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Abenteuerreise:"Grenzen erreichen - und darüber hinausgehen"

Abenteuer-Biker Wolfgang Klentzau auf einer Holzbrücke
(Foto: Wolfgang Klentzau)

Warum macht einer so etwas? Wolfgang gibt bei einem Treffen zusammen mit Thomas in einer Münchner Wirtschaft eine Antwort, die so ähnlich auch von einem Extrembergsteiger kommen könnte: "Du erreichst deine Grenzen und du gehst dann über diese Grenzen hinaus."

Ende Mai 2015 geht es los. Wolfgang hat sein Sabbatical genommen, Thomas seinen kompletten Jahresurlaub von 2014 und 2015. Natürlich haben die beiden ihre Tour vorbereitet, haben die nötigen Visa besorgt, sich jeweils einen Satz Ersatzreifen nach Osch in Kirgisistan und später nach Irkutsk schicken lassen, die Route aber nur so locker festgelegt, dass jederzeit Alternativen möglich gewesen wären. "Es gab Eckpunkte, aber wir haben nicht dagegessen und auf der Karte Punkt für Punkt eingetragen", sagt Thomas.

Wichtiger als die genaue Strecke sind den beiden ihre Motorräder. Wolfgang ist mit einer BMW 650 Xchallenge unterwegs, Thomas mit einer KTM 690 Enduro. Beides Maschinen, die mit Gepäck nur knapp über 200 Kilo wiegen. Und die als zuverlässig und robust gelten. Trotzdem müssen alle denkbaren Risiken einkalkuliert werden. Es gehe darum, die Schwachstellen seiner Maschine genau zu kennen, sagt Thomas. "Dann nimmt man gezielt Ersatzteile mit." Reifenflickzeug, Luftpumpe, Aufbockhilfe, Panzertape, Schellen, Kabelbinder, alle möglichen Schrauben - das gehört ohnehin dazu. "Du darfst nichts vergessen, in Russland gibt es keinen ADAC", sagt Wolfgang. Beide sind das, was man in Motorradkreisen "Schrauber" nennt, sie können viel selber machen. Was sie auch mehrfach unter Beweis stellen müssen. Einer mit zwei linken Händen wäre auf so einer Tour verloren.

Ein Wadenbeinbruch bleibt lange unbemerkt

Die Tagesetappen richten sich nach dem Schwierigkeitsgrad der Strecke, übernachtet wird in Unterkünften, die von primitiv bis komfortabel reichen. Oder im Zelt irgendwo mitten in der Pampa. Die Erlebnisse, die die beiden in ihrem Reiseblog "Roads to Siberia" festhalten, sind überwältigend. Die wechselnden Landschaften, die fahrerischen Herausforderungen. Und immer wieder die Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft, auf die sie stoßen. Im ersten Teil der Reise stürzt Wolfgang, sein Knöchel schwillt an, er kommt tagelang nicht mehr richtig in seinen Motorradstiefel. Aber er fährt trotzdem weiter, irgendwann lassen die Schmerzen nach. Erst zu Hause, Monate später, stellt sich heraus, dass er sich bei dem Sturz das Wadenbein gebrochen hat. Der Bruch ist schlecht verheilt und muss operiert werden.

Gestartet sind sie zu zweit, aber irgendwann sind sie dann zu dritt. Unterwegs treffen Wolfgang und Thomas auf John aus Nottingham. Dessen Kumpel will nicht mehr weiterfahren. John ist auf einer gewaltigen BMW 1200 GS Adventure unterwegs, mit Gepäck bestimmt 400 Kilo schwer, viel zu schwer für die Strecke, die noch vor ihnen liegt. Wolfgang und Thomas haben dann erst mal geschaut, wie sich John mit seiner schweren Maschine schlägt. Schnell wird klar: John ist ein exzellenter Fahrer, er hat 15 Jahre lang als Motorradkurier gearbeitet. Aus dem Duo wird ein Trio, das sich immer wieder gegenseitig hilft, bei Pannen, beim Durchfahren schwieriger Stellen, oder wenn einer stecken geblieben oder umgefallen ist. Meist ist das John mit seiner schweren Maschine. Aber zu dritt lassen sich auch 400 Kilo wieder hochwuchten. "Wir sind Freunde fürs Leben geworden", sagt Wolfgang.

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