Konsequenzen des Abgas-Skandals:Fatale Abhängigkeit vom Diesel

Lesezeit: 6 min

Auspuff-Illustration von Stefan Dimitrov

Wer für die Zukunft gerüstet sein will, muss Autos ohne Auspuff entwickeln.

Viel zu lange hat die deutsche Autoindustrie an einer Technologie festgehalten, die keine Zukunft hat. Es wird Zeit, endlich in die Elektromobilität zu investieren.

Essay von Thomas Fromm

Am Anfang war da nichts als ein Tröpfchen Öl. Als Rudolf Diesel Ende des 19. Jahrhunderts die zündende Idee kam, da ging es um sehr einfache Dinge. Wie man Luft in einem Zylinder zusammenpresst, die Temperatur kräftig nach oben drückt und dann ein wenig Kraftstoff dazuspritzt. Es ging um Mini-Explosionen von Luft und Kraftstoff, kleine Kraftwerke, die einen Motor auch ohne Zündkerze anwerfen. Und ohne den damals von Benz entwickelten Ottomotor. Billiger und sparsamer sollte das Motorengeschäft werden und es war, wenn man so will, ein sehr rustikales physikalisches Experiment, mit dem Diesel hier die Geschichte der Mobilität aufmischte.

Diesels Ölbrennerei - das war lange, bevor seine Nachfahren ihre Dieselmotoren in Luxuslimousinen packten. Lange, bevor findige IT-Ingenieure neben dem Öl und der Luft und dem Druck auch noch die Computersoftware für sich entdeckten und so lange mit ihr herumprogrammierten, bis der Motor endlich begriff, ob er auf der Straße unterwegs ist oder auf dem Prüfstand irgendeiner Behörde getestet wird. Ob er sauber sein muss oder dreckig sein darf. Prüfstand, Stickoxide, Abgas-Grenzwerte? Defeat-Device? Am Anfang ging es ja nicht einmal ums Auto. Diesel wollte nur die großen Maschinen in den Hallen der Industriereviere anwerfen. Die Autos kamen erst ein paar Jahre später, und als 1897 der erste Dieselmotor stand, brachte er es auf 20 PS und 4,5 Tonnen. Von wegen 3-Liter V6-Diesel-Motor, von wegen Porsche Cayenne und A6 Quattro.

Die Anhänger der Dieseltechnologie sagen heute: Seitdem ist viel passiert, um den Motor auf die Straße zu holen.

Die Gegner sagen: Vielleicht war die Sache ja auch ein einziges großes Missverständnis. Denn spätestens seitdem man weiß, was Stickoxid-Emissionen und Abgasgrenzwerte sind, und was das alles mit der Gesundheit der Menschen zu tun hat, spätestens seitdem gehöre die Technologie eigentlich dahin, wo sie ursprünglich einmal angefangen hat: weg von der Straße, rein in die großen Maschinen.

Drei Thesen

Kosten: Dieselautos werden sich künftig nicht mehr rechnen

Abgase: Die Firmen müssen andere Wege finden, um die Regeln einzuhalten

Strategien: Wer sich früh für alternative Antriebe entscheidet, ist vorne

Die Diesel-Kritiker haben die besseren Argumente

Eigentlich haben beide recht. Die Diesel-Fans, denn es ist ja auch viel passiert in diesen 120 Jahren. Wie sonst könnte es sein, dass die meisten der großen BMW in Deutschland Dieselfahrzeuge sind, dass bei Mercedes und VW der Dieselanteil bei gut der Hälfte liegt, dass jedes zweite Auto in Europa heute einen Selbstzünder hat? Allerdings haben aber auch die Kritiker recht - und sie werden in den kommenden Jahren die besseren Argumente haben.

Die Dieselaffäre bei VW hat eine Diskussion in Gang gesetzt, die ohnehin geführt werden musste. Deutschlands Autoindustrie hat sich, 120 Jahre nach Rudolf Diesel, in die Abhängigkeit einer Technologie begeben, die keine große Zukunft mehr hat. Es ist die Chronik eines angekündigten Versäumnisses. Statt sich voll und ganz auf die Elektrifizierung der Antriebe zu konzentrieren, arbeiteten sich die Ingenieure in den Entwicklungsabteilungen an der Vergangenheit ab - am Diesel. Mit alten Rezepten in die Zukunft. Es wurde auf Teufel komm raus gefeilt, verbessert, optimiert. Und manchmal auch mit dubiosen Computerprogrammen nachgeholfen.

Männer wie der alte VW-Patriarch Ferdinand Piëch und der langjährige VW-Chef Martin Winterkorn sahen die vornehmliche Aufgabe eines Autoingenieurs darin, aus Verbrennungsmotoren das Letzte herauszuholen, was noch ging.

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