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Verkehrsversuch:Flatrate für den Nahverkehr

Straßenbahnhaltestelle Straßenbahnhaltestelle Voltmannstraße in Bielefeld im Sonnenaufgang / tramway stop Voltmannstraße

Haltestelle in Bielefeld: In einem Verkehrsversuch wollten Forscher klären, inwieweit ein kostenloser (oder zumindest verbilligter) Nahverkehr die Nutzung des Autos zurückdrängt.

(Foto: Robert B. Fishman/Imago)

Zwei Jahre lang durften Mieter in Bielefeld kostenlos den öffentlichen Nahverkehr nutzen. Weniger Auto gefahren wurde trotzdem nicht.

Von Joachim Göres

Viele Studierende kennen das Prinzip: Sie dürfen in ihrer jeweiligen Hochschulstadt mit ihrem Semesterticket schon seit Jahren kostenlos (oder gegen eine geringe Aufzahlung) mit Bussen und Bahnen fahren - ein Versuch, sie zur Nutzung umweltfreundlicher Verkehrsmittel zu bewegen. Könnte man dieses Modell nicht auch auf andere Gruppen ausweiten, damit mehr Menschen ihr Auto stehen lassen beziehungsweise sich gar nicht erst eines anschaffen? Und dann umsteigen auf Busse und Bahnen, auch im Sinne des Klimaschutzes?

Diesen Fragen ist man bis vor Kurzem in Bielefeld nachgegangen. Um genauer zu sein: im etwa 22 000 Einwohner zählenden Sennestadt, ein Ende der Fünfzigerjahre mit vielen breiten Straßen gebauter Ortsteil am Stadtrand, den die Planer damals - ganz nach dem Konzept der autogerechten Stadt - voll auf den Individualverkehr ausgerichtet hatten. Das prägt das Mobilitätsverhalten der Sennestädter bis heute; zumal es keine Stadtbahnlinie gibt, die den Stadtteil ans Bielefelder Zentrum anbinden würde. Um dorthin zu gelangen, benötigt man mit dem öffentlichen Nahverkehr etwa 45 Minuten und muss dafür auch noch vom Bus auf die schnellere Stadtbahn umsteigen.

Konkret sah der Verkehrsversuch so aus: In Sennestadt durften von Anfang 2019 bis Ende 2020 etwa 1200 Bewohnerinnen und Bewohner aus insgesamt 750 Haushalten die sechs Buslinien im Stadtteil gratis nutzen. Von ihren Vermietern, der Bielefelder Gesellschaft für Wohnen und Immobiliendienstleistungen (BGW) beziehungsweise der Baugenossenschaft Freie Scholle, bekamen die Bewohner das sogenannte Sennestadt-Ticket automatisch und kostenfrei zugeschickt, auf die Miete wurde der Betrag nicht aufgeschlagen. Weitere Tickets für Mitbewohnerinnen und Mitbewohner ab 18 Jahren konnten die Bewohner kostenlos anfordern.

Das Monatsticket gab's für die Hälfte

Außerdem konnten die Mieterinnen und Mieter dieser 750 Haushalte eine Monatskarte für den gesamten Bielefelder Bus- und Stadtbahnverkehr zu einem stark ermäßigten Preis erwerben (für nur 29,45 Euro statt 61 Euro). Die beiden Wohnungsbaugesellschaften zahlten an den kommunalen Bielefelder Nahverkehrsbetreiber Mobiel dafür pro Haushalt und Monat jeweils fünf Euro zur Finanzierung des Modellversuchs.

Parallel zum Sennestadt-Ticket gab und gibt es im Stadtteil verschiedene weitere Aktivitäten, um Alternativen zur Nutzung des Autos zu thematisieren. Dazu gehören beispielsweise öffentlichkeitswirksame Radtouren durch den Stadtteil, es wurde eine Initiative für ein Carsharing-Fahrzeug im Stadtteil angestoßen. Im kommenden Jahr soll im Stadtteil ein Lastenrad zum Ausleihen zur Verfügung stehen.

Seit April fährt zudem ein ehrenamtlich betriebener Kleinbus immer samstags zum Markt und ermöglichte es so Personen, die in ihrer Mobilität eingeschränkt sind, ihre Einkäufe zu erledigen. "Der Bus wird sehr gut angenommen", sagt Bernhard Neugebauer, Geschäftsführer der Sennestadt GmbH. "Wegen Corona verkehrt er derzeit allerdings nicht, weil man zu nah beieinander sitzt." Zudem gebe es einen weiteren Kleinbus, den Fahrgäste in Sennestadt telefonisch bestellen können. Er ist laut Neugebauer vor allem abends und am Wochenende gefragt, wenn die regulären Busse seltener fahren.

Das Institut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung (ILS) aus Dortmund begleitete den Verkehrsversuch und befragte die Haushalte - einmal vor dem Beginn des Modellversuchs sowie ein weiteres Mal im März 2020. So wollten die beiden ILS-Wissenschaftlerinnen Janna Albrecht und Janina Welsch herausfinden, inwieweit sich durch das Sennestadt-Ticket das Mobilitätsverhalten der Bewohner verändert. Die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf den öffentlichen Nahverkehr spielten dabei also keine Rolle - die zweite Befragung fand ja kurz vor dem ersten Lockdown im Frühjahr dieses Jahres statt.

