Probleme bei Daimler Schluss mit dem Herumlärmen

Andreas Renschler (l.) hat seinen Posten im Daimler-Vorstand geräumt.

Daimler will der größte Hersteller von Premiumautos werden, verliert aber zunehmend den Anschluss an Audi und BMW. An den Produkten liegt es nicht, die Probleme liegen tiefer. Und sie sind hausgemacht.

Ein Kommentar von Thomas Fromm

An den Autos allein kann es kaum liegen, dass Daimler solche Probleme hat. Andere Konzerne wären glücklich, wenn ihre Autos so viel Prominenz erfahren hätten wie der Mercedes von Daimler. Nach dem Krieg machte Konrad Adenauer den Benz zur Kanzler-Limousine, ein paar Jahre später wollte Janis Joplin in einem Lied unbedingt einen geschenkt bekommen, und zwar vom Herrgott höchstpersönlich. Heute fahren Rapper in ihren Videos damit herum, was manchmal merkwürdig aussieht, aber vielleicht gerade deshalb auch eine Botschaft ist.

Daimler und Benz, die Namen stehen für die Erfindung des Autos und für Fahrzeuge der Oberklasse. Und doch fahren die Stuttgarter ihren Erzrivalen Audi und BMW hinterher. Während Audi und BMW es schaffen, vor allem junge Leute mit modernem Design und grellen Marketingaktionen an sich zu ziehen, tut sich Daimler oft immer noch schwer. Zuletzt warb der Konzern mit dem Slogan seines Ahnherrn Gottlieb Daimler: "Das Beste oder nichts". Das klang nicht nur nostalgisch, es war sogar so gemeint. Als ob die Leute bei Mercedes eher an Adenauerlimousine denken sollten als ans 21. Jahrhundert.

Kultur des Herumlärmens

Mit neuen Modellen der A- und der S-Klasse will Daimler-Chef Dieter Zetsche seinen Konzern bis 2020 zum weltweit größten Hersteller von sogenannten "Premiumautos" machen. Wirklich entschieden wird die große Frage danach, wer in sechs Jahren führend sein wird, aber nicht allein von den Ingenieuren, den Designern und den Autos, die sie entwickeln. Nicht nur die Fahrzeuge der Konkurrenten stehen Daimler im Wege, sondern die eigene Kultur. Es ist eine Kultur des Herumlärmens.

Jüngstes Beispiel: der plötzliche Abgang von Mercedes-Produktionschef Andreas Renschler. Der Lkw-Experte, der seit langem als möglicher Nachfolger Zetsches gilt, musste erst vor knapp einem Jahr kurzem sein Vorstandsressort wechseln und für Pkws zuständig sein. Jetzt spricht Renschler von mangelnden Perspektiven im Job und wirkt dabei alles in allem ziemlich unglücklich. Möglich, dass er nun zu VW geht - ein Tiefschlag wäre das für Daimler.

Druck auf Konzernchef Zetsche

Erst vor einem Jahr war der Vertrag von Konzernchef Zetsche auf Druck der Arbeitnehmer im Aufsichtsrat nur noch um drei Jahre verlängert worden, statt um fünf, wie geplant. Für den Chef: eine Art Abmahnung. Und für den Dax-Konzern Daimler: ein schwerer Schlag. Woanders wird der Diskurs über Kronprinzen und ihre Zukunft diskret geführt. Hier aber zerfleischt man sich gerne auch mal selbst, sehr zur Freude der Rivalen in München und Ingolstadt. Es passt daher, dass BMW gerade großen Wirbel um sein neues Elektroauto i3 macht, sich selbst als nachhaltig inszeniert - und Daimler nur Personalquerelen dagegenzusetzen hat. Es passt auch, dass Daimler ausgerechnet in China in den vergangenen Jahren ins Hintertreffen geraten war und hier erst allmählich aufholt.

Es gibt Gründe für die Unruhe. Daimler war 20 Jahre lang vor allem eines: das strategische Laboratorium einiger ambitionierter Männer; um Autos ging es in dieser Zeit oft nur am Rande. Es war die Zeit, in der die Konkurrenz aufholte - unter den Folgen leidet Daimler noch heute. Es war die Zeit der großen Egos, gescheiterten Großstrategien und verbrannten Milliarden. Die Zeit des Edzard Reuter, der irgendwann in den achtziger Jahren zu der Auffassung gelangte, dass Autos alleine nicht reichen. Also wurde expandiert, wo es nur ging: AEG, Luft- und Raumfahrtunternehmen, Triebwerke, sogar eine IT-Firma namens Cap Gemini fand man wichtig. Es gab einen Namen für all das: "diversifizierter Technologiekonzern". Dann kam Jürgen Schrempp, und der konnte nicht genug von Autos bekommen, also kaufte er den US-Hersteller Chrysler. "Hochzeit im Himmel" nannten die Manager das, was sie 1998 zusammenbrachten.

Zu viele Nebenkriegsschauplätze

Eine Welt-AG sollte das sein. Ein paar Jahre später wurde die Ehe geschieden. Dann kam Zetsche. Er kam ohne große Visionen, außer eben der, Daimler zum größten "Premium"-Hersteller zu machen. Es war wohl die beste Vision, die es hier seit Jahren gegeben hatte. Nur: Anders als andere große deutsche Autokonzerne hat Daimler keinen Großaktionär, der für Ruhe sorgen könnte. Daimler-Aktien sind breit gestreut - sie liegen bei Renault, einem kuwaitischen Staatsfonds und vielen anderen. Und anders als seine Kollegen bei anderen Unternehmen ist Zetsche wegen der ständigen Querelen mit seinen Betriebsräten geschwächt. Offene Nachfolgedebatten kann ein Konzern nicht brauchen, der mit seinen Autos an die Spitze will. Da kann man noch so gute Autos bauen; ein Milliardenunternehmen wie Daimler braucht jetzt einfach mal: Ruhe.