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Tesla Model 3 im Alltagstest:Er fährt und fährt und fährt

Tesla Model 3

Das Tesla Model 3 hat maßgeblich dazu beigetragen, dass die Kalifornier insgesamt bereits eine Million Elektrofahrzeuge produziert haben.

(Foto: picture alliance / dpa)

Der Testfahrer, der sonst nicht allzu viel mit Autos zu tun hat, war zunächst skeptisch. Zwei Wochen mit dem Tesla Model 3 haben ihn jedoch elektrisiert.

Das extragroße Tablet rechts vom Lenkrad weist den Weg: Jetzt runter von der Autobahn und ein paar Kilometer durch den märkischen Kiefernwald, dann links, zweimal rechts, eine Schranke versperrt den Weg. Das Navi-Display verrät den vierstelligen Code, mit dem sich die Barriere öffnet und der Wagen auf die 14 Ladestationen zusteuern kann. Sie sind rot, mit dem Namen Tesla beschriftet und heißen "Supercharger"; das Wort bitte jetzt merken, denn das kennt jeder Teslafahrer. Sechs Säulen ("Stalls") sind bereits belegt. Auf der Fahrt hierher wurde kein einziger Tesla gesichtet, jetzt parkt gleich ein halbes Dutzend in Reih und Glied, Schnauze nach vorne, hinten links das Stromkabel angeschlossen. Alle anderen bisher verfügbaren Modelle des kalifornischen Autobauers sind bereits vertreten, nun also auch das Model 3, seit einem Jahr auch in Deutschland zu haben, 4,60 Meter, der Einstieg in die Mittel- und Oberklasse.

Jetzt aussteigen, Stecker anschließen, fertig. Die Technik erkennt das Auto und weiß, wo die Ladekosten abzubuchen sind. Empfohlen wird, sich nun ins nahegelegene Gasthaus zu begeben, auch den Zahlencode für die Waschräume verrät gelegentlich das Tablet, eine Kleinigkeit essen, Kuchen gäbe es auch in der Reha-Klinik schräg gegenüber. Die Realität ist, dass die meisten Tesla-Fahrer hinter dem Lenkrad sitzen bleiben, Blick nach vorne oder Augen zu. Gelegentlich, wie hier vor den Toren Berlins, steht man gemeinsam herum und fachsimpelt; die SZ-Testfahrwochen lagen ja "vor Corona", als man sich noch unbeschwert nahekommen durfte.

12 Elektroautos

haben die Redakteure der SZ in den vergangenen Wochen einem intensiven Praxistest unterzogen - vom BMW i3 über den Nissan Leaf bis hin zum Nissan e-NV 200. Dabei stand weniger die Frage im Vordergrund: Was kann das Auto technisch? Vielmehr ging es um Antworten auf folgende Fragen: Wie alltagstauglich ist die E-Mobilität? Taugen die Fahrzeuge für die tägliche Fahrt zur Arbeit? Kommt eine Familie damit klar? Und ist auch mal eine Fahrt in den Urlaub über längere Distanzen möglich? Redakteurinnen und Redakteure aus sämtlichen Ressorts der SZ haben die Fahrzeuge im Alltag getestet - und werden in dieser Serie in loser Folge über ihre Erfahrungen berichten. Die Testfahrten wurden vor den staatlichen Kontaktsperren zur Abwehr des Coronavirus durchgeführt.

Fast immer geht es um das Auto, das alle zusammenbringt, um Fahr- und vor allem Ladeeigenschaften. Bis zu welchem nächsten Supercharger soll es gleich weitergehen, mit welcher Geschwindigkeit, das sind so die Fragen. Das Model 3 ist ein dankbares Gesprächsthema, es hat mit fast 500 Kilometer Reichweite, bei dezenter Fahrweise, einen fernreisetauglichen Radius. Für München - Berlin ist gerade ein Stopp nötig. Mit einem BMW i3 dagegen, sorry nach München, traut man sich ja besser kaum aus der Stadt raus.

Die Bayerischen Motorenwerke kann man an dieser Stelle ruhig mal nennen, denn deren oberster Chef pflegt gerne darauf hinzuweisen, wie wenig Rendite Tesla bisher macht. Und auch an Begegnungen mit Daimler-Managern erinnert man sich gut, die sich über die Konkurrenz aus USA königlich amüsieren konnten. So war das eben noch vor gar nicht langer Zeit: Autos bauen, das macht den Deutschen niemand vor, schon gar nicht ein großkotziger, kiffender gebürtiger Südafrikaner aus der Bay Area in Kalifornien. Und war man nicht selbst eher enttäuscht, als man vor Jahren Elon Musks Tesla-Produktion in Fremont bei San Francisco inspizierte, stoisch dem unerträglichen Selbstlob bei der Factory-Tour lauschte und mit verstohlenem Blick die Produktionslinien mit denen der deutschen Hersteller verglich und gedanklich verwarf?

