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BMW i3 im Alltagstest:Verbrenner war gestern

Mach' auf die (an der C-Säule angeschlagene) Tür: Der BMW i3 ist das in Deutschland derzeit am zweithäufigsten verkaufte E-Auto.

(Foto: Wilfried Wulff / BMW)

Unser Autor hat über längere Zeit einen BMW i3 im Alltag getestet - und dabei erfahren, dass das Dasein als automobiler Ökoheld viel Geduld und Mühe erfordert. Aber es lohnt sich.

Die Ampel springt auf grün. Prompt - typisch Mann - drückt der rechte Fuß fest aufs Gas. Wie auf einem Energiestrahl drängt das Auto vorwärts, nach sieben Sekunden zeigt der Tacho 100. Da ist kein Turboloch, keine Mini-Schaltpause, und es macht weder Roarrr noch Wromm! Nur leises Surren lässt der Motor hören. "Warp-Geschwindigkeit", ploppt als Assoziation im Hirn auf, Spätfolge früheren "Raumschiff-Enterprise"-TV-Konsums. Dazu passt, dass in den Seitenspiegeln die Verfolger immer kleiner werden - alles Verbrenner aus der Welt von gestern.

Fühlt sich fabelhaft an, wie in einem dystopischen Thriller, in dem eine Horde trampelnder Saurier dem kühnen Protagonisten hinterherhetzt. Am Steuer eines modernen Elektroautos spielt man in so einem Plot gern die Hauptrolle: den Sauberen, den Leisen, den Guten. Aber wer zählt ganz am Ende zu den Gewinnern?

Zwei Wochen ein E-Auto testen, lautet der Auftrag: den BMW i3, das in Deutschland derzeit am zweithäufigsten verkaufte E-Fahrzeug. Das Vorurteil über den Wagen geht so: Sieht knuffig aus, ist aber für das, was er leistet, viel zu teuer. Als Radfahrer lernte man den i3 schon fürchten, weil er sich im heimischen Wohngebiet geräuschlos allen Kreuzungen nähert, wo man früher gefahrlos nach Gehör die Vorfahrtsregeln auslegen konnte. Doch Rollenwechsel bewirken oft Wunder. Was, wenn man nun selbst dieses Flüsterauto steuert?

Die Alltagsreichweite ist "ein Thema"

"The i3", wie die BMW-Werber ihn jetzt großspurig nennen - inzwischen gibt es das Auto in der dritten Generation - ist ab 39 000 Euro "nackt" zu haben, mit 125 kW, umgerechnet 170 PS. Die "elektrische Alltagsreichweite" wird mit "bis zu 260 Kilometer" angegeben. "Bis zu"? Was das heißt, ist in den nächsten Tagen noch zu erleben. Wäre man BMW-Vorstandschef Oliver Zipse, so würde man bald feststellen: "Wir haben da ein Thema." Das sagen deutsche Top-Manager immer, wenn sie vor einem größeren Problem stehen, aber so tun, als sei dessen Lösung schon greifbar.

"Das Thema", das die Nutzung des BMW i3 dominiert, heißt eindeutig: Man muss das Auto ständig und überall ausreichend mit Strom versorgen können. Sonst droht Stillstand. Bei einer Reichweite von nur "bis zu 260 Kilometer" heißt das: Die Neuvermessung des eigenen Lebensraums wird nötig. BMW unterstützt seine Kunden dabei. Der Konzern bietet zwei Apps an: "Charge Now" hilft, in der näheren und ferneren Umgebung freie Ladesäulen aufzuspüren - und, genauso wichtig, fürs Laden gleich zu bezahlen; dafür gibt es eine Extrakarte. Auch auf längeren Urlaubsstrecken zeigt die App an, wo es freie Ladeplätze gibt, und um welche Art es sich handelt: Schnellladesäulen (etwa 60 Minuten Ladezeit) oder "normale" (etwa vier Stunden). Ob diese auch frei sind, wenn man dort ankommt, ist eine andere Frage.

Die zweite App, "BMW Connected", ist der ständige Draht zum Auto. Man erfährt aus der Ferne, welche Reichweite die Batterie hat. Hängt der i3 an der Ladesäule, gibt es stets eine zuverlässige Prognose, um welche Uhrzeit eine Ladung von 100 Prozent zu erwarten ist. Aber Vorsicht, Reichweiten sind nur Schätzwerte! Wer spritzig fährt, muss sich, wie beim Verbrenner, auf Abstriche einstellen - aus 200 werden schnell 160 Kilometer Reichweite.

So weit klar? Dann Abfahrt! Expedition zur Autobahnraststätte Vaterstetten West, die bekannt ist als Urlauber-Verpflegungsstätte an der A 99, der Ostumfahrung München. Gerade ist dort offenbar wenig los. Laut "Charge Now" gibt es zwei Ladeplätze - einen Schnellladeanschluss mit 50 Kilowatt und einen "normalen" mit 22 Kilowatt. Beide sind frei, mit dem Test-i3 sind beide nutzbar. Klingt gut.

Doch wer in Vaterstetten West ankommt, sieht die kolossale Total-Tankstelle mit vielen Zapfsäulen für Super und Co. Tatsächlich ist hier wenig los. Aber wo bitte geht es zu den E-Ladeplätzen? Kein Schild, nirgends. Wer rechts an der Tankstelle vorbei fährt, findet nichts, was nach E-Ladestelle aussieht. Schon sieht man sich gezwungen - rückwärts fahren ist zu riskant! - unverrichteter Dinge auf die Autobahn zurückzukehren, kurz vorher passiert man das Schild "Auf Wiedersehen".

Der Tankwart kennt das Problem bereits

Neuer Anlauf, diesmal mit Argusaugen! Ein Mann im Overall fegt bei Total Kehricht zusammen, prompt erspäht er das irrlichternde E-Auto. Offenbar kennt er das, sofort winkt er und erklärt ungefragt den Weg zu den Ladesäulen: Ist gar nicht so schwierig - links vorbei an der Tankstelle, dann rechts halten, kurz vor der Ausfahrt einer 180-Grad-Kurve folgen, und danach wieder ein ganzes Stück zurückfahren. Na endlich, da sind sie, zwei freie Ladeplätze! Irgendwo mittendrin steht tatsächlich ein Schild, das auch eine Mini-E-Zapfsäule zeigt. Wenn Vaterstetten West ein allegorischer Themenpark sein soll für die Wertschätzung der Elektromobilität in Deutschland, dann muss man sagen: Volltreffer, Glückwunsch!

Rückkehr zur Basisstation: Die dem eigenen Zuhause nächstgelegene Ladestelle liegt zwei Kilometer entfernt in Haar, am östlichen Stadtrand Münchens: Bahnhofstraße 7, zwei Ladeplätze, jeder mit 22 Kilowatt. Meist ist einer frei, oft sogar zwei. Bei "Charge Now" ist dieser Ort längst "Favorit" geworden. Man trifft hier freundliche Menschen, wie den Gymnasiasten Tim Schädler, 19, der an diesem Freitagmorgen den i3s seines Vaters rückwärts an die noch freie Säule rangiert. Er wirkt glücklich mit dem Auto: "In der Stadt der absolute Hammer", ruft er und geht zur Schule.

12 Elektroautos

haben die Redakteure der SZ in den vergangenen Wochen einem intensiven Praxistest unterzogen - vom BMW i3 über den Nissan Leaf bis hin zum Nissan e-NV 200. Dabei stand weniger die Frage im Vordergrund: Was kann das Auto technisch? Vielmehr ging es um Antworten auf folgende Fragen: Wie alltagstauglich ist die E-Mobilität? Taugen die Fahrzeuge für die tägliche Fahrt zur Arbeit? Kommt eine Familie damit klar? Und ist auch mal eine Fahrt in den Urlaub über längere Distanzen möglich? Redakteurinnen und Redakteure aus sämtlichen Ressorts der SZ haben die Fahrzeuge im Alltag getestet - und werden in dieser Serie in loser Folge über ihre Erfahrungen berichten.

Aber manchmal, wenn man an der Bahnhofstraße 7 ankommt, ist der Favoriten-Platz besetzt, obwohl "Charge Now" ihn als frei ausweist. Was ist da los? Ein Golf, das Kennzeichen verrät ihn als Verbrenner, wurde dort abgestellt. Ist der Parkplatz nicht ausdrücklich als Ladestelle für E-Autos ausgewiesen? Frechheit! Anruf bei der Polizei, 110. "Was machen Sie in solchen Fällen?" Antwort: "Das ist nur eine geringfügige Ordnungswidrigkeit. Da machen wir nichts." Ende der Durchsage.

Wäre es nicht ohnehin viel bequemer, in der eigenen Garage eine Ladestation zu installieren? Die simple Steckdose dort ginge auch, doch dann dauert das Laden bis zu 18 Stunden. Was bieten die Stadtwerke München? "Jetzt Angebot anfordern", heißt es im Netz, anderntags kommt die E-Mail. "Vielen Dank für Ihr Interesse!" Aber dann heißt es: Die "Erfahrung" habe gezeigt, dass "mit einem Gesamtinvest von ca. 3000 bis 5000 € (brutto) gerechnet werden muss." Kurzes Nachrechnen. Damit könnte man bis zu 60 Tankfüllungen kaufen, genug für 36 000 Kilometer. Seltsam: Der ADAC rät zu einer Wallbox für zu Hause, die 524,39 Euro kostet.

Öko-Held im Auto zu werden, erfordert Geduld und Mühe. Aber: Der i3 ist ein tolles Stadtauto, viel entspannter geht kaum. Auch wenn der Wagen für längere Strecken weniger taugt, sagt das Herz: Den will ich haben! Liegt vielleicht daran, dass man schon im Büssing-Lkw mitfuhr. Doch der Verstand sagt: Abwarten, was noch kommt! Eines wird nach dem Test aber heikel: ordinäre Verbrenner kaufen.

© SZ vom 07.03.2020/cku
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