Vor allem Rentnerinnen nutzten das Angebot

Etwa 160 Menschen beteiligten sich an der Befragung. Die zentrale Erkenntnis dabei: Die Nutzung des Autos und des Fahrrades hat sich im Vergleichszeitraum nicht entscheidend verändert, aber es wurden mehr Wege zu Fuß und mit dem Bus zurückgelegt. Zu den regelmäßigen Nutzern des Sennestadt-Tickets zählten vor allen Menschen mit niedrigeren Einkommen, darunter viele Rentnerinnen, denen kein Auto zur Verfügung stand. Mit jeweils rund 40 Prozent fiel die Zustimmung der Befragten zu den Aussagen "Mache aktiv was für Klimaschutz", "Fühle mich mobiler" und "Macht Erledigungen einfacher" besonders groß aus.

Ist der Modellversuch also gescheitert, weil nur wenige das Auto stehen ließen und auf Busse und Bahnen umgestiegen sind? So einfach lässt sich das nicht sagen.

Die beiden ILS-Forscherinnen betonen, dass man eine routinehafte Nutzung des Pkw häufig nicht kurzfristig verändern könne. Zu sehr hat sich das antrainierte Mobilitätsverhalten bei vielen Menschen verfestigt - insbesondere dann, wenn das Auto weiterhin vor der Tür steht und somit jederzeit verfügbar ist, das zeigen Studien aus anderen Städten. Unklar bleibe daher, schreiben die beiden Forscherinnen in ihrem Abschlussbericht, "inwiefern durch ein längerfristiges Angebot eines solchen Mietertickets auch weitreichendere Veränderungen erreicht werden könnten (zum Beispiel Abschaffung eines Pkw auf Haushaltsebene)". Albrecht und Welsch empfehlen Wohnungsunternehmen dennoch, mit einem Mieterticket wie dem in Bielefeld getesteten Sennestadt-Ticket zu werben, um gezielt Wohnungssuchende anzusprechen, die zu einem Verzicht auf ein Auto beziehungsweise zu einer Reduzierung ihrer Autofahrten bereit sind.

Grundsätzlich gebe es bei vielen Mieterinnen und Mietern ein Interesse an solchen Angeboten, hat Kai Schwartz, Vorstandsvorsitzender der Baugenossenschaft Freie Scholle festgestellt. "Die Leute fragen heute nicht nach einem Pkw-Stellplatz, sondern nach einer Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr."

Auch die Verantwortlichen beim Bielefelder Stadtwerke-Tochterunternehmen Mobiel sehen die Ergebnisse des Sennestadt-Projekts positiv. Denn durch den Modellversuch hat sich bei den beteiligten Haushalten die Zahl der Abonnements für ein im gesamten Bielefelder Stadtgebiet gültiges Nahverkehrs-Monatsticket mehr als verdreifacht - der deutlich abgesenkte Preis hatte also durchaus einen Effekt. Man sei mit den Nutzerzahlen zufrieden, erklärt Yvonne Liebold, die Sprecherin der Bielefelder Stadtwerke. Das Ganze sei eine "gute Basis für ein Nachfolgeprojekt, das wir gerne auf ganz Bielefeld ausweiten würden". Dazu sei man mit der Wohnungswirtschaft im Gespräch.

Die große Frage ist nun: Wer zahlt?

Die Frage ist nur: Wer finanziert eine solche Maßnahme? Aus der Sicht von Mobiel-Sprecherin Liebold wäre "ein umlagefinanziertes verpflichtendes Mieter-Ticket wünschenswert" - die Mieter also sollten für die Kosten aufkommen. Doch davon will der Deutsche Mieterbund nichts wissen: Die Mietervertreter wenden sich klar gegen eine Art Nahverkehrs-Zwangsabgabe für die Mietparteien. Aus ihrer Sicht sei es vielmehr an den Vermietern, etwas zur Stärkung des öffentlichen Nahverkehrs beizutragen. "Es wäre natürlich schön, wenn Wohnungsgesellschaften Gratis-ÖPNV-Tickets für ihre Mieterinnen und Mieter aus ihren enormen Gewinnen bestreiten würden", sagt Mieterbund-Sprecherin Jutta Hartmann.

Wie auch immer der Streit am Ende ausgehen wird - die beiden ILS-Forscherinnen Janna Albrecht und Janina Welsch weisen in ihrem Abschlussbericht zum Bielefelder Sennestadt-Ticket unter anderem auf "(miet)rechtliche Hürden" hin, welche die Einführung solcher Angebote erschweren. Aus ihrer Sicht wäre der Gesetzgeber gefordert: Würde das Mietrecht angepasst, könnten die Mobilitätskosten oder mit dem Sennestadt-Ticket vergleichbare, nachhaltige Angebote in die Miet(neben)kosten integriert werden.

© SZ/reek
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