singapur eine "Smart Nation" sein

Parallel zu den Pilotprojekten arbeitet Singapur an der intelligenten Nutzung von Fahrzeugdaten. Und nicht nur das. Seit dem vergangenen Jahr arbeiten 300 Digitalisierungsexperten von Siemens an einer Cloud-basierten Plattform für die "Smart Nation Singapur". Nach den Worten von Siemens-Chef Joe Kaeser soll dort bis 2022 das führende voll integrierte urbane Ökosystem der Welt entstehen. Wer die Stadt als lebendigen Organismus begreift, muss alle Vitalwerte in Echtzeit kennen und steuern. Deshalb will Singapur die Daten aus Industrie, Energieversorgung und Verkehr zusammen führen. Ein hoch integriertes Betriebssystem statt der babylonische Sprachverwirrung zwischen verschiedenen Datenquellen.

Wie weit der Weg zur Umsetzung dieser Vision ist, lässt Hamburgs "Verkehr 4.0"-Projekt ahnen: "Teilweise sind die Mobilitätsdaten nicht flächendeckend vorhanden und/oder liegen nicht in digitalen Standardformaten vor. Viele Informationen sind keine Echtzeit-Informationen und müssen aufwendig und mit großem personellem und finanziellem Aufwand erhoben und weiter bearbeitet werden", hält das Hamburger Strategiepapier selbstkritisch fest.

In Sachen Stau spielen die deutschen Städte in der ersten Liga

Die Folgen kann jeder am eigenen Leib erfahren: Deutsche Autofahrer verbringen immer mehr Zeit im Stau. Spitze bleiben zwar die Leidensgenossen in Los Angeles mit einer durchschnittlichen Wartezeit von 102 Stunden vor Moskau und New York mit jeweils 91 Stunden pro Jahr. Das zeigt eine Inrix-Studie, die 1360 Städte und 38 Länder vergleicht. München und Hamburg folgen mit 51 beziehungsweise 44 Stunden im globalen Ranking erst auf Platz 76 und 81. Die staureichsten Städte der Erde sind aber meist Mega-Cities, neben denen selbst Paris und London zierlich wirken. Zieht man die jeweilige Gesamtfahrtzeit heran, dann spielen deutsche Städte in der ersten Liga: Während die Bewohner von Los Angeles lediglich 12 Prozent ihrer Fahrzeit im Stau verbringen, sind es in Paris und London 13 Prozent. München und Hamburg schneiden mit 16 und 14 Prozent noch schlechter ab.

Die Vitalwerte des Verkehrssektors in Deutschland sind schlecht und werden nicht besser. Das hatte 2017 laut Inrix direkte und indirekte Kosten durch Staus in Höhe von 80 Milliarden Euro zur Folge. Umgerechnet entspricht das 1770 Euro pro Fahrer. Noch erschreckender ist der kontinuierliche Anstieg der Stauzeit in den meisten Großstädten. Besserung ist nicht in Sicht. "2050 wird es mehr als sechs Milliarden Großstadt-Einwohner geben, doppelt so viele wie heute. Der urbane Verkehr wird sich bis dahin verdreifachen", warnt Rolf Bulander, Vorsitzender des Bosch-Bereichs Mobility Solutions. Schneller als im angestammten Autogeschäft wächst der weltweit größte Zulieferer mit zahlreichen technischen Lösungen für staugeplagte Städte mit schlechter Luft. Zumal die Gewinn-Margen bei solchen Produkten und Services viel höher liegen als in der blechbiegenden Industrie.