Stimmt ja auch, bis heute, dass Tesla nicht wirklich deutsche Designnormen erfüllt. Der erste Blick ins Cockpit ist eine Enttäuschung, und sitzt man dann drin, wird es nicht besser. Das Interieur ist, na ja, aufgeräumt: vorne zwei Sitze, ein Lenkrad, zwei Schalter (Start und Blinker). Ein Armaturenbrett ohne Armaturen in billig wirkender Kunststoffanmutung über die gesamte Breite gezogen, der Bildschirm lieblos in die Mitte geknallt, während der Fahrt wegen der Ablenkungsgefahr gewöhnungsbedürftig zu bedienen. Das Gerumpel der Straße überträgt sich ungedämpft in den Innenraum, bei hoher Geschwindigkeit wird es recht laut.

"Es ist eben eine Batterie, auf die man ein Auto draufgeschraubt hat", sagt der Sohn auf dem Beifahrersitz, aber diese Batterie hat es in sich, sie hält und hält und hält. In der Stadt muss man die üblichen Ladestationen nutzen, aber man freut sich auf die nächste Autobahnfahrt, wenn man wieder den, hurra, Supercharger ansteuern kann: Im Moment ist kein anderes System so leistungsfähig. Fremdmarken sind hier ausgeschlossen, das ist, okay, unfair, garantiert aber freie Kapazitäten. 30 Minuten, 300 Kilometer, die Zeit reicht locker, wütende Fahrberichte anderer Automarken-Tester zu lesen, die nur mit Reststrom ans Ziel kamen oder Säulen vorfanden, an denen sie verzweifelten.

Tesla unveils Model 3

Die leere Straße vor dem Tesla Model 3 wirkt wie eine Vorahnung, während des Tests herrschte aber noch normaler Straßenverkehr.

(Foto: picture alliance / dpa)

Dafür monieren Tesla-Kritiker, dass die Kalifornier lieblos produzieren, mag sein. Tatsächlich ist das Spaltmaß zwischen Kofferraumdeckel und Chassis rechts etwas schmaler als links; da muss man allerdings sehr genau hinsehen. Gerne wird erzählt, dass der Lack an den Rändern großer Flächen sich verdickt, was deutsche Hersteller dadurch vermeiden, dass sie die Bleche am Rand leicht dünner fertigen. Die Mühe macht Tesla sich nicht, aber mal unter uns: Warum auch?

Wegen des Preises, entgegnet jetzt womöglich der Automobil-Liebhaber: Selbst der kleine Tesla hier, der ja "nur" einem 3er BMW oder C-Klasse Mercedes entspricht, kostet ab 50 000 Euro, dafür gibt es lange Lieferzeiten, und der Service ist lausig. Und er sieht ja nicht mal edel aus, das Model 3 könnte glatt ein Japaner sein, oder schlimmer noch: ein Opel. Aber Leute, darum geht es ja gerade: Es ist eben kein Dingsda, sondern ein Tesla! Zu erkennen am T-Logo, das das Teilstück eines E-Motors symbolisiert, passt. Erst 2003 gegründet, hat die Marke längst Kultstatus, und wer aus dem Bekanntenkreis wollte nicht alles im SZ-Testwagen mitfahren?

Tesla Charges to Top Slot As 2013 Plug-In Electric Sales Leader

Vorsprung durch die Tesla-Ladeinfrastruktur: An den firmeneigenen Zapfstellen klappt das Stromtanken problemlos, was man im sonstigen Ladesäulen-Durcheinander nicht immer behaupten kann.

(Foto: Bloomberg)

Fahren also: Das leichte Losrollen in kompletter Stille vergisst der bisherige Benzinfahrer nicht mehr. Gut, das haben E-Autos so an sich, aber schon der ungeheure Zug aus dem Stand, der einen, wenn man's wirklich wissen will, in die Sitze drückt wie bei einem Raketenstart, ist Tesla-like ("eine Waffe", kritisiert der Kollege, der mal fahren durfte), die Steuerung übers Tablet ist dem digitalen Zeitalter angemessen: Navigation, Multimedia - auf dem großen Bildschirm ein Traum. Selbstverständlich wird die Software regelmäßig automatisch upgedatet, beim Datenschutz ist der Teslafahrer entspannt, der Autopilot liegt bei Level 2+ und ist vorbereitet für Level 5, also volle Autonomie ohne Fahrer; so wird's kommen.

Dies ist, vielleicht muss man jetzt mal klarstellen, kein von Tesla bestellter Artikel, kein Dankeschön für zwei wunderbare Testwochen, im Gegenteil: Gestartet wurde voller Vorurteile - nur haben die sich rasch verflüchtigt. Der emotionale Sog war einfach zu stark, die digitale Konzentriertheit dieser Ikone aus dem Silicon Valley ist einfach zu cool. Und so blieb am Ende, als der Tesla ein letztes Mal auf den Parkplatz glitt, der Fahrer ausstieg und mit der Chipkarte verriegelte: ein Gefühl von Wehmut.

Hinweis der Redaktion

Ein Teil der im "Mobilen Leben" vorgestellten Produkte wurde der Redaktion von den Herstellern zu Testzwecken zur Verfügung gestellt und/oder auf Reisen präsentiert, zu denen Journalisten eingeladen wurden.

© SZ vom 04.04.2020/edi/reek

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