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Verkehr während Corona:Weniger Staus, bessere Luft

Nächtlicher Verkehr auf der Landshuter Allee: Wegen der Corona-Krise gab es auf Münchens Straßen weniger häufig Staus als in den Vorjahren.

(Foto: Robert Haas)

Wegen der Corona-Krise waren die Straßen der Stadt 2020 deutlich leerer als sonst - und die Zeit, die der Münchner durchschnittlich im Stau verbracht hat, ist deutlich gesunken. Das macht sich auch bei der Luftqualität bemerkbar.

Von Andreas Schubert

Ganze 94 Stunden sind die Münchner Autofahrer im vergangenen Jahr durchschnittlich im Stau gestanden - also drei volle Tage und 22 Stunden. Relativ gesehen ist dies allerdings eine deutliche Verbesserung. Denn im Corona-Jahr 2020 ist die im Stau vergeudete Zeit um einen ganzen Tag und 13 Stunden zurückgegangen. Im Jahr davor blieben die Münchner noch 131 Stunden im Verkehr stecken. Das hat die jährliche Analyse des Verkehrsdatenanbieters Tomtom nun ergeben.

München belegt damit auf der bundesweiten Stau-Rangliste den siebten Platz. Die ersten drei Ränge belegen Berlin mit 108 Stunden, Hamburg mit 105 und Wiesbaden mit 96 Stunden. Im internationalen Vergleich liegt München unter 416 ausgewerteten Städten auf Rang 129. Die am meisten von Stau geplagte Stadt der Welt ist Russlands Hauptstadt Moskau mit 200 jährlichen Staustunden, gefolgt vom indischen Mumbai (172 Stunden) und Bogotá in Kolumbien (165 Stunden).

In allen genannten Städten ist der Verkehr als Folge von Einschränkungen wegen der Corona-Pandemie zurückgegangen. In München sank das durchschnittliche Stauniveau um sechs Prozentpunkte auf 24 Prozent. Das heißt: Während ein Autofahrer im Jahr 2020 für eine bestimmte Strecke in München ohne Verkehrsbehinderungen 30 Minuten brauchte, war er im Schnitt für dieselbe Distanz mehr als 37 Minuten unterwegs. Am staureichsten Tag des Jahres 2020, dem 26. Oktober, lag das Stauniveau bei 46 Prozent. Es waren also im Tagesmittel knapp 44 Minuten.

Die durchschnittliche Verzögerung in der morgendlichen Rushhour zwischen sechs und zehn Uhr lag für eine 30-Minuten-Distanz bei elf Minuten im Jahresdurchschnitt, am Nachmittag und Abend zwischen 15 und 19 Uhr brauchten die Autofahrer 13 Minuten länger. Während der Stoßzeiten sind auch die stärksten Veränderungen im Verkehrsaufkommen zu erkennen. Im wöchentlichen Durchschnitt lag der Zeitverlust morgens bei 38 Prozent, im Jahr zuvor waren es noch 54 Prozent. Abends ist das Stauniveau im Durchschnitt um 17 Prozentpunkte von vormals 60 auf nun 43 Prozent gesunken.

Die größten Veränderungen insgesamt zeigten sich während der harten Lockdowns im Frühjahr und im Winter. Während dieser Perioden liegt das Stauniveau an 33 Tagen um mindestens 50 Prozent unter dem Vorjahresniveau. Ohne Lockdown waren es elf weitere Tage.

