Volkskrankheiten in Europa Jeder dritte Europäer leidet an einer Störung des Gehirns

Bei Volkskrankheiten denken wir zuerst an Bluthochdruck und andere schwere Leiden des Körpers - nicht an unser Gehirn. Doch es sind psychische und neurologische Störungen, die die Europäer am meisten belasten.

Von Christian Weber

Bluthochdruck, Arthrose, Diabetes natürlich, Krebs vielleicht - wenn von Volkskrankheiten die Rede ist, denken die meisten Menschen ganz selbstverständlich an die schweren Leiden des Körpers.

Volkskrankheit Hirnstörung: Wissenschaftler haben Daten von 514 Millionen Menschen aus allen 27 EU-Ländern sowie der Schweiz, Island und Norwegen gesammelt. Neben Krankheiten wie Depression und Sucht erfassten sie auch zahlreiche weitere  neurologische Erkrankungen wie die Demenzen.

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Doch jetzt bestätigt die bislang beste und umfassendste epidemiologische Studie zum Thema ein weiteres Mal, dass in Wirklichkeit die Störungen des Gehirns den Menschen - zumindest in Europa - die größere Last aufbürden: Psychische und neurologische Störungen verursachen demnach 26,6 Prozent aller sogenannten DALYS.

Mit diesem Begriff der "disability-adjusted lifeyears" bezeichnet die Weltgesundheitsorganisation (WHO) alle Lebensjahre, die durch Krankheit verloren gehen, sei es durch eingeschränkte Lebensqualität oder gar vorzeitigen Tod.

Für ihre in der Fachzeitschrift European Neuropsychopharmacology (Bd. 21, S.655, 2011) veröffentlichte Studie sammelte und analysierte das vielköpfige, multinationale Forscherteam um den Psychiater Hans-Ulrich Wittchen von der TU Dresden und den Psychologen Frank Jacobi, der zusätzlich in Berlin lehrt, die Daten von 514 Millionen Menschen aus allen 27 EU-Ländern sowie der Schweiz, Island und Norwegen.

Anders als in einer vergleichbaren Studie aus dem Jahre 2005 berücksichtigten die Autoren diesmal nicht nur Menschen im Alter zwischen 18 und 65 Jahren, sondern auch Jüngere und Ältere. Außerdem erweiterten sie den Katalog der erfassten Krankheiten um zahlreiche neurologische Erkrankungen - statistisch besonders relevant: die Demenzen.

Zwar bringt das Ergebnis den epidemiologischen Fachmann nicht unbedingt zum Staunen, doch der Laie wundert sich: Der neuen Analyse zufolge leiden jedes Jahr 38,2 Prozent der Europäer oder 164,8 Millionen Menschen an einer neuropsychiatrischen Störung. Besonders verbreitet seien mit einem Anteil von 14 Prozent die Angststörungen, gefolgt von Schlaflosigkeit (7 Prozent), unipolarer Depression (6,9 Prozent), psychosomatischen Erkrankungen (6,3 Prozent), Alkohol- und Drogenabhängigkeit (über 4 Prozent), ADHS (5 Prozent bei den Jüngeren) und Demenzen (1 Prozent bei den 60 bis 65-Jährigen, 30 Prozent bei den über 85-Jährigen).

Dabei zeigten sich mit den Ausnahmen von Alkoholmissbrauch und geistiger Behinderung kaum Länderdifferenzen. Ebenso sind alle Altersgruppen mehr oder weniger von psychischen Störungen betroffen. Deutlicher unterscheiden sich die Geschlechter: Frauen leiden häufiger an Depressionen, Migräne, Panikattacken und posttraumatischen Belastungsstörungen. Männer liegen beim Alkoholkonsum an der Spitze.

So hoch diese Zahlen erscheinen mögen, haben wir doch eher konservativ geschätzt", sagt Studienautor Jacobi. So fehlten etwa einige neurologische Erkrankungen, bei denen die Datenlage unzureichend war. Der Psychologe betont allerdings, dass die festgestellten Prävalenzen keinen Trend zu mehr psychischen Erkrankungen belegen, wie häufig behauptet wird: "Dramatische Entwicklungen konnten wir nicht feststellen."

Wie bereits andere Studien gezeigt haben, steigt nicht die Zahl der Erkrankungen, sondern die Häufigkeit der Diagnosen. Patienten und Ärzte sind aufgeklärter. Doch immer noch werden die absoluten Zahlen unterschätzt: "Psychische Störungen sind kein seltenes Schicksal ", kommentieren die Autoren. "Das Gehirn als komplexestes Organ ist genauso häufig wie der Rest des Körpers von Störungen und Erkrankungen betroffen."

Grund zur Entwarnung gebe es aber nicht: Immer noch herrschten extreme Missstände in der Versorgung psychisch Kranker, weniger als ein Drittel der Betroffenen werde überhaupt behandelt, und wenn, dann häufig erst mit jahrelanger Verzögerung und nicht nach dem Stand der Wissenschaft.

Dies sei umso bedenklicher, sagt Studienautor Wittchen, da viele psychische Leiden bereits früh beginnen und dann das weitere Leben überschatten und zusätzliche gesundheitliche Komplikationen auslösen können. Der Psychiater resümiert: "Das niedrige Problembewusstsein gekoppelt mit dem Unwissen über das wahre Ausmaß hinsichtlich Häufigkeit, Belastungen und Störungen in allen Gesellschaften und Schichten ist das zentrale Hindernis für die Bewältigung dieser Herausforderung."