IT-Industrie Mia san digital

In der neuen Deutschland-Zentrale von Microsoft im Norden der Münchner Innenstadt gibt es keine festen Schreibtische mehr.

(Foto: Matthias Balk/dpa)

Geht es um die Digitalisierung, reden alle immer von Berlin. Dabei setzten viele Internetkonzerne gezielt auf München - mit gutem Grund.

Kommentar von Ulrich Schäfer

Berlin, Berlin. Alle reden von Berlin, wenn es um die Frage geht, wo denn in Deutschland die größte Dynamik in Sachen Digitalisierung herrscht. Die Hauptstadt hat sich in den letzten Jahren weltweit einen durchaus berechtigten Ruf erarbeitet als Standort für innovative, schnell wachsende Unternehmen. Es ist dort ein Ökosystem entstanden, das selbst im Silicon Valley große Anerkennung genießt. Berlin gehört, neben Städten wie Tel Aviv, New York und London, zu den dynamischsten Gründer-Metropolen der Welt.

Doch es ist dies ein in Teilen verzerrtes Bild. Denn auch anderswo in Deutschland wird kräftig an der Digitalisierung gearbeitet. Dies geschieht vielleicht mit weniger medialer Begleitung und weniger Eigenwerbung, aber es ist nicht minder bedeutsam. Quer durch die Republik, und insbesondere in Städten wie zum Beispiel Hamburg oder Düsseldorf, machen sich Gründer mit Start-ups selbstständig. Mindestens so bedeutsam aber sind Entwicklungen, wie sie nun in München zu beobachten sind. Die bayerische Landeshauptstadt steht ja im Ruf einer gewissen Selbstgefälligkeit, das Mia-san-mia-Gefühl wird nicht nur vom örtlichen Fußballverein gepflegt, sondern es entspricht einer weit verbreiteten Lebenseinstellung.

Die Internetkonzerne suchen die Nähe zur Industrie

Deshalb hat es München auch bisher nicht für nötig gehalten, auf seine unbestreitbaren Stärken im digitalen Zeitalter hinzuweisen. München: das war lange vor allem ein Standort für klassische Industrie- und auch Finanzkonzerne. Für Unternehmen also, die sich anfangs mit dem, was da im Silicon Valley erdacht wurde, schwertaten. Facebook, Google, Twitter, Snapchat: das war nicht ihre Welt. Die klassischen Konzerne in Deutschland begriffen oft erst spät, dass die Digitalisierung auch ihr Geschäftsmodell von Grund auf verändern würde.

Doch seit ein paar Jahren beginnt sich dies zu ändern, es entsteht das Internet der Dinge, das über das Netz alles miteinander verbindet: Autos und Häuser, Uhren und Fitness-Armbänder, Aufzüge, Maschinen und ganze Fabriken. Hierin liegt eine große Chance für deutsche Unternehmen, die die erste Runde der Digitalisierung verschlafen haben. Denn: die Deutschen und ihre Unternehmen mögen vielleicht weniger vom Internet verstehen, aber sie verstehen eine ganze Menge davon, Dinge zu produzieren; und wenn nun diese Dinge alle miteinander über das Internet miteinander verknüpft werden und kommunizieren, dann können die hiesigen Unternehmen ganz vorne mit dabei sein.

Arbeiten ohne Arbeitsplatz - das ist die neue Microsoft-Zentrale

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Und genau deshalb investieren amerikanische Unternehmen wie Microsoft und IBM nun sehr viel Geld in ihre neuen, größeren Niederlassungen in München. Microsoft eröffnet an diesem Dienstag seine neue Deutschland-Zentrale in der Parkstadt Schwabing, IBM kündigte vorige Woche an, dass es seine weltweite Entwicklungszentrale für das Internet der Dinge im Hochhaus gleich nebenan ansiedeln wird. Auch Salesforce und Cisco haben hier ihre Deutschlandzentrale, Google lässt in seinem neuen Büro 700 Mitarbeiter so bedeutsame Produkte wie den Browser Chrome oder die technischen Verbindungen mit dem Auto entwickeln.

In München entsteht gerade etwas - es nur ist anders als Berlin

Die US-Konzerne zieht es alle aus dem gleichen Grund hierher: Sie suchen die Nähe der größten Industriekonzerne - und damit ihrer wichtigsten Kunden. Und Industrie heißt in dem Fall: Siemens oder BMW, Infineon oder Audi, Schaeffler und Daimler, Bosch und Porsche (denn Stuttgart ist ja auch nicht weit). Aber es heißt auch: Finanzindustrie, also vor allem Allianz und Münchner Rück. Denn auch diese Unternehmen werden gerade von der Digitalisierung durchgeschüttelt. Microsoft, IBM, Google und Co. helfen ihnen dabei, diese Herausforderung zu bewältigen.

Rund um die Industrieriesen entstehen mittlerweile interessante Start-ups wie etwa Tado, Navvis und Bragi. Die Gründer stammen oft von der Technischen Universität München. Sie machen nicht so viel Aufhebens um ihre Geschichte wie die Berliner. Einer von ihnen, Felix Reinshagen von Navvis, verkündet allerdings selbstbewusst, München mit seiner Mischung aus Industrie, Universitäten, Forschung und jungen Firmen, verfüge über das "weltweit beste Cluster für das Internet der Dinge".

Man mag dies für ein wenig zu optimistisch halten. Aber eines ist gewiss: In München entsteht gerade etwas - es ist anders als Berlin, nicht so bunt, so schrill, so hipp. Am Ende geht es aber, wenn Deutschland im digitalen Zeitalter bestehen will, nicht um ein Entweder-oder. Deutschland bietet sehr unterschiedliche Standorte für unterschiedliche Entwicklungen. Und das ist nach Jahren der digitalen Lethargie in der deutschen Wirtschaft erstmal eine gute Nachricht.

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