Von einem Trend weg vom Auto kann man nicht sprechen - im Gegenteil

Zwischen 16. März und 19. April sank das Stauniveau auf den niedrigsten Wert. Mit den Lockerungen der Corona-Maßnahmen stieg es dann wieder von Mai an, erreichte aber nur an einzelnen Tagen den gleichen Wert wie im Vorjahr. Eine mögliche Erklärung dafür sind laut Tomtom Kurzarbeit, flexiblere Arbeitszeiten und das sich etablierende Home-Office. Mit dem Einsetzen der zweiten Welle der Pandemie im Herbst und dem Inkrafttreten von neuen Restriktionen ging das Stauniveau mit dem "Lockdown light" Anfang November deutlich zurück, wenn auch nicht so stark wie im Frühjahr. Auffällig ist dabei, dass nach der Ankündigung erneuter Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen sowie Geschäftsschließungen am 13. Dezember das Stauniveau noch einmal anstieg und sogar höher lag als im Vorjahr - bevor dann die Restriktionen wirksam wurden und die Staubelastung von 16. Dezember an wieder deutlich sank.

Glaubt man verschiedenen Studien, ist dieser Rückgang kein Indikator für eine Verkehrswende. Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt zum Beispiel hat 2020 einen Trend zurück zum eigenen Auto festgestellt. Auch Ralf-Peter Schäfer, Verkehrsexperte bei Tomtom, rechnet damit, dass das Verkehrsaufkommen in den nächsten Monaten wieder zunehmen wird. "Menschen werden wieder in die Arbeit fahren und zu alten Routinen zurückkehren", sagt Schäfer. Deshalb sei nun die richtige Zeit für Stadtplaner, politische Entscheidungsträger und Arbeitgeber, eine Bestandsaufnahme zu machen, welche Maßnahmen sie ergreifen werden, um die Straßen in Zukunft zu entlasten.

Standspuren

Tomtom misst die Verkehrsdichte anhand von Bewegungsdaten. Zu den stauträchtigsten Straßen Münchens zählen demnach die Rosenheimer Straße, die Prinzregenten- und die Schleißheimer Straße, die Wasserburger Landstraße, die Feldmochinger- und die Unterhachinger Straße, die Landsberger-, die Schwanthaler- und die Dachauer Straße. Zugleich taucht ein unauffälliges Sträßchen in Thalkirchen auf: die Münchner Straße. Eine Nachfrage ergab, dass die Daten-Analysten auf ihrer digitalen Karte, der sogenannten Heatmap, dort zeitweise eine besonders hohe Verkehrsdichte feststellten. Man gehe davon aus, dass es sich um Zoobesucher auf Parkplatzsuche handelte, die die Straße verstopften. Ob das nun viele oder wenige Autos waren, spielt für die Heatmap keine Rolle. schub

Die Stadt München arbeitet bereits daran, unter anderem mit dem Ausbau des ÖPNV und der Umsetzung des Radentscheids, der das Radeln sicherer machen soll. In den fünf Straßen, an denen die Stadt 2020 temporäre Radwege eingerichtet hat, hatte Tomtom im Sommer einen schlechteren Verkehrsfluss festgestellt, der aber auch durch Baustellen bedingt war. Jetzt, in der Gesamtschau, zeige sich, "dass sich durch die zusätzlichen Radwege kaum Einschränkungen für den Pkw-Verkehr ergeben haben und sich die Reisezeit nur im Sekundenbereich verlängert hat".

Der Rückgang des Verkehrs hat sich auch positiv auf die Luftqualität in der Stadt ausgewirkt. Wie das Landesamt für Umwelt (LfU) mitteilt, liegt der Jahresmittelwert für die Stickstoffdioxid-Belastung an vier Messstellen des LfU unter dem Grenzwert von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft. Nur an der Landshuter Allee wurde er mit einem Wert von 54 Mikrogramm überschritten. Das sind neun Mikrogramm weniger als im Jahr zuvor. Die am stärksten belasteten Monate waren der Januar (66) und der Juli (67). Die Konzentration von Stickstoffdioxid und Feinstaub war 2020 auf dem niedrigsten Stand der letzten zehn Jahre. Alle bayerischen Messwerte sind unter lfu.bayern.de im Netz abrufbar, die Tomtom-Werte mit allen internationalen Angaben von diesem Mittwoch an unter tomtom.com/trafficindex.

© SZ vom 13.01.2021/lfr/van
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