Süddeutsche Zeitung

Abenteuerreise:Mit dem Motorrad nach Sibirien

Zwei Deutsche und ein Engländer haben sich diesen Traum erfüllt - und dabei schlechten Straßen, Pannen und Wadenbeinbrüchen getrotzt. Erinnerungen an ein echtes Abenteuer.

Von Peter Fahrenholz

Der Traum von Wolfgang Klentzau beginnt im Herbst 2009 mit einer DVD, die ihm seine Frau schenkt. Klentzau, heute 57, arbeitet als Beamter in der Justizverwaltung von Hamburg, ein "Sesselpuper", wie er selber sagt. Aber in seiner Freizeit ist er begeisterter Motorradfahrer. Keiner von der Sorte, denen die Feierabendrunde zur Eisdiele reicht, sondern ein Endurofahrer, den auch Pisten jenseits asphaltierter Straßen reizen. In der DVD geht es um Fernreisen mit dem Motorrad. Klentzau ist beeindruckt, so wie man eben beeindruckt ist von Abenteuern, die andere erleben. Zwei Jahre später schaut er sich die DVD noch einmal ganz genau an, ist fasziniert von den Strecken in Sibirien, stöbert im Internet, stößt auf weitere Reiseberichte. "Da war mir klar: Da will ich auch hin."

Wolfgang Klentzau beginnt mit den Vorbereitungen, um seinen Traum in die Tat umzusetzen. Er spart Zeit an, um ein dreimonatiges Sabbatical nehmen zu können, macht einen Russisch-Kurs, um sich zumindest notdürftig verständigen und die Straßenschilder lesen zu können, brütet über Streckenplänen, sucht nach einer passenden, gebrauchten Maschine, die einerseits fernreisetauglich ist, andererseits auch extreme Offroad-Einsätze mitmacht. Und nach einem Reisepartner. Denn da, wo er hinwill, ist man alleine aufgeschmissen, wenn etwas passiert.

Mit dem Motorrad 21 000 Kilometer über schlechte Straßen

In einem Internetforum für Weltenbummler stößt er schließlich auf Thomas, der aus beruflichen Gründen nicht mit seinem vollen Namen in der Zeitung stehen möchte. Thomas, 39, lebt in München, arbeitet in der IT-Branche und ist sibirienmäßig ein "Wiederholungstäter", wie er sagt. Er war 2012 schon einmal auf einer ähnlichen Route unterwegs. Das erste Telefonat der beiden im Sommer 2014 dauert zwei Stunden, nach einem ersten Treffen sind zwei Dinge klar: Sie machen die Reise zusammen. Und bei Hotelübernachtungen gibt es getrennte Zimmer - Wolfgang schnarcht einfach zu laut.

Was die beiden vorhaben, ist extrem. In drei Monaten mehr als 21 000 Kilometer auf dem Motorrad, auf Straßen, die entweder schlecht oder gar keine Straßen sind. Zuerst über Polen, Weißrussland, Russland, Kasachstan, Usbekistan nach Tadschikistan über den Pamir-Highway, der mit einer Autobahn natürlich nicht das Geringste zu tun hat. Und dann über Kirgisitan, wieder Kasachstan, das Altai-Gebirge in Russland, die Mongolei nach Sibirien. Zur größten Herausforderung der ganzen Reise: der BAM-Road, einer der härtesten Strecken der Welt.

3000 Kilometer auf der BAM-Road

Die BAM-Road ist die ehemalige Versorgungsstraße für den Bau der Baikal-Amur-Magistrale (BAM), eines der gewaltigsten Eisenbahnprojekte der Sowjetunion. Unter Stalin begonnen, dann unterbrochen und in der Breschnew-Ära als Prestigeprojekt wieder aufgenommen und mit gewaltigem Propagandaaufwand in den 80er-Jahren fertiggestellt, führt die BAM von Sibirien in den Fernen Osten Russlands, über mehr als 3000 Kilometer. 1600 Kilometer davon kann man auf der BAM-Road mehr oder minder parallel zur Eisenbahnstrecke fahren.

Schotterpisten, Geröll- und Schlammpassagen, tiefe Wasserlöcher, vergammelte Holzbrücken, die aussehen, als würden sie im nächsten Moment zusammenbrechen, Flussdurchfahrten dort, wo die Brücken tatsächlich schon eingestürzt sind - das ist die BAM-Road. Und wenn es keine Brücke gibt, und der Fluss zu breit und zu tief ist, muss als ultimativer Nervenkitzel über die Eisenbahnbrücke gefahren werden, auf einem schmalen Streifen neben dem Schotterbett.

"Grenzen erreichen - und darüber hinausgehen"

Warum macht einer so etwas? Wolfgang gibt bei einem Treffen zusammen mit Thomas in einer Münchner Wirtschaft eine Antwort, die so ähnlich auch von einem Extrembergsteiger kommen könnte: "Du erreichst deine Grenzen und du gehst dann über diese Grenzen hinaus."

Ende Mai 2015 geht es los. Wolfgang hat sein Sabbatical genommen, Thomas seinen kompletten Jahresurlaub von 2014 und 2015. Natürlich haben die beiden ihre Tour vorbereitet, haben die nötigen Visa besorgt, sich jeweils einen Satz Ersatzreifen nach Osch in Kirgisistan und später nach Irkutsk schicken lassen, die Route aber nur so locker festgelegt, dass jederzeit Alternativen möglich gewesen wären. "Es gab Eckpunkte, aber wir haben nicht dagegessen und auf der Karte Punkt für Punkt eingetragen", sagt Thomas.

Wichtiger als die genaue Strecke sind den beiden ihre Motorräder. Wolfgang ist mit einer BMW 650 Xchallenge unterwegs, Thomas mit einer KTM 690 Enduro. Beides Maschinen, die mit Gepäck nur knapp über 200 Kilo wiegen. Und die als zuverlässig und robust gelten. Trotzdem müssen alle denkbaren Risiken einkalkuliert werden. Es gehe darum, die Schwachstellen seiner Maschine genau zu kennen, sagt Thomas. "Dann nimmt man gezielt Ersatzteile mit." Reifenflickzeug, Luftpumpe, Aufbockhilfe, Panzertape, Schellen, Kabelbinder, alle möglichen Schrauben - das gehört ohnehin dazu. "Du darfst nichts vergessen, in Russland gibt es keinen ADAC", sagt Wolfgang. Beide sind das, was man in Motorradkreisen "Schrauber" nennt, sie können viel selber machen. Was sie auch mehrfach unter Beweis stellen müssen. Einer mit zwei linken Händen wäre auf so einer Tour verloren.

Ein Wadenbeinbruch bleibt lange unbemerkt

Die Tagesetappen richten sich nach dem Schwierigkeitsgrad der Strecke, übernachtet wird in Unterkünften, die von primitiv bis komfortabel reichen. Oder im Zelt irgendwo mitten in der Pampa. Die Erlebnisse, die die beiden in ihrem Reiseblog "Roads to Siberia" festhalten, sind überwältigend. Die wechselnden Landschaften, die fahrerischen Herausforderungen. Und immer wieder die Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft, auf die sie stoßen. Im ersten Teil der Reise stürzt Wolfgang, sein Knöchel schwillt an, er kommt tagelang nicht mehr richtig in seinen Motorradstiefel. Aber er fährt trotzdem weiter, irgendwann lassen die Schmerzen nach. Erst zu Hause, Monate später, stellt sich heraus, dass er sich bei dem Sturz das Wadenbein gebrochen hat. Der Bruch ist schlecht verheilt und muss operiert werden.

Gestartet sind sie zu zweit, aber irgendwann sind sie dann zu dritt. Unterwegs treffen Wolfgang und Thomas auf John aus Nottingham. Dessen Kumpel will nicht mehr weiterfahren. John ist auf einer gewaltigen BMW 1200 GS Adventure unterwegs, mit Gepäck bestimmt 400 Kilo schwer, viel zu schwer für die Strecke, die noch vor ihnen liegt. Wolfgang und Thomas haben dann erst mal geschaut, wie sich John mit seiner schweren Maschine schlägt. Schnell wird klar: John ist ein exzellenter Fahrer, er hat 15 Jahre lang als Motorradkurier gearbeitet. Aus dem Duo wird ein Trio, das sich immer wieder gegenseitig hilft, bei Pannen, beim Durchfahren schwieriger Stellen, oder wenn einer stecken geblieben oder umgefallen ist. Meist ist das John mit seiner schweren Maschine. Aber zu dritt lassen sich auch 400 Kilo wieder hochwuchten. "Wir sind Freunde fürs Leben geworden", sagt Wolfgang.

Jede Eisenbahnbrücke wird zum Abenteuer

Einmal müssen die drei wieder mal über eine der Eisenbahnbrücken. Thomas ist als Erster drüben, da fängt er plötzlich an zu winken und herumzuspringen. Was denn, denkt Wolfgang, hat er eine Wespe im Helm? Dann sehen sie, wie sich von hinten außerplanmäßig ein Zug nähert. John und Wolfgang flüchten sich jeweils in eine der seitlichen Ausbuchtungen im Brückengeländer, die in regelmäßigen Abständen da sind. "Wir sind nach jeder Eisenbahnbrücke erst mal abgestiegen und haben eine geraucht", sagt Thomas.

200 Kilometer vor dem Ziel ist Schluss, John bleibt in einem Fluss stecken, beim Versuch loszukommen, gibt die Kupplung ihren Geist auf. Russische Arbeiter helfen bei der Bergung, verladen alle Maschinen dann auf einen Bauzug, der die drei in die nächste Provinzstadt fährt. Von dort geht es per Zug nach Moskau. John fliegt nach Hamburg, kommt mit einer neuen Kupplung im Gepäck zurück. Die beiden anderen starten mit dem Motorrad Richtung Heimat.

Die Eindrücke bleiben "immer im Kopf"

Was macht so eine Reise mit einem? Was verändert sie? Als Wolfgang und Thomas wieder zu Hause sind, tun sie sich schwer mit der Eingewöhnung. "Das Fahren in dieser grandiosen Landschaft, ich denke da jeden Tag dran, ich könnte ewig so weiterfahren", sagt Thomas. Die vielen Eindrücke, die Bilder, "das ist immer im Kopf". Wolfgang geht es genauso, gleichzeitig geht er mit dem heimischen Kleinkram seither aber viel gelassener um. "Du kommst geerdet zurück", sagt er. Schnell ist beiden klar: Das reicht noch nicht, das werden wir noch mal machen.

An diesem Wochenende wollen sie sich zu dritt in Brüssel treffen, die nächste große Reise vorplanen. Wolfgang hat dafür 2019 im Kopf, er muss erst wieder genug Zeit ansparen. Es soll erneut nach Osten gehen. John hat sich mittlerweile auch ein leichteres Motorrad zugelegt.

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Quelle:
SZ vom 26.03.2016/harl
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