bedeckt München 34°

Brennerautobahn:Im Durchfahrland

Über den Brennerpass fahren täglich Tausende Laster und Pkw. Die Anwohner leiden und zweifeln, ob der geplante Tunnel Abhilfe schaffen wird.

Drei oder vier Jahre ist es nun her, dass Susanne Berger vors Haus trat und in die Stille lauschte. Alles, was sie hörte, war ein bellender Hund in der Nachbarschaft. Sonst nichts. Ein unheimliches Gefühl beschlich sie. Irgendetwas Schlimmes musste passiert sein. In der Nähe des Innsbrucker Eisstadions, das erfuhr sie danach aus den Nachrichten, hatten Bauarbeiter eine Fliegerbombe gefunden. Deshalb also war es im Garten plötzlich so ruhig: Die Inntalautobahn war gesperrt worden, zwar nur für ein paar Stunden. Doch dieser unverhoffte Augenblick der Stille führte Susanne Berger wieder einmal vor Augen, was das eigentlich bedeutet, wenn man in Amras aufgewachsen ist, nur 15 Meter von der Autobahn A12 entfernt. Jenseits aller Grenzwerte für Lärm und Dreck.

Die Europabrücke bei Innsbruck, das Kernstück der österreichischen Brennerautobahn (A13), ist mit einer Höhe von 192 Metern über Grund die höchste Balkenbrücke Europas. Bis zur Fertigstellung der französischen Schrägseilbrücke Viaduc de Millau Ende 2004 war sie 44 Jahre lang überhaupt die höchste Brücke Europas.

(Foto: Foto: DLR)

Jetzt sitzt die 44-Jährige auf ihrer Terrasse und erzählt, wie sie als Kind auf der Autobahnbrücke wartete, bis ein Lastwagen kam, dem sie zuwinken konnte. Sie muss dabei laut sprechen, weil ihre Stimme sonst im Rauschen und Brummen untergeht, das von der Straße heraufzieht. 70.000 Autos fahren täglich am Haus von Susanne Berger vorbei, auf der wichtigsten Transitstrecke Europas: Jede Tomate und jedes Stück Parmaschinken aus Italien müssen hier durch, die Kurzurlauber aus München ebenso wie die bayerischen Milchtankwagen oder die Wohnwagenfahrer aus Holland. Ein paar Kilometer weiter südlich quälen sich endlose Kolonnen von Sattelzügen zum Brennerpass in Richtung Italien hinauf, während der Gegenverkehr mit stinkenden Bremsen bergab nach Norden rollt. "Sie überfahren uns", sagt Susanne Berger mit einer Mischung aus Resignation und Wut, einer Gefühlslage, die sie mit vielen Menschen an der Transitroute teilt.

Das Recht auf freien Waren- und Personenverkehr in der Europäischen Union: Was das eigentlich heißt, das wird nirgendwo so deutlich wie hier in den Alpen: Allein im Jahr 2008 wurden 49 Millionen Tonnen Fracht über den Brennerpass transportiert, davon 34 Millionen Tonnen auf der Straße und 17 Millionen Tonnen auf der Schiene. Das waren 5328 Lastwagen und bis zu 220 Züge pro Tag. Hinzu kommen knapp zehn Millionen Pkw, die im Jahr 2008 an der Mautstelle bei Schönberg erfasst wurden. Dafür gibt es an der 360 Kilometer langen Strecke und zwischen Brannenburg in Bayern und Verona keinen ruhigen Ort mehr. Selbst ins Hochgebirge zieht der Verkehrslärm hinauf. Eine graubraune Wolke aus Ruß und Staub lastet in den Wintermonaten auf den Tälern. Die Tiroler Landesregierung hat das Untere Inntal zum Luftsanierungsgebiet erklärt, unter anderem ein Nachtfahrverbot für Lastwagen erlassen, trotzdem werden die Grenzwerte für Schadstoffe noch immer überschritten. Alle Versuche, den Transit durch Österreich zu begrenzen, scheiterten an der EU.

Und der Verkehr soll weiter wachsen: Prognosen zufolge werden im Jahr 2025 rund 64 Millionen Tonnen Güter über den Brenner gekarrt. Als 1959 in Österreich mit dem Bau der Brennerautobahn begonnen wurde, zählte die Regierung an der Grenze zu Italien 20.000 Lastwagen - pro Jahr. Aber schon damals galt die Belastung für die Menschen entlang der alten Bundesstraße als unzumutbar. Mit der Autobahn über die Alpen, die 1974 eingeweiht wurde, sollte alles besser werden. Doch das Gegenteil war der Fall: Das Wunderwerk auf Betonstelzen zog erst recht den Verkehr aus ganz Europa an. Speditionen nehmen große Umwege in Kauf, weil der Weg über den Brenner die schnellste und billigste Verbindung nach Süden war und noch immer ist. Seit Anfang der 1990er Jahre haben Anwohner insgesamt zehn Mal auf der Autobahn Bürgerversammlungen abgehalten, um gegen den Irrsinn des Transitverkehrs zu demonstrieren. Gebracht haben die Blockaden jedoch nichts. Erst die Wirtschaftskrise hat in diesem Jahr zu einem deutlichen Rückgang der Transporte geführt. Doch diese Verkehrsberuhigung wird nur von kurzer Dauer